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Startseite » Enttäuschung und Wut in Kanada
Welt

Enttäuschung und Wut in Kanada

MitarbeiterBy MitarbeiterMärz 1, 2025
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Enttäuschung und Wut in Kanada

Der amerikanische Präsident droht dem nördlichen Nachbarn mit Einfuhrzöllen von 25 Prozent, beleidigt Premierminister Trudeau und spricht gar von Annexion. Im kanadischen Grenzort Windsor sprechen Bürger über das Gefühl von Verrat, die drohende Wirtschaftskrise und den neuen Patriotismus.

Nirgends kann man die Beziehung zwischen Kanada und den USA besser studieren als in Windsor. Die kanadische Kleinstadt liegt gleich gegenüber der amerikanische Metropole Detroit, nur durch den Detroit River getrennt. Während für die rund 230 000 Bewohner von Windsor die Wolkenkratzer-Skyline von Detroit unübersehbar ist und sie immer an den mächtigen Nachbarn erinnert, gibt es für die 630 000 Detroiter wenig Gründe, nach Windsor hinüberzuschauen.

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Der wirtschaftlich wichtigste Grenzübergang der Welt

Der einzige Grund für die jungen Amerikaner, auf die andere Seite überzusetzen, ist der Alkohol. Sie dürfen erst ab 21 trinken, während in Kanada die Altersgrenze 19 beträgt. Also wimmelt es in den vielen Bars in Windsor am Wochenende von ihnen. Ein zweiter Grund für einen Abstecher sind Havannas, die man in den USA nicht kaufen kann. Es gibt auffällig viele Tabakläden, die hauptsächlich von Zigarrenliebhabern aus Detroit frequentiert werden.

Aber wirtschaftlich viel wichtiger ist die Ambassador-Brücke über den Detroit River, über den täglich 8000 Lastwagen donnern. Gemessen an den transportierten Waren – im Wert von 350 Millionen US-Dollar pro Tag –, gilt sie als der wichtigste Grenzübergang der Welt. Zentral sind dabei Autobestandteile. Vom Grossraum Detroit zieht sich eine Kette von Fabriken bis ins Hinterland von Windsor. Manche produzieren lediglich Autositze, andere elektronische Elemente. Die Produkte überqueren die Grenze sechs oder sieben Mal, bis das Auto fertig ist.

Das macht die von Donald Trump angedrohten Importzölle von 25 Prozent so gravierend. All die kanadischen Einzelteile würden in den USA dermassen teuer, dass sie nicht mehr konkurrenzfähig wären. Umgekehrt hätten auch die USA ein Problem, da die elaborierten Lieferketten nicht kurzfristig umgestellt werden könnten.

Eine Massenarbeitslosigkeit droht

Es ist eisig kalt an diesem Februartag in Windsor, und so ist auch die Stimmung unter den Bewohnern. «Ein Damoklesschwert hängt über uns», sagt Ryan Donally, Präsident der Handelskammer Windsor-Essex. Trump kündigte die Zölle für den 4. Februar an. Die kanadische Regierung drohte mit Gegenzöllen, erklärte sich aber auch bereit, den Grenzschutz zu verstärken, um den Fentanyl-Schmuggel in die USA zu unterbinden. Darauf schob Washington die Frist für die Einführung der Strafzölle um dreissig Tage auf. Trump hat am Donnerstag nochmals bekräftigt, dass diese am 4. März in Kraft gesetzt werden sollen. Aber nun stellt er auch noch Zölle auf Stahl und Aluminium in Aussicht, ebenfalls wichtige Exportprodukte für Kanada.

