Testosteron soll die Symptome der Wechseljahre verbessern und die Libido steigern. Aber für Frauen ist es offiziell nicht zugelassen. Dennoch gibt es viele, die Erfahrungen damit machen.
Testosteron sorgt in meinem Umfeld immer wieder für Gesprächsstoff. Laut Erfahrungsberichten soll das Hormon bei einigen Symptomen der Wechseljahre helfen und auch die weibliche Libido erhöhen. Vor der Menopause produzieren Frauen das Hormon in geringen Mengen noch selbst, danach nimmt es aber stark ab.
Es sind jedoch keine Testosteronpräparate für Frauen zugelassen. Eine Freundin versuchte es deshalb mit DHEA, der Vorstufe von Testosteron. Sie litt unter Stimmungsschwankungen, fehlender Energie und vor allem unter dem Verlust ihrer sexuellen Lust. In den USA kann man DHEA als Nahrungsergänzungsmittel kaufen. In der Schweiz steht es auf der Dopingliste, weil es in hohen Mengen den Muskelaufbau fördert. Für medizinische Behandlungen ist es rezeptpflichtig. Bei meiner Freundin wirkte es wunschgemäss. Ihre Libido kam zurück, sie hat wieder mehr Energie und weniger Stimmungsschwankungen.
Allerdings ist es fragwürdig, dass dies an der geringen Menge DHEA liegt, die sie einnimmt. Denn eine eindeutige Wirkung von DHEA auf den sexuellen Antrieb und gegen Wechseljahrbeschwerden konnte in Studien nicht erbracht werden. Ich tippe daher auf eine Portion Placebo kombiniert mit der Wirkung der weiblichen Hormone, die sie ebenfalls wegen der Menopause einnimmt. Aber Hauptsache, es wirkt.
Eine andere Freundin überredete ihre Hausärztin dazu, ihr Testosteron zu verschreiben. Zugelassen ist das Medikament zwar nur für Männer, aber Ärzte können es im Off-Label-Use, also ausserhalb der zugelassenen Indikation, auch Frauen verschreiben. Sie tragen dann die Verantwortung, falls etwas passiert.
Weil Testosteron seit vielen Jahren bei Frauen stark gefragt ist, hat eine internationale Gruppe von Endokrinologen 2021 aufgrund der verfügbaren Studien ein Konsenspapier veröffentlicht. Laut ihm ist eine kurzzeitige Behandlung mit geringem Gesundheitsrisiko verbunden, sofern bei den Frauen die Testosteronwerte vor der Menopause nicht überschritten werden. Langfristige Folgen sind allerdings wenig erforscht. Abgeraten wird von der oralen Einnahme, weil diese die Cholesterinwerte erhöht. Was die Wirkung betrifft: Sie ist nur zur Behandlung von stark vermindertem sexuellem Antrieb erwiesen. Für das Wohlbefinden und die kognitiven Leistungen zeigen Studien keinen klaren Effekt.
Meine Freundin überlistet somit die wissenschaftliche Evidenz. Denn sie fühlt sich energiegeladen, kann sich wieder besser konzentrieren und klarer denken.
Nach ein paar Monaten stellt sie jedoch auch noch eine andere Veränderung fest: Ihre Empathie nimmt ab. Einmal habe ein Freund ihr sein Herz ausgeschüttet, und es habe sie kaum berührt. Verändert das Hormon ihre Persönlichkeit? Sie fragt sich, ob es anderen Frauen mit Testosteron auch so geht.
Tatsächlich wird dem Hormon allerlei nachgesagt. Es steht für Männlichkeit, Aggression und Dominanzverhalten. Zwar wird die Persönlichkeit nicht von einem einzigen Hormon gesteuert, sondern von einer Vielzahl von Botenstoffen, Erfahrungen und Prägungen.
Jedoch können sich Hormonschwankungen stark auf das Empfinden auswirken und damit auch auf unser Verhalten. Das spüren viele Frauen im Verlauf des Zyklus. Mit Hormonen ist also nicht zu spassen. Meine Freundin nimmt nun weniger Testosteron. Die Nebenwirkung gab ihr zu denken.
In der wöchentlichen Rubrik «Hauptsache, gesund» werfen die Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin, Gesundheit, Ernährung und Fitness. Bereits erschienene Texte finden sich hier.
Folgen Sie der Wissenschaftsredaktion der NZZ auf X (ehemals Twitter).