Das Centre Pompidou in Paris widmet dem grossen Wiener Architekten eine Retrospektive.
Sein Opus magnum ist ein Spiegel. Gleich gegenüber vom Wiener Stephansdom hat Hans Hollein 1990 das weitgehend verglaste Haas-Haus gebaut. Das Gebäude lenkt den Blick in exzentrischer Geste weg von sich, indem es seine städtische Umwelt spiegelt. Das prominente Geschäftshaus gehört zu den herausragendsten Werken des Wiener Architekten, der als einer der Väter der Postmoderne im deutschsprachigen Raum gilt.
Dass hinter Holleins baulichem Œuvre auch interessante künstlerische Ansätze stecken, zeigt zum ersten Mal in dieser Breite und Tiefe das Centre Pompidou in Paris in einer grossen Retrospektive über den führenden österreichischen Architekten seiner Generation.
Die aufschlussreiche Schau nimmt speziell Holleins Beiträge zur Avantgardekunst der sechziger Jahre in das Blickfeld. Das Pariser Museum erwarb vor einigen Jahren über hundert Installationen, Zeichnungen und Modelle von Hollein, die nun erstmals und wie künstlerische Preziosen präsentiert werden.
Architektur als Skulptur
Hans Hollein studierte Architektur in Wien, Chicago und Berkeley. Nach seiner Rückkehr nach Österreich wurde er zu einem Pfeiler der Wiener Kunstszene. Seine Karriere begann zunächst mit «Forschungen zum Raumbegriff», Theorien zur «Architektur als Skulptur». Seine provokanten urbanen Collagen von Flugzeugträgern, mexikanischen Ruinen und Bohrinseln sorgten schnell für Furore in der Kunstwelt.
Holleins Beiträge zu Ausstellungen wie der Triennale von Mailand von 1968 und der Biennale von Venedig von 1972 stellten seine scharf formulierten Ideen und seinen Intellekt international wirksam vor. Viel wichtiger war jedoch Holleins Fanal auf der als «Gründungsausstellung der Postmoderne» bekannt gewordenen Architektur-Biennale von Venedig 1980, auf der der Wiener eine gigantische «Strada Novissima» präsentierte.
Unter dem Leitthema «Die Gegenwart der Vergangenheit» verwandelte Hollein die Corderie am alten Militärhafen von Venedig in eine monumentale Strasse. Er liess vier riesige Säulen an den Eingang bauen: einen Baumstamm, eine Stütze der Basilika Sant’Ambrogio in Mailand, eine vertikale Hecke und Adolf Loos’ legendären Chicago-Tribune-Tower. Eine fünfte, gebrochene, hängende Säule diente den Besuchern als Durchgang.
Alles ist Architektur
Der Aufstieg als entwerfender Architekt begann für Hans Hollein mit der legendären Gestaltung der Boutiquen «Retti» (1966) und «Schullin» in der Altstadt von Wien. Für den Kerzenladen Retti etwa hatte Hollein hinter einer Fassade aus poliertem Aluminium ein raffiniert-poppiges Interieur ersonnen, das liebevoll bis ins kleinste Detail gestaltet wurde. In Holleins Zeichnungen ist jede einzelne Kerze im Regal dargestellt.
Doch bald war für derlei Detailversessenheit in Holleins Leben keine Zeit mehr. Die ersten beiden grösseren Aufträge für Neubauten kamen aus Deutschland: für das Museum Abteiberg in Mönchengladbach (1982) und das tortenstückförmige Museum für moderne Kunst in Frankfurt.
Hollein plädierte für eine Architektur, die frei ist von den «Zwängen des Funktionalismus», wie er es nannte. Er pfropfte in seinen Entwürfen, ohne zu zögern, das Archaische auf das Hochtechnologische. Seine «reine und absolute» Architektur oszilliert zwischen Kunst und Skulptur.
Schon Holleins frühe städtische Makrostrukturen verwischten die Grenzen zwischen Skulptur, Gebäudeentwurf und Stadtplanung. In seinem Manifest «Alles ist Architektur» (1968) erweiterte er den Architekturbegriff so entscheidend wie sein Freund Joseph Beuys es in der bildenden Kunst propagiert hatte.
So entwarf Hollein eine aufblasbare Kapsel als «mobiles Ein-Mann-Büro», die dem modernen Nomaden an jedem Ort der Welt einen nur symbolisch abgeschiedenen Ort beschert. Heute sind Plastik und Klimatisierung in der Architektur verpönt, aber das Thema der ortlosen, vorgefertigten Minigebäude treibt Architekten immer noch um.
Vom Witz zum gebauten Scherz
Auch wenn es die Pariser Ausstellungsszenografie nicht explizit hervorhebt, so gibt es doch eine interessante Beziehung zwischen der Gestaltung der Räume im Centre Pompidou und den ausgestellten Sujets. Die babyblau gestrichenen Abluftröhren unter den Decken weisen darauf hin, dass Hülle und Inhalt einem ähnlichen Zeitgeist entsprangen.
Der Hightech-Architektur der französischen Kulturmaschine fehlt jedoch eine wichtige Ebene der Postmoderne. Metapher und Ironie brachten erst Architekten wie Hollein in den Architekturdiskurs ein, auch wenn im Fall Holleins der Witz aus den Anfängen seiner Karriere im Spätwerk oft zum gebauten Scherz mutierte. Die Nackenrollen in den Ecken im von Hollein entworfenen anthropomorphen, vergoldeten Sofa werden zu Kulleraugen, die die Betrachter ansehen wie in einem Cartoon.
In der Schweiz hat Hollein nicht bauen dürfen, wohl weil seine eklektische, schwere Architektur nicht dem Geschmack vieler Schweizer Bauherren entsprach. Aber sein Bankgebäude der Marxer-Familienstiftung am Rand der Innenstadt von Vaduz in Liechtenstein steht fest als Solitär in der Suburbia des Zwergstaats. Dach und Fassade der Bank sind gestalterisch nicht voneinander getrennt, sondern aus dem gleichen Stein geformt, so dass das Gebäude wie ein riesengrosser Felsbrocken aussieht, der aus Richtung des Weilers Gaflei oberhalb von Vaduz ins Tal gerollt ist.
Höhepunkt der Pariser Ausstellung ist die Installation «Die Turnstunde» (1984), die im Centre Pompidou im Massstab 1:1 nachgebaut wurde und bis heute beeindruckt. Als Hollein vom Museum Abteiberg eingeladen wurde, eine Kunstinstallation zu schaffen, die sich mit den Themen «Körper und Sinnlichkeit» beschäftigt, mischte er in seiner Inszenierung eklektisch Pop und klassische Referenzen.
Die goldenen Skulpturen der Turnerinnen und die Sportgeräte mit Griffen aus gleissenden Neonröhren bilden einen schönen Holleinschen Kontrast. Die Posen der Athletinnen erinnern an Vitruvs ideale Proportionen, aber Holleins Pop-Ästhetik wechselt mühelos und nonchalant zwischen Symbol und Funktion.
Blankes Metall, Bonbon-Farben und reduzierte Formen zeichnen Holleins Lebenswerk aus. Die kalkulierte Provokation beherrschte er wie kein zweiter Architekt seiner Generation – in der Baukunst ebenso wie in der künstlerischen Mischung von Symbolik, Metapher, Exzess und Ironie.
«Hans Hollein – Transforms», Centre Pompidou, Paris, bis 2. Juni.