Regisseur Thomas Haemmerli sieht im streitbaren Winterthurer Bauunternehmer ein Vorbild für die Schweiz. Im Gespräch erklärt er, warum.
In kürzester Zeit war Bruno Stefanini ein reicher Mann: Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er unzählige Mehrfamilienhäuser und kaufte in der ganzen Schweiz Wohnungen zusammen. Er garantierte tiefe Mieten, dafür sanierte er seine Immobilien selten und verzichtete selbst auf einfache Unterhaltsarbeiten.
Bei seinem Tod 2018 hinterliess Stefanini ein Immobilien-Imperium und eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Schweiz.
Aus dieser erstaunlichen Geschichte hat der Zürcher Regisseur Thomas Haemmerli nun einen ebenso unterhaltsamen wie informativen Film gemacht. «Die Hinterlassenschaft des Bruno Stefanini» ist das Porträt eines visionären Bauunternehmers, erratischen Sammlers und unverfrorenen Geschäftsmannes. Der Film ist derzeit in den Deutschschweizer Kinos zu sehen.
Thomas Haemmerli war Hausbesetzer, Journalist und Kaffeepflücker, bevor er sich schliesslich dem Film zuwandte. Er beschäftigte sich schon in früheren Filmen mit Wohnpolitik und zwanghaftem Sammeln.
Über Bruno Stefanini gibt es schon ein Buch, einen Podcast und etliche Zeitungsberichte. Was hat Sie dazu veranlasst, nun noch einen Film über ihn zu drehen?
Stefanini war ein Messie, der am Ende seines Lebens rund 100 000 Gegenstände besass. Das faszinierte mich, denn meine Mutter war auch ein Messie. Ich konnte mich also gut in seine Lebenswelt hineinversetzen.
Stefanini sammelte am liebsten Immobilien. Auch repräsentative Schlösser gehörten zu seinem Portfolio.
In seiner Lebensgeschichte kommen meine beiden politischen Lieblingsthemen zusammen: Wohnbau und die Personenfreizügigkeit.
Was hat Stefanini denn mit der EU zu tun?
Sein Vater kam im Alter von 12 Jahren als «Zementbub» in die Schweiz. Beim Bau des Lötschbergtunnels hat er Zement geschleppt. Später hat er an der Unterführung beim Zürcher Hauptbahnhof mitgebaut. Ihm und Tausenden von italienischen Arbeitern verdankt die Schweiz viel von ihrer Infrastruktur – und damit einen guten Teil ihres Wohlstands.
Und daraus schliessen Sie, dass der Weg der Schweiz in die EU führen sollte?
Die Geschichte der Stefaninis ist eine Lehre für die heutige Schweiz: Wenn das Land Wohlstand will, braucht es Arbeitskräfte. Einfache wie Stefaninis Vater – aber auch spezialisierte. Das garantiert die Personenfreizügigkeit. Allerdings heisst das auch, dass wir mehr Wohnraum brauchen. Mein Mantra lautet deshalb: Bauen, bauen, bauen.
Arbeitskräfte und Wohnraum sind die Voraussetzung für eine erfolgreiche Schweiz?
Das gehört zu den Säulen unseres Wohlstands. Leider ist die Linke seit den siebziger Jahren besonders beim Bauen wachstumsfeindlich geworden, vereinzelt gar ausländerfeindlich in ihrem Hass gegen angeblich böse Expats mit gutem Lohn.
Das Wachstum begann zu Stefaninis und Ernst Göhners Zeiten auf sehr tiefem Niveau. Heute ist die Ausgangslage eine andere.
Richtig ist, dass man damals auf der grünen Wiese bauen konnte. Diese Zeiten sind vorbei. Aber man kann problemlos höher und dichter bauen. In einem Land, in dem die grösste Stadt keine halbe Million Einwohner zählt, können wir locker verdichten – statt 75 Prozent der Gebäude in ein irrsinniges Schutzinventar zu packen.
Wie stellen Sie sich das vor?
In der Stadt Zürich wohnen über 80 Prozent der Bevölkerung zwischen Parterre und drittem Stock. Max Frisch fand das schon in den fünfziger Jahren lächerlich. Wir könnten viel höher bauen. In Hamburg oder Madrid haben selbst Altbauten fünf, sechs oder sieben Stockwerke. In Zürich dagegen werden Häuser abgerissen und in der gleichen Kubatur neu gebaut. Das treibt die Mieten, weil das Bauen Geld kostet und weil das Angebot nicht erhöht wird.
Gegen höhere Ausnutzung wehren sich viele Anwohner.
Als Gesellschaft müssen wir aushandeln, ob weiterhin Einzelfiguren so grosse Projekte selbst gegen Volksentscheide auf Jahre verhindern können. Und partizipative Planung könnte einen Perspektivenwechsel bringen, indem man nicht nur Anwohner einbezieht, sondern auch weniger Privilegierte, die in einer künftigen Siedlung wohnen wollen. So bekäme die Forderung nach mehr Wohnungen ein höheres Gewicht.
Sie kritisieren die Bauvorschriften. Dabei haben die auch ihr Gutes: Sie garantieren eine einheitliche Qualität.
