Eine sichere Bindung zwischen Eltern und Kind ist wichtig. Aber nicht jedem Wutgeheul müssen Mütter und Väter mit maximaler Aufmerksamkeit begegnen. Über die Grenzen bedürfnisorientierter Erziehung.
Neulich auf dem Spielplatz: Zwei Mütter unterhalten sich. Sagt die eine: «Lena mag es nicht, wenn ich koche. Sie will lieber, dass ich mit ihr spiele. Jetzt essen wir abends halt immer kalt.» Erwidert die andere Mutter: «Aber ihr würdet lieber warm essen?»
«Ja, eigentlich schon. Aber wir sind ja flexibel.» Gequältes Lächeln. Lenas Bedürfnis, zu spielen, sei schliesslich auch wichtig.
Da war es wieder gefallen, das magische Wort: Bedürfnis, wie in «bedürfnisorientiertes Erziehen».
Der Wunsch nach sicherer Bindung
Bedürfnisorientiertes Erziehen (auf Englisch: «attachment parenting») gilt als der Erziehungsstil der Stunde. Angelina Jolie, Kourtney Kardashian und Gisele Bündchen praktizieren ihn, wenn man den Klatschmagazinen Glauben schenken darf. Und auch in Instagram-Posts, auf Mamablogs und in Erziehungsbüchern erfahren Eltern, wie sie die Bedürfnisse ihres Kindes angemessen lesen und befriedigen.
Attachment bedeutet ins Deutsche übersetzt Bindung. Eltern, die bedürfnisorientiert erziehen, eint der Wunsch, ein sicher gebundenes Kind aufzuziehen. Sie gehen davon aus, dass die Regeln des bedürfnisorientierten Erziehens sich direkt aus evidenzbasierter Bindungsforschung ableiten.
Das ist ein Trugschluss. Und er ist umso fataler, als sich rund um die bedürfnisorientierte Erziehung einige Mythen ranken. Zu ihnen gehören folgende Annahmen: Zeigt mein Kind jegliche Zeichen von Stress, ist es nicht sicher gebunden. Alles, was emotionale Ausbrüche verursacht, sollte vermieden werden. Jedes Wutgeheul ist ein Zeichen innerer Not und sollte sofort mit maximaler Aufmerksamkeit konnotiert werden.
«Eltern haben es heute schwer, denn ihnen wird ständig suggeriert, sie dürften keine Entscheidungen treffen, die nicht dem Wunsch der Kinder entsprechen», sagt Rüdiger Kissgen, Professor für Entwicklungswissenschaft an der Universität Siegen. «Zu den grössten Missverständnissen rund um die bedürfnisorientierte Erziehung gehört, dass das Kind ständig in Gefahr schwebe, in seinem späteren Beziehungsverhalten gestört zu werden.» Aber woher rührt diese Angst?
Es stimmt ja: Das familiäre Umfeld beeinflusst die Gehirnentwicklung, die Emotionsregulation, das Einfühlungsvermögen sowie die geistige und körperliche Gesundheit der Kinder. Gewalt hingegen hat verheerende Folgen für die kindliche Entwicklung. Das gilt heute als unbestritten.
Ist ein Kind sicher an seine Hauptbezugsperson gebunden, kann es offen und neugierig seine Umwelt erforschen. Das hat die Bindungsforschung ein ums andere Mal belegt. Aber das sogenannte Attachment-Parenting ist nicht in Erziehung gegossene Bindungsforschung.
Ein willkommener Gegenentwurf zur autoritären Erziehung
«Beim Attachment-Parenting handelt es sich vielmehr um eine Erziehungshaltung, die im Nachgang mit Elementen aus der Bindungstheorie ergänzt wurde», sagt Kissgen. Während die Bindungstheorie empirisch gut belegt ist, handelt es sich beim Attachment-Parenting um eine reine Erziehungsphilosophie.
Geprägt haben sie der amerikanische Kinderarzt William Sears und seine Frau Martha. Die beiden evangelikalen Christen setzten sich in den 1990er Jahren dafür ein, sensibel auf die Bedürfnisse von Babys und Kindern einzugehen. Viele ihrer Ideen stammen aus der Erziehung ihrer eigenen acht Kinder sowie aus ihrer pädiatrischen Praxis. Linksalternative und umweltbewusste Kreise griffen Sears’ Ideen dankbar auf, da sie im Gegensatz zu früheren Erziehungsansätzen, die autoritärer waren, einen willkommenen Gegenentwurf darstellten.
Heute gehören die Grundsätze der Sears – zum Beispiel Bonding, also der Beginn der prägenden Verbindung zwischen Eltern und Kind nach der Geburt, langes Stillen und Schlafen im Familienbett – zum Einmaleins der bedürfnisorientierten Erziehung. Sie sind längst gängige Praxis urbaner Bildungsmilieus. Und tatsächlich haben Stillen, Körperkontakt und ein Familienbett Vorteile.
Aber keine dieser Verhaltensweisen prognostiziert eine sichere Bindung des Babys zu seiner Bezugsperson. Dennoch vermengten sich Sears’ Empfehlungen nach einiger Zeit mit Elementen der Bindungsforschung und erschufen die Sorge über das unsicher gebundene Kind, falls die Empfehlungen nicht beachtet werden.
Aus Angst davor, die fragile Bindung zum Kind zu zerstören, scheuen viele Eltern heute davor zurück, ihrem Nachwuchs Irritation und Frust zuzumuten. «Kinder brauchen Liebe und Halt, aber sie brauchen auch Eltern, die ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen», sagt Rüdiger Kissgen.
