«Burn Book» liefert eine Zeitreise in jene Ära, als Amazon noch Cadabra hiess und Jeff Bezos als Jungunternehmer um die Aufmerksamkeit von Journalisten buhlte.
Wenn Kara Swisher ruft, kommen sie alle: der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom, der Linkedin-Gründer Reid Hoffmann, der AOL-Gründer Steve Case – und an diesem Abend Mitte März nun Sam Altman, der CEO von Open AI.
Er sei nervös, sagt der Chef der bekanntesten KI-Firma unserer Zeit gleich zu Beginn, als er mit Swisher im ausverkauften Goldstein-Theater in San Francisco auf die Bühne tritt – schliesslich soll er für einmal keine Fragen beantworten, sondern Swisher welche stellen. «Mal schauen, ob du auch für diesen Job taugst», sagt diese.
«Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden»
Swisher ist als scharfzüngige Tech-Journalistin legendär, nun hat die 61-Jährige ihre Memoiren veröffentlicht und ist auf Buchtour. «Burn Book – a Tech-Lovestory» ist vor allem eine Chronologie der wichtigsten Tech-Ereignisse der vergangenen dreissig Jahre. Denn Swishers eigene Karriere als Journalistin verlief parallel zum Technologie-Boom ab den 1990er Jahren – also jener Zeit, in der Internet, Computer und Smartphones aus den Nerd-Nischen in die Mitte der Gesellschaft rückten und unser aller Leben umwälzten.
Als junge Reporterin bei der «Washington Post» berichtete Swisher zunächst deswegen über Technologie, weil es keiner der alteingesessenen Kollegen tun wollte. Dann erlebte sie ihren eigenen Aha-Moment, als sie Anfang der neunziger Jahre an einem Unirechner zum ersten Mal ein ganzes Buch aus dem Internet herunterladen konnte, einen Comicband. Ihr sei schlagartig klargeworden: «Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden.» Lieder, Bücher, Filme, Werbeanzeigen, Artikel – nichts würde mehr sein wie zuvor.
Swisher zog die Konsequenzen. Sie lehnte Jobangebote als Hauptstadtreporterin ab, tauschte ihren Festnetzanschluss gegen eines der ersten Handys und siedelte auf eigenen Wunsch nach Kalifornien um, von wo aus sie für das «Wall Street Journal» über die aufstrebende Internetwirtschaft im Silicon Valley berichtete.
Der Google-Gründer Brin nimmt im Gespräch gerne Yoga-Posen ein
«Burn Book» liefert eine Zeitreise in jene Ära, als Amazon noch Cadabra hiess und Jeff Bezos als Jungunternehmer um die Aufmerksamkeit von Journalisten wie Swisher buhlte. Als erstmals Firmen wie Netscape plötzlich Rutschen in Büros stellten. Als ein Entrepreneur namens Steve Case vollmundig verkündete, sein wenig bekannter Internetdienst AOL werde eines Tages grösser als der Medienkonzern Time Warner werden (es kam genau so).
Swishers Schilderungen liefern eine lehrreiche und vielfach lustige Lektüre – auch, weil die Techies zuverlässig Stoff für bizarre Geschichten bieten: wie auf Festen Cocktails aus Eisskulpturen in der Form von weiblichen Brüsten flossen, wie der Google-Mitgründer Sergey Brin in jungen Jahren «manchmal mitten im Gespräch Yoga-Posen einnahm». Oder wie ein Hollywood-Produzent nach dem Platzen der ersten Dotcom-Blase erleichtert sagte: «Zum Glück ist dieses Internetdings nun vorbei.»
Nervig ist, wie Swisher den Leser ständig daran erinnern muss, dass sie mit ihren Vorhersagen recht hatte. Diese Eigenart dürfte den Zuhörern ihrer Podcasts womöglich vertraut sein.
Auffällig ist auch, wie Swisher sich im Laufe des Buches bemüht, die journalistische Distanz zu den Tech-Unternehmern nachträglich zu vergrössern, indem sie diese immer wieder abfällig als «erwachsene Kleinkinder» (adult toddlers) und «Männerknaben» (men boys) belächelt.
In Wahrheit scheint sie etwas zu tief in die Tech-Szene eingetaucht zu sein: Der Google-Gründer Sergey Brin und seine Frau Anne Wojcicki – später CEO der Gendatenbank «23 and Me» – luden Swisher 2008 zu ihrer Baby Shower ein. Der zweite Google-Gründer Larry Page bat Swisher vor dem Börsengang, ihm mit einem Essay an potenzielle Investoren zu helfen (was Swisher ablehnte). Mit dem Tesla-Gründer Elon Musk verband sie jahrelang eine Freundschaft. Nicht zuletzt die Auswahl der Interviewpartner auf der jetzigen Buchtour zeigt, wie eng Swisher mit der Branche verbandelt ist, über die sie schreibt.
Zu eng? Swisher selbst gibt zu, dass sie die Distanz verloren hatte. Als das «New York Magazine» 2015 in einem Porträt über Swisher zahlreiche Unternehmer zitierte, welche Swisher als «die am meisten gefürchtete und geschätzte Journalistin des Silicon Valley» bezeichneten, habe ihr gedämmert: «Ich war selbst Teil der Szene geworden in einer Weise, die mir unangenehm war.» Swisher zog 2020, auch aus privaten Gründen, ans andere Ende des Landes, nach Washington DC, wo sie heute mit ihrer zweiten Frau und ihren vier Kindern lebt.
Die geografische Distanz tat ihrer Karriere keinen Abbruch, im Gegenteil. Ähnlich wie die Tech-Firmen, die sich von Startups zu Billionen-Dollar-Firmen entwickelt haben, stieg auch die Marke Swisher empor: Sie gründete und verkaufte mit Recode eine eigene Nachrichtenplattform und mit Code eine globale Konferenzserie, lancierte zahlreiche Podcasts, hatte eine Kolumne für die «New York Times», tritt regelmässig im Kabelfernsehen als Kommentatorin auf. «Burn Book» landete direkt auf dem zweiten Platz der «New York Times»-Bestseller-Liste. In gewisser Weise ist auch Swisher eine Silicon-Valley-Unternehmerin, die dank Tech reich wurde.
Sie selbst sieht den Schlüssel für ihren Erfolg schlichtweg in harter Arbeit, «ich bin nun mal fleissiger als die meisten anderen», erklärt sie Altman auf der Bühne. Selbstbewusstsein dürfte auch eine Rolle gespielt haben.
Die Liebesbeziehung steckt in der Krise
Nach Jahrzehnten des Berichtens stellt sich bei Swisher heute eine gewisse Desillusionierung ein; ihre Liebesbeziehung mit dem Tech-Sektor durchlaufe zurzeit eine Krise, sagt sie. Zu viele Unternehmer hätten einen Retterkomplex und täten so, als könnten ihre Produkte die Welt retten. Früher sei dies anders gewesen, «Reed Hastings hat nie so getan, als gründe er mit Netflix nun die Vereinten Nationen.»
In all den Jahren der Tech-Berichterstattung habe sie gelernt, dass grosse Firmen im Handumdrehen untergehen und von Aufsteigern gefressen werden könnten – so, wie der Medienkonzern Time Warner vom einstigen Newcomer AOL übernommen wurde, Google die Suchmaschine Yahoo verdrängte oder der viel gepriesene Browser Netscape vom Konkurrenten Internet Explorer abgelöst wurde.
Selbst im Zeitalter der künstlichen Intelligenz könne dies passieren, sagt sie zu Altman. «Schauen wir mal, ob Open AI am Ende das Netscape oder das Google des 21. Jahrhunderts ist.»