Niemand weiss, was passieren wird. «Blufft Trump? Oder ist es ihm ernst? Keine Ahnung», sagt Donally. 85 Prozent der in der Umgebung des Grossraums Windsor produzierten Waren – nebst den Autobestandteilen auch Gemüse aus den riesigen Treibhäusern – gehen in die USA. «Es geht um Milliardenverluste, die uns existenziell bedrohen», sagt Donally. «Etwa 150 000 Einwohner aus der Region arbeiten in der Autoindustrie und damit verbundenen Jobs. Das ist die Hälfte der berufstätigen Bevölkerung. Nach unseren Berechnungen würde die Fabrikation wegen der Zölle innerhalb von zwei Wochen zusammenbrechen. Ein Dominoeffekt bei den Arbeitsplätzen und Massenentlassungen wären die Folge.» Als ob das noch nicht genug wäre, kommen Trumps Kränkungen hinzu. Er sprach davon, Kanada zum 51. Gliedstaat der USA zu machen, und nannte Premierminister Trudeau «Gouverneur», womit die Regierungschefs von amerikanischen Gliedstaaten bezeichnet werden.

«Wir sind untrennbar mit der anderen Seite verbunden», sagt Donally. «Tausende unserer Stadtbewohner arbeiten in Detroit, vor allem Krankenpflegerinnen. Meine Schwester und meine Cousine sind mit Amerikanern verheiratet. Wir alle haben Freunde in Detroit, manchmal gehe ich am Mittag rasch hinüber, um mit jemandem zu essen. Was nun passiert, ist verstörend. Es fühlt sich an wie ein Verrat.»

Die meisten Trucker haben ihre Meinung über Trump geändert

Direkt betroffen von den Zöllen werden die Lastwagenfahrer sein. Einer von ihnen ist Sean Tinus. Er tankt gerade am Truck-Stopp Husky auf, wo er die Nacht in seinem Lastwagen verbracht und sich nun einen Kaffee geholt hat.

«Wir sitzen auf Nadeln», sagt er. «Wir Fernfahrer reden momentan über nichts anderes. Unser Schicksal liegt in Trumps Hand.» Tinus ist seit zwanzig Jahren Fahrer und arbeitet für eine kanadische Robotik-Firma. «80 Prozent meiner Fahrten gehen in die USA, oft bis nach San Francisco. Das ist bei den meisten von uns so.» Er sagt, im Laufe der Zeit seien die Grenzübertritte immer einfacher geworden. Aber jetzt sei plötzlich Schluss mit der Liberalisierung.

Er erinnert daran, dass Trump das in die USA geschmuggelte Fentanyl als Begründung für die Strafzölle anführte. «Ein Witz», sagt Tinus. «Die Drogen kommen über die mexikanische Grenze in die USA, nicht aus Kanada.»

Er räumt ein, dass er bis vor kurzem Trump-Anhänger war. «Die meisten Trucker dachten so. Wir fanden, es müsse sich etwas Grundlegendes ändern.» Aber nun schütte Trump das Kind mit dem Bad aus. «Vielleicht war ich geistig etwas eingeschränkt», sagt er mit einem bitteren Lachen. Er ist überzeugt, dass er seine Arbeit verliert, wenn die Zölle Wirklichkeit werden. «Ich interessiere mich nicht für Politik, aber jetzt, wo es darum geht, ob wir morgen etwas zu essen auf dem Tisch haben . . . Die meisten meiner Kollegen haben ihre Meinung über Trump geändert. Wir hoffen, dass er lediglich pokert. Wir können nur noch beten.»

«Die Maus hat keine Chance gegen den Elefanten»

John Sutcliffe ist Politologie-Professor an der Universität Windsor. 2019 publizierte er ein Buch mit dem Titel «The Canada-US Border in the 21st Century». Er ist also Experte für die gegenwärtigen Fragen rund um die Grenze. Aber er winkt ab. «Ich bin demütig geworden», sagt er. «Im Buch gingen wir davon aus, dass die Grenze dank globalisierten Märkten, Deregulierung und moderner Tracking-Technologie für Güter immer offener wird. Wir haben nicht mit einem solchen Rückschlag gerechnet, so wie ich 2016 auch nicht mit Trumps Sieg rechnete. Gegenwärtig leben wir in einer Unsicherheit, in der viele Analyseinstrumente nicht mehr funktionieren.»

