Schon oft sind israelische Athleten von Wettbewerben ausgeschlossen worden – doch die gegenwärtige Protestbewegung erreicht eine neue Dimension. Sollten sich Israels Fussballer für die EM qualifizieren, muss der Gastgeber Deutschland riesige Sicherheitsvorkehrungen treffen.
Islands Nationalmannschaft kann sich in den Play-offs für die Fussball-Europameisterschaft in Deutschland qualifizieren. Doch ihr Trainer Åge Hareide hat Vorbehalte gegen den Gegner: «Wenn Sie mich persönlich fragen, würde ich nach jetzigem Stand zögern, gegen Israel zu spielen», sagte Hareide vor wenigen Tagen in einem Interview. «Aufgrund dessen, was in Gaza geschieht, und aufgrund dessen, was sie Frauen, Kindern und anderen unschuldigen Zivilisten angetan haben. Das sollte nicht geschehen, und wir sollten dieses Spiel nicht spielen.»
Island trifft am Donnerstag in Budapest auf Israel. Doch Hareide wollte lieber über die mehr als 31 000 Palästinenser sprechen, die laut der Hamas und der Uno während der israelischen Militäroffensive in Gaza getötet wurden – rund zwei Drittel von ihnen sollen Frauen und Kinder sein. Wegen drohender Epidemien und Hungersnöte könnte diese Zahl rasant steigen. «Es ist sehr schwierig für mich, nicht mehr über diese Bilder nachzudenken, die wir jeden Tag sehen», sagte Hareide. «Aber wenn wir nicht spielen, werden wir gesperrt und riskieren eine weitere Bestrafung.»
Zwölf Fussballverbände fordern den Ausschluss Israels aus dem Weltfussballverband
Zahlreiche Sportverbände, Parlamentsabgeordnete und Menschenrechtsgruppen gehen einen Schritt weiter und werben für einen Boykott Israels. Im Fussball fordern zwölf Nationalverbände aus dem Nahen Osten den Ausschluss Israels aus dem Weltfussballverband Fifa. Der Initiator war Prinz Ali bin al-Hussein aus Jordanien, der Präsident des Westasiatischen Fussballverbandes. Zu den Unterzeichnern zählen auch die einflussreichen Verbände aus Saudiarabien und Katar. Und in den palästinensischen Gebieten verbreiten mehr als 300 Sportvereine den Slogan «Ban Israel».
Auch auf politischer Ebene rückt der Sport in den Fokus. Im Februar schickten 26 linke Abgeordnete des französischen Parlaments einen Brief an das Internationale Olympische Komitee (IOK), darin fordern sie sportliche Sanktionen gegen Israel. Im Europaparlament beteiligten sich 13 Abgeordnete an einem ähnlichen Vorstoss. Zudem vernetzen sich Politiker, Aktivisten und Sportler in mehreren Ländern für Petitionen gegen den israelischen Sport. Eine stammt von der ehemaligen irischen Basketballerin Rebecca O’Keeffe. Rund 400 Sportler versammeln sich hinter ihrer Kampagne «Irischer Sport für Palästina».
In ihrer Argumentation verweisen die Initiativen auf die Olympische Charta. Darin heisst es, dass die Ausübung des Sports ein Menschenrecht sei: «Jeder Mensch muss die Möglichkeit zur Ausübung von Sport ohne Diskriminierung jeglicher Art und im olympischen Geist haben.»
Der Krieg in Gaza ist ein Kontrast zu dieser Bestimmung: Vermutlich wurden im Gazastreifen mehrere hundert Sportler, Trainer und Funktionäre getötet, unter ihnen der Fussballtrainer Hani al-Masdar. Dutzende Sportplätze, Hallen und Verbandsräume in Gaza sind zerstört, so auch jene des Palästinensischen Olympischen Komitees. Zudem wurde das Jarmuk-Stadion, in dem bereits seit 1938 Fussball gespielt wurde, von der israelischen Armee als Internierungslager genutzt.
Vor diesem Hintergrund fordern zahlreiche Organisationen, dass Israel im Sport genauso behandelt werde wie Russland. Nach dem Angriff auf die Ukraine hatten Dachorganisationen wie der europäische Fussballverband (Uefa) oder die Fifa russische Mannschaften aus ihren Wettbewerben ausgeschlossen. Bei den Olympischen Spielen in Paris dürfen Athleten aus Russland nur als «neutrale Athleten» ohne nationale Symbolik antreten.
Die internationalen Sportverbände indes wollen Israel und Russland nicht auf die gleiche Stufe stellen. Auf Nachfrage erinnert das IOK an die Suspendierung des Russischen Olympischen Komitees (ROK) im Oktober 2023. Der Grund: Das ROK hatte die Sportverwaltungen in den besetzten ukrainischen Gebieten an sich gebunden und damit laut IOK die «territoriale Integrität des Nationalen Olympischen Komitees der Ukraine verletzt». Im Gegensatz dazu, so argumentiert das IOK, haben die eigenständigen Olympischen Komitees aus Israel und Palästina ihre «Zuständigkeit nicht über den eigenen Bereich hinaus ausgedehnt».
