1936 in Albanien geboren zu sein und ein freier Schriftsteller werden zu wollen, war eine harte Fügung. Ismail Kadare geriet mitten in die Diktatur Enver Hoxhas hinein und musste sich arrangieren. Darüber legt er in «Der Anruf» auf allegorische Weise Rechenschaft ab.
Was mag den bekanntesten albanischen Schriftsteller und ewigen Nobelpreiskandidaten Ismail Kadare (1936–2024) bewogen haben, sein letztes Buch «Der Anruf» einem dreieinhalbminütigen Telefongespräch von Stalin mit Boris Pasternak zu widmen, das 1934 stattfand und in mehreren Varianten überliefert ist? Offensichtlich das schwierige Verhältnis zwischen Tyrann und Dichter, das ab der Antike – man denke an Nero und Seneca – Tradition hatte und auch Kadares Leben unter dem Diktator Enver Hoxha prägte.
Seine grossen historischen Romane unterzog der Autor einer sorgfältigen Selbstzensur, um nicht anzuecken, was nicht verhinderte, dass er jahrelang unter Publikationsverbot stand und sich 1990 (bereits nach Hoxhas Tod) nach Paris absetzte. Seine Geheimdienstakte umfasst 1280 Seiten. Den Kampf gegen die totalitäre Diktatur und politische Kursschwankungen bestand Kadare ästhetisch durch sein eminentes Talent und erzählerisch durch die Zuhilfenahme von Allegorien, die eindeutige Zuordnungen erschwerten. Trotzdem zog er immer wieder den Vorwurf des Lavierens auf sich. Doch auch Pasternak kam nicht ungeschoren davon.
Selbstbefragung
Doch der Reihe nach. Kadare beginnt seine «Untersuchungen» zum ominösen Telefonat, indem er sich an seine Studienzeit am Moskauer Maxim-Gorki-Literaturinstitut 1956 bis 1960 erinnert, als Pasternak noch lebte. Später hat er diese Zeit in seinem Moskau-Roman «Die Dämmerung der Steppengötter» (1978, dt. 2016) verarbeitet. Schon damals stellte sich für ihn die Frage, wie weit er gehen durfte, zumal Enver Hoxha die Beziehung zur Sowjetunion 1960 abgebrochen hatte und sich China zuwandte, bis auch dieses Bündnis scheiterte und Albanien in einem paranoiden Isolationismus versank.
Jetzt, im 2022 in Tirana erschienenen Spätwerk «Der Anruf», braucht Kadare nichts zu fürchten. Minuziös geht er den dreizehn überlieferten Versionen von Stalins Telefonat mit Pasternak nach, als käme es auf jedes halbe Wort des Dichters an. Denn in dessen Verhalten glaubt er sich selber gespiegelt. Das Ganze gleicht also einer Selbstbefragung, um nicht zu sagen einem Selbsttribunal. Daher die Hartnäckigkeit der Recherche und das Bemühen, jeden Satz von Pasternak auf die Goldwaage zu legen.
Was ist bei diesem Gespräch schiefgelaufen?
Die gängigste Version besagt, Stalin habe Pasternaks Meinung zu Ossip Mandelstam erfahren wollen, der wegen des Gedichts «Epigramm gegen Stalin» in Ungnade gefallen und verhaftet worden war. Pasternak, von Stalins Anruf völlig überrascht, war nicht schlagfertig genug, seinen Dichterkollegen zu verteidigen, redete sich verlegen heraus («Ich weiss sehr wenig über ihn! Er war Akmeist, und ich gehöre einer anderen literarischen Richtung an!»), worauf Stalin ihn abkanzelte («Und ich kann sagen, dass Sie ein sehr schlechter Genosse sind, Genosse Pasternak!») und auflegte.
Pasternaks Versuch, zurückzurufen und den Schaden wiedergutzumachen, scheiterte. Mandelstam starb 1938 in einem Durchgangslager auf dem Transport in den Gulag. Pasternak sah sich gezwungen, 1958 den Nobelpreis, der ihm für seinen im Ausland erschienenen Roman «Doktor Schiwago» zuerkannt wurde, abzulehnen. Aufgrund einer Kampagne wurde er aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und starb 1960 auf seiner Datscha in Peredelkino an Herzversagen.
Tragik, hier wie dort
Tragik liegt in beiden Schicksalen, wobei Mandelstam das schwierigere Los traf. Pasternak blieb von Stalins Verdikt verschont, arbeitete in den dreissiger Jahren an Shakespeare-Übersetzungen und heimlich an seinem Roman «Doktor Schiwago». Als geächtet galt er nicht, unter Beobachtung aber stand er sehr wohl. Hinzu kam, dass seine Geliebte Olga Iwinskaja Lagerhaft verbüssen musste.
Hängt es letzten Endes von Charakter und Temperament ab, wie sich der Dichter gegenüber der Macht verhält? Marina Zwetajewa, an Courage nicht zu übertreffen, bezichtigte ihren Kollegen Pasternak in einem Brief aus dem französischen Exil 1935 der Weichheit, wobei sie im gleichen Atemzug auch gegen Proust und Rilke austeilte. Selber nahm sie sich in Anbetracht der Kriegssituation und nachdem ihr Mann und ihre Tochter vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet worden waren, 1941 im tatarischen Jelabuga das Leben.
Kadare sucht sichtlich, Pasternak zu verstehen (und zu rechtfertigen). Angesichts von Stalins Übermacht sei ihm nur der Rückzug nach innen übriggeblieben. Jedenfalls mit seinem Charakterprofil. Denn andere, kämpferischere Schriftsteller und Künstler mussten ihr Leben lassen.
Kadares obsessive Nachforschung liest sich spannend, zumal seit Putins repressiver Politik die Stalinzeit nicht mehr so entrückt wirkt. Auch heute braucht es nur wenig, um in die Räderwerke der Geheimdienste zu geraten, auch heute ist das freie Wort gefährdet. Und auch heute müssen sich Schriftsteller pro oder contra Regime positionieren. Wer schweigt (oder sich herausredet), gilt schnell als Mitläufer.
Ismail Kadare urteilt nicht, wissend, dass er selber zwischen Macht und Freiheit fast zerrieben worden wäre. Doch zitiert er hoffnungsvoll Puschkins berühmtes Gedicht «Exegi monumentum»: «Ein Denkmal schuf ich mir, nicht von Hand gemacht . . .» Puschkin, von Zar Nikolaus I. mehrmals verbannt, hat in seiner Kunst überlebt, dauerhafter als der Gewaltherrscher.
Ismail Kadare: Der Anruf. Untersuchungen. Aus dem Albanischen von Joachim Röhm. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2025. 173 S., Fr. 36.90.