Der Konflikt mit den USA hat auch Auswirkungen auf das kanadische Selbstverständnis. «Wie viele Länder definieren wir uns in Abgrenzung zu unseren Nachbarn», sagt er. «Wir sehen uns als das, was Amerika nicht ist: liberaler, multikultureller, friedliebender, sozialer. Diese Distanzierung wird nun stärker.» Er erwähnt, dass das Publikum bei Eishockey-Matches gegen die USA jetzt buhe, wenn die amerikanische Nationalhymne ertöne. Manche Kanadier rufen zum Boykott von Waren aus den USA auf. Auf dem Dach eines Bankgebäudes in Windsor prangt ein Transparent: «Canada is not for sale». Bereits wurden über 230 000 Unterschriften für eine Petition gesammelt, die Elon Musk die kanadische Staatsbürgerschaft entziehen will.

«Der kanadische Patriotismus erlebt einen Aufschwung», sagt Sutcliffe. «Konflikte zwischen Liberalen und Konservativen ruhen, es herrscht Einigkeit angesichts des gemeinsamen Feindes.» Damit einher gehen Bemühungen, den kanadischen Binnenmarkt zu stärken, indem man Hürden zwischen den Provinzen abbaut.

Die USA seien zwar angewiesen auf kanadisches Öl, Holz, Aluminium und technische Erzeugnisse. «Aber letztlich sind wir viel abhängiger von ihnen als sie von uns», sagt Sutcliffe. «Wir vergleichen es mit einer Maus und einem Elefanten. Klar hat die Maus in einem Kampf keine Chance.» Amerika habe die Möglichkeit, autark zu werden und zum Beispiel alle Autos selbst zu produzieren. «Aber die Umstellung dauert lange und ist mit hohen Kosten verbunden», sagt er. «Ich hoffe, Trump sieht ein, dass die Zölle letztlich auch in den USA zu Versorgungsengpässen und Teuerung führen, was seine Wähler nicht goutieren werden.» Die Waffe, die der amerikanische Präsident auf die anderen richte, ziele am Ende auch auf ihn selbst.

Die Zerrissenheit der Doppelbürgerin

Ein wandelndes Beispiel dafür, wie Windsor und Detroit, Kanada und die USA verflochten sind, ist Kimberly Simmons. Die Autorin, Rednerin und Aktivistin ist Initiantin des Detroit River Project, das sich für die Aufnahme der grenzüberschreitenden Region in das Unesco-Welterbe einsetzt. Sie organisiert regelmässig Ausflüge und Lager für Schulklassen, um ihnen die gemeinsame Geschichte nahezubringen. Ihre Mutter ist Kanadierin, der Vater Amerikaner. Die Doppelbürgerin wohnt in Detroit, verbringt aber viel Zeit in Windsor, wo eine Strasse nach ihrer bekannten Familie benannt ist.

«Ich verstehe nicht, was gegenwärtig hier vorgeht, obwohl ich mich mein Leben lang damit beschäftigt habe», sagt sie. «Eigentlich lief alles gut, und plötzlich entscheiden sich die weltoffenen, globalisierten USA, dass sie allein sein und die Grenzen dichtmachen wollen. Es ist fast wieder so wie während der Corona-Epidemie. Für Leute wie mich gibt es eigentlich keinen Platz mehr.»