Kissgen plädiert dafür, Frustration zuzulassen – also die Emotionen des Kindes auszuhalten und dem kindlichen Alter angemessen zu begleiten.
Der autoritative Erziehungsstil macht Kinder stark
Nur die Bedürfnisse des Kindes zu beachten, ist also nicht nötig. Aber welcher Erziehungsstil ist aus Sicht der Wissenschaft dann der vielversprechendste? Um den Einfluss des elterlichen Verhaltens zu verstehen, betrachten Forscher die elterliche Wärme und ihre Erwartungshaltung an die Kinder. Die amerikanische Entwicklungspsychologin Diana Baumrind unterscheidet danach vier verschiedene Erziehungsstile: den autoritativen, den autoritären, den permissiven und den unbeteiligten.
Erklärt an einem Beispiel, haben die Erziehungsstile folgende Auswirkungen. Will ein Kind sein Spielzeug nicht teilen, könnten autoritäre Eltern darauf mit diesem Satz reagieren: «Du teilst jetzt dein Spielzeug, weil ich das sage!» Unbeteiligte Eltern hingegen reagierten mit der Äusserung: «Es ist mir egal, was du mit dem Spielzeug machst.» Permissiv erziehende Eltern würden sagen: «Wenn du Lust hast, teilst du das Spielzeug mit dem anderen Kind.» Dagegen erklärten autoritativ erziehende Eltern: «Es ist wichtig, Spielzeug mit anderen Kindern zu teilen und auch andere Dinge, die uns gehören.» Und sie sagen, weshalb das wichtig ist – zum Beispiel: «Du möchtest ja auch, dass andere Kinder ihr Spielzeug mit dir teilen.»
Eltern, die den letzten Satz äussern, üben einen Erziehungsstil aus, der hohe Anforderungen an das Kind stellt, aber auch Unterstützung und Erklärungen anbietet.
Baumrind konnte zeigen, dass Kinder autoritativer Eltern oft kompetent, selbstbewusst und bei ihren Altersgenossen beliebt sind. Sie haben im Schnitt ein höheres Selbstwertgefühl, nehmen seltener Drogen, kommen auch in der Schule besser zurecht als Kinder, die vernachlässigt oder autoritär erzogen werden.
Sie sind in der Lage, ihr eigenes Verhalten zu steuern, und sind beispielsweise eher bereit, ein Spielzeug mit einem unbekannten Gleichaltrigen zu teilen als Kinder autoritärer Eltern.
Eltern, die autoritativ agieren, stecken für ihre Kinder den Rahmen ab, gestehen ihnen innerhalb desselben jedoch Autonomie zu. Im Alltag bedeutet dies etwa, dass Mutter und Vater entscheiden, wann sie den Spielplatz verlassen. Und sie beginnen dabei nicht mit der Frage: Gehen wir jetzt nach Hause?
In ihrem Buch «Artgerecht. Das andere Kleinkinderbuch» schreibt die Wissenschaftsjournalistin Nicola Schmidt, wie es stattdessen ablaufen könnte. Mutter oder Vater teilen dem Kind zehn Minuten vorher mit, dass sie gehen wollen. Nach zehn Minuten suchen sie es auf, begeben sich auf Augenhöhe, passen dabei einen Moment ab, in dem die Aufmerksamkeit des Kindes da ist, und sagen: Wir gehen jetzt nach Hause. Bitte komm mit!
«Ich will aber weiterspielen!», entgegnet das Kind.
«Ja, das kann ich verstehen, du spielst gerade so schön, aber Papa kommt gleich heim, und ich möchte gern mit ihm zu Abend essen.»
Wie Eltern auf ihre eigenen Bedürfnisse achten können
Bei sich und den eigenen Bedürfnissen bleiben – diesen Tipp gibt auch die Journalistin und Bestsellerautorin Nora Imlau. Aus ihrer Sicht entwickelt sich eine positivere Familiendynamik, wenn Eltern ihre Bedürfnisse selbstbewusst vertreten. Dabei sollte es nicht darum gehen, einen Machtkampf zu gewinnen. Sondern darum, sich nicht durch die kindlichen Emotionen unter Druck setzen zu lassen. Übrigens ist auch Nora Imlau eine Vertreterin der bedürfnisorientierten Erziehung. Was ihre Interpretation dieser Erziehungsphilosophie ausmacht: Sie anerkennt, dass auch Eltern Bedürfnisse haben. Genauso, wie es die Vertreter des autoritativen Erziehungsstils tun.
Aber was, wenn es Müttern und Vätern nicht gelingt, tiefenentspannt Kaffee oder Tee zu trinken, wenn das Kind vor Wut tobt? Was, wenn auch sie ihre Emotionen nicht mehr angemessen regulieren können und ihrerseits das Kind anmotzen?
Wie gut es Eltern gelingt, auf ihre Kinder einzugehen und sie an die Regeln des sozialen Miteinanders heranzuführen, hängt gemäss Untersuchungen von vielen Faktoren ab, zum Beispiel vom Familieneinkommen, von der Betreuungssituation oder der Familienstruktur. All das beeinflusst das Stresserleben der Eltern und damit auch ihr Erziehungsverhalten.
Passiert es doch einmal, dass Ungeduld und Impulsivität den Ton beherrschen, sollte klar sein, dass sich die Erwachsenen bei den Kindern entschuldigen.
Denn dadurch lernen die Kinder, dass es auch uns Erwachsenen schwerfällt, unsere Emotionen zu regulieren, dass wir aber Verantwortung dafür übernehmen. Möglicherweise kommt es also weniger auf den konkreten Erziehungsstil an als auf eine liebevolle, wertschätzende Grundhaltung den eigenen Kindern gegenüber.
Ein Artikel aus der «»