Bruno Stefanini und Ernst Göhner haben keine schönen Häuser gebaut. Einverstanden. Und niemand ist gegen vernünftige Bauvorschriften. Mein Punkt ist: Wir haben Wohnungsknappheit und reden von Ästhetik, Ökologie, Schattenwürfen und – im Fall der SP – von der Banalität, dass private Firmen gewinnorientiert sind und die Knappheit ausnutzen, die die SP massgeblich mitverursacht. Wer etwas gegen die Wohnungsnot machen will, muss produktionsorientiert denken und garantieren, dass Genossenschaften, Private und die Stadt rabiat verdichten.
Stefanini hat mehr als 2000 Wohnungen gebaut und gekauft. Wie hat er das geschafft?
Er war besessen von effizientem Bauen und liess alles weg, was nicht nötig war. Er war ein genialer Geschäftsmann. Und hatte als Unternehmer ein gutes Gespür für den Zeitgeist.
Was hat er besser verstanden als andere?
Während des Zweiten Weltkriegs waren die Männer im Militär. Die Frauen gewöhnten sich an ein ökonomisch selbstbestimmtes Leben, das sie nach dem Krieg bewahren wollten. Stefanini hat das kapiert und die gesuchten 1-Zimmer-Wohnungen gebaut. Später hat er im Aargau für junge Paare Hochhäuser erstellt, weil es dort kein Konkubinatsverbot gab.
Einerseits baute Stefanini Wohnungen für das Volk. Andererseits war er mit seinen Mietern geizig und hat manchen die Kaution nicht zurückerstattet. Viele seiner Liegenschaften liess er verkommen.
Es ist, als hätte Stefanini zwei Gesichter gehabt. Er gewährte tiefe Mieten und liess Hausbesetzer in seinen Liegenschaften wohnen, aber er war pathologisch sparsam und drehte jeden Franken um.
Er sparte auch bei sich selbst. Anscheinend trank er Wein für 1 Franken 95.
Als Familienvater kaufte Stefanini eine alte Villa in Winterthur, die er aber nie sanierte. Die Waschmaschine im Keller liess er nie anschliessen. Seine Frau stellte ihm ein Ultimatum, dann ging sie. Er sammelte danach noch eifriger.
Am Ende wirkte er etwas verwahrlost. Aus seinem Tagebuch, aus dem Sie im Film zitieren, spricht auch Verzweiflung.
Seine Pendenzen überforderten ihn. Er wollte Auktionskataloge durchackern und daneben seine Geschäfte führen, jede Rechnung kontrollieren. Er verlor den Überblick über seine Angelegenheiten und seine Materialberge, typisch für einen Messie. Trotzdem kaufte er immer weiter, auf Auktionen, dem Flohmarkt und im Caritas-Laden.
Was wollte er mit all dem Zeug?
Sein Traum war ein Museum fürs Volk. Zu diesem Zweck gründete er eine Stiftung. Auf Schloss Brestenberg im Aargau liess er einen Atom-Bunker mit gigantischen Ausstellungshallen bauen.
Und was hätte man in diesem Museum sehen können?
Stefanini sammelte alles Mögliche: von Napoleons Hut über die Unterhose der Kaiserin Sisi bis hin zu Panzern aus der Sowjetunion und Ölgemälden von Hodler oder Albert Anker. Die Pläne änderten sich aber, zeitweise schwebte ihm auch ein Antikriegsmuseum vor.
Warum wurde nichts aus dem Museum?
Die Behörden machten ihm kleinliche Auflagen, die das Projekt am Brestenberg verkomplizierten. Er, der 50 Millionen investiert hatte, schmiss am Ende den Bettel hin. Seine Ex-Frau sagt im Film: aus Trotz.
Das Schloss befindet sich aber bis heute im Besitz der Stiftung?
Ja, wie alle Immobilien. Darunter etwa ein Viertel der Winterthurer Altstadt. Weil er dort nicht saniert hat, gab es auch keine Gentrifizierung.
Was können wir heute von Stefanini lernen?
Gross denken. Effizient bauen. Die Linke könnte von ihm lernen, dass man viel und billig bauen muss, wenn man die Wohnprobleme der wenig Begüterten lösen will. Die Bauwirtschaft könnte lernen: kreativer sein, wenn es um tatsächliche Wohnbedürfnisse geht.
Was braucht es denn heute?
Wohnungen, die flexibler auf sich ändernde Lebenssituationen und Patchwork-Konstellationen zugeschnitten sind. Man kann etwa vom städtischen Projekt Kalkbreite lernen, «Joker»-Zimmer zu erstellen, die man dazumieten kann, wenn man mal Gäste hat. Man könnte über bewegliche Wände nachdenken. Freunde von mir wohnen in Oerlikon in einer vielköpfigen Cluster-WG. Sie teilen sich das Wohnzimmer und eine grosse Küche, aber jeder hat einen grosszügigen Raum mit Bad und Teeküche. In diese Richtung müsste es auch beim Alterswohnen gehen.
Was würde Bruno Stefanini sagen?
Architekt! Daher! Das bauen wir sofort.