Es sei nun, als ob die Grenze mitten durch ihr Haus, ja durch sie selbst hindurchgehe, sagt sie. «Bisher fühlte ich mich durch meine doppelte Herkunft bereichert, jetzt plötzlich wie zerschnitten.» Ein Fluss wie der Detroit River sei nicht nur trennend gewesen, sondern auch verbindend. Es sei zum Beispiel kein Problem, in Windsor mit US-Dollars zu bezahlen. Mit dem Bus könne man in zehn Minuten durch den Tunnel unter dem Fluss auf die andere Seite fahren. Aber nun werde der Betrieb eingestellt, es zähle nur noch die Trennung. Sie stehe unter Schock, sagt sie. «Als ob ich von meinem grossen Bruder verstossen würde.» Manchmal spielt sie mit dem Gedanken, nach Kanada umzuziehen. «Aber andererseits: Wie könnte ich je Antiamerikanerin sein?», sagt sie. «Ich würde einen Teil von mir selbst hassen.»

Die Trauer der Künstlerin und die Wut des alten Professors

Andere Kanadier äussern sich ähnlich erschüttert. Zum Beispiel Nadja Pelkey, Künstlerin und Kuratorin an der Kulturinstitution Art Windsor-Essex, die sich in ihren Arbeiten auch immer wieder mit dem Detroit River und seiner Bedeutung für die Anwohner beschäftigt. «Es ist, wie wenn dich jemand, den du liebst, zutiefst enttäuscht», sagt sie. «Vielleicht bringt er dir nachher Blumen, aber es lässt sich nicht mehr gutmachen, auch wenn ihr noch so lange darüber diskutiert. Das Vertrauen ist unwiederbringlich zerrüttet.»

Sie sagt, bei vielen Kanadiern fänden im Moment eine Neubeurteilung der Beziehung zu den USA und ein Rückzug auf sich selbst statt. «Wir fragen uns: Haben wir uns Illusionen hingegeben, als wir meinten, das Verhältnis sei reziprok? Waren wir in Wirklichkeit immer schon wie eine Kolonie, aus der man günstig Rohstoffe bezieht und der man die Fertigprodukte dann wieder teuer verkauft? Die hypnotisiert ist von der kulturellen Hegemonie der USA mit ihren allgegenwärtigen Fernsehprogrammen, Hollywoodfilmen und Pop-Songs? Wir werden uns neue, weniger dominante Freunde suchen müssen.»

Bei vielen Kanadiern ist die Trauerzeit bereits vorbei. 27 Prozent der Kanadier betrachten die USA inzwischen nicht mehr als Freund, sondern als Feind. Die Enttäuschung ist der Wut gewichen. Ein Beispiel ist Lloyd Brown-John, emeritierter Professor der Politikwissenschaften. Heute provoziert er Kontroversen mit seinen bissigen Zeitungskolumnen. Auf dem Weg zu seinem Haus in Kingsville fährt man an riesigen Gewächshäusern vorbei. Wegen des warmen Mikroklimas, des Frischwassers aus dem Eriesee und natürlicher Gasvorkommen, die für die Wiederaufbereitung des Wassers benötigt werden, gedeihen hier alle möglichen Gemüse, die mehrheitlich in die nördlichen USA exportiert werden, wo die Voraussetzungen für eine solche Produktion fehlen.

«Das Verständnis für solche Feinheiten, die die internationale Arbeitsteilung lukrativ machen, geht dem Möchtegern-Diktator in den USA ab», sagt Brown-John. Er zitiert den Titel eines Beitrags im «Wall Street Journal»: «Der dümmste Handelskrieg der Geschichte».

«Ist man nicht geistig zurückgeblieben, sind Zölle leicht zu verstehen», sagt er. «Sie beschützen eine Volkswirtschaft oder einzelne Bereiche, reduzieren dadurch die Konkurrenz und verhindern Innovation. Zusätzlich heizen sie den Nationalismus der exportierenden Länder an. Viele Kanadier verbringen ihre Ferien nicht mehr in den USA oder verzichten auf amerikanische Waren. Bald werden immer mehr amerikanische Gliedstaaten die Konsequenzen der hirnlosen Politik spüren. Sie können sich gerne unserem schönen Kanada anschliessen.»

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