Viele arabische Sportorganisationen weisen diese Auslegung zurück. Die zwölf Fussballverbände, die einen Ausschluss Israels fordern, richten sich in ihrem offenen Brief auch an die Fifa und das IOK: «Schweigen in dieser kritischen Situation kann als stillschweigende Billigung der ungesetzlichen Praktiken der Besetzung aufgefasst werden, wodurch die Beteiligten möglicherweise in diese schweren Greueltaten verwickelt werden.»
Die palästinensischen Sportorganisationen erinnern zudem an ihren Alltag vor dem Krieg: Häufig seien ihre Sportler an Kontrollpunkten im Westjordanland festgehalten worden. Oft hätten israelische Behörden die Einfuhr ihrer Sportgeräte erschwert. Auf der anderen Seite nehmen Fussballteams aus den jüdischen Siedlungen im Westjordanland, die von der Uno als völkerrechtswidrig eingestuft werden, auch an Wettbewerben israelischer Verbände teil.
Israel erinnert daran, dass seine Athleten immer wieder ausgeschlossen und boykottiert wurden
In Israel dagegen scheinen Politik und Sport um Diplomatie bemüht zu sein. Schliesslich blickt das Land auf eine jahrzehntelange Geschichte, in der israelische Athleten immer wieder ausgeschlossen und boykottiert wurden. «Ich vertraue darauf, dass die Fifa die Politik nicht in den Fussball einbezieht», sagte Niv Goldstein, der Geschäftsführer des israelischen Fussballverbandes, in einem Fernsehinterview. Zudem, betonte er, habe Israel ein Recht auf Selbstverteidigung. Am 7. Oktober hatte die Terrororganisation Hamas im Süden Israels rund 1200 Menschen getötet und mehr als 230 nach Gaza verschleppt.
Auch israelische Medien und Behörden greifen den Sport in ihrer Verteidigungslinie auf. So soll die Hamas in Gaza auch von Sportplätzen Raketen abgefeuert haben. Palästinensische Fussballteams seien mitunter als Rekrutierungszellen genutzt worden. Einige Sportplätze im Westjordanland sollen nach Terroristen benannt sein. Und auf Bannern palästinensischer Klubs sei der jüdische Staat auf der Landkarte mitunter gar nicht eingezeichnet.
Sollte die israelische Fussballnationalmannschaft nun in der EM-Qualifikation die erste Play-off-Runde gegen Island überstehen, so würde sie am kommenden Dienstag auf die Ukraine oder Bosnien-Herzegowina treffen. Bei einem Erfolg stünde Israel vor dem zweiten grossen Turnier seit der WM 1970. Für den Gastgeber Deutschland wären damit grosse Herausforderungen in Bezug auf die Sicherheit verbunden.
Die wenigen israelischen Sportler, die seit dem 7. Oktober an internationalen Wettbewerben teilnahmen, waren auf Personenschutz und geheime Unterkünfte angewiesen. Die israelischen Fechter mussten nach einer Bombendrohung in Bern in der Umkleidekabine warten. Der Fussballer Sagiv Jehezkel wurde für eine Solidaritätsaktion mit den Hamas-Opfern in der Türkei vorübergehend festgenommen.
Auch in Deutschland ist die Zahl antisemitischer Vorfälle drastisch gestiegen. Dabei greifen Gruppen wie die BDS-Bewegung, die Israel wirtschaftlich isolieren will und vom Bundestag als antisemitisch eingestuft wird, auch den Sport auf. Im Internet ruft BDS, was für «Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen» steht, zu Protesten, Sitzstreiks und «friedlichen Störungen» an Wettkämpfen auf, womöglich auch an den Olympischen Spielen in Paris.
Das IOK und die Uefa betonen, dass sie keine Sanktionen gegen Israel planen. Vermutlich auch, weil einflussreiche Sportnationen wie die USA, Deutschland und Frankreich an der Seite Israels stehen. Doch ob kleinere Verbände bei weiter steigenden Opferzahlen in Gaza ähnlich agieren? Der Eishockey-Weltverband schloss israelische Nationalteams zunächst aus, nahm diese Entscheidung nach Kritik aber wieder zurück.
Auch die grossen Sponsoren halten sich vorerst zurück, weil sie in der gegenwärtigen Situation wohl nur verlieren können. Der Sportartikelhersteller Puma etwa lässt seinen Vertrag mit dem israelischen Fussballverband auslaufen – eine Entscheidung, die angeblich schon 2022 getroffen wurde. In Israel wurde Puma heftig kritisiert. Die Unterstützer der Boykottforderungen feierten dies als ihren eigenen Erfolg.