Der Rekordmeister Davos gleicht die Play-off-Halbfinalserie gegen den Titelhalter ZSC Lions dank einem 4:3-Sieg aus. Zum 17-mal in Folge ohne Skorerpunkt bleibt der streitbare Angreifer Brendan Lemieux. Sein Trainer verteidigt ihn.
«1000-mal berührt, 1000-mal ist nichts passiert», sang die Klaus-Lage-Band schon 1984. So schlimm ist es mit Brendan Lemieux noch nicht ganz, aber am Dienstagabend blieb der Angreifer des HC Davos auch im 17. Pflichtspiel ohne Skorerpunkt. Es dürfte ein Novum in der Geschichte der National League sein, dass ein ausländischer Stürmer so unproduktiv ist.
Lemieux, 29, landete im Dezember in Davos. Er ist der Sohn von Claude Lemieux, einem vierfachen Stanley-Cup-Champion, der von sich nicht ohne Stolz zu sagen pflegte, er sei «der meistgehasste Spieler der NHL». Sein Sohn unternahm einiges, um dieses Erbe zu pflegen: In 436 Einsätzen in der AHL und NHL sammelte er 884 Strafminuten. 2021 wurde er für fünf Spiele gesperrt, weil er einen Gegenspieler biss – sein Vater hatte das ein paar Dekaden zuvor auch schon getan. Brendans Opfer, der Ottawa-Stürmer Brady Tkachuk sagte danach: «Das ist das feigste, was man machen kann. Dieser Typ – niemand mag ihn, niemand will sein Teamkollege sein, da könnt ihr jeden fragen. Er ist eine Witzfigur und sollte nicht in dieser Liga spielen.»
Mit Tony D’Angelo, einem Teamkollegen bei den New York Rangers, plante Lemieux vor einigen Jahren ein Podcast-Projekt, das die «Grenzen der politischen Korrektheit» ausloten sollte. 2020 war das, während der Pandemie, deren Echtheit Lemieux hinterfragte, wie sein Twitter-Profil offenbarte. Sympathien schien er hingegen für Donald Trump und Andrew Tate zu hegen, einen Chauvinisten und Internet-Star, gegen den in seiner ehemaligen Wahlheimat Rumänien unter anderem wegen Menschenhandel ermittelt wird.
«Schlägereien sind gut für den Sport», sagt Brendan Lemieux
Lemieux, so viel lässt sich sagen, ist niemand, der Kontroversen ausweicht. Und auf dem Eis auch keinen Schlägereien. 62 Faustkämpfe listet die Datenbank «hockeyfights.com» auf. Das ist sehr viel, zumal die Prügeleien in der NHL in den letzten Jahren rar geworden sind.
«Schlägereien sind gut für den Sport, sie halten ihn sauber, weil man so die Teamkollegen beschützen kann. Aber ich weiss, dass die Kultur in Europa anders ist», sagt Lemieux. Ein paar Minuten sind vergangen, seit der HC Davos die Play-off-Halbfinalserie gegen die ZSC Lions mit einem 4:3-Sieg zum 1:1 ausglich. Lemieux hatte wieder einmal mittun dürfen, nachdem er zuletzt oft überzählig war.
Hat er sich den Wechsel in die Schweiz anders vorgestellt, einfacher? Nach immerhin 307 NHL-Spielen mit 74 Skorerpunkten? Er sagt: «Klar hätte ich mir einen besseren Start gewünscht. Aber es war immer mein Ziel, irgendwann in die Schweiz zu wechseln. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es geklappt hat. Es ist eine sehr starke Liga, es gibt viele Spieler hier, die mehr Talent haben als Jungs, die heute in der NHL spielen. Es ist nicht einfach, hier zu skoren. So ist es halt manchmal in diesem Sport: Dass die Pucks einfach nicht reinfallen. Aber ich zweifle nicht an meinem Können und bin sicher, dass sich das bald ändert.»
Es ist das zweite Mal, dass Lemieux in der Schweiz lebt. Schon 2004 war das der Fall gewesen, als sich sein Vater für einige Monate dem EV Zug anschloss. Lemieux senior befand sich da bereits im Spätherbst der Karriere; kurz darauf wurde er Agent der weit verzweigten Zuger Beratungsagentur «4 Sports». Lemieux senior betreut für die Firma unter anderem den NHL-Stürmer Timo Meier. Und selbstredend auch den Filius.
Für diesen handelte er in Davos einen Vertrag bis 2027 aus. Zweieinhalb Jahre, das ist lang für einen Ausländer; selbst bei Akteuren, die ihr Können über Jahre unter Beweis gestellt haben. Und erst recht für einen Spieler, der in 17 Spielen null Punkte produziert hat. Als «Fehltransfer des Jahres» apostrophierte ihn kürzlich der «Blick».
Es gibt auch im HCD Menschen, die der vom kanadischen Sportchef Jan Alston forcierten Verpflichtung inzwischen ziemlich kritisch gegenüberstehen. Und daran erinnern, dass schon ganz andere Spieler den Klub trotz langfristigem Vertrag vorzeitig verlassen haben – der ehemalige Nummer-1-Draft Alexandre Daigle beispielsweise. Trainer Josh Holden gehört nicht zu den Zweiflern. «Wir haben ihn nicht geholt, damit er 30 Tore schiesst», sagt der Kanadier. Und auf den Einwand, dass es nicht 30 sein müssen, aber möglicherweise ja doch zumindest 5, entgegnet Holden: «Er gibt uns ein physisches Element, dass wir so nicht haben. Er macht viel für das Team, was den Fans und den Medien vielleicht weniger auffällt. Und es ist ja nicht so, dass er keine Chancen hätte. Er wird bald treffen, davon bin ich überzeugt.»
Lemieux hatte viele Vorläufer: Perrott, Morant, Lapierre
Bei Holden und seinem Vorgesetzten Alston hat sich über den Sommer der Glaube festgesetzt, dass man den Play-off-Viertelfinal gegen Lausanne vor Jahresfrist mit einem Haudegen wie Lemieux nicht verloren hätte. Es ist ein Fetisch, der in der Liga tief verankert ist: Dass es für die Play-offs ein Raubein braucht, einen nicht zu zügelnden Unruhestifter. Der SC Bern beschäftigte einst den Schläger Nathan Perrott, der sich kurz darauf als Boxer versuchte. Bern, der EV Zug und die ZSC Lions setzten auf den Verteidiger Johann Morant, der einst für 14 Spiele gesperrt wurde. Lugano schaffte es mit dem Provokateur Maxim Lapierre bis in den Play-off-Final. Auffallend oft waren es kanadische Trainer, die sich für ihre Verpflichtungen stark machten – das Bild des raufenden, edelmütigen Kriegers, der sein Team wie ein Gladiator zum Sieg führt, ist in der dortigen Eishockeykultur bis heute tief verankert.
Die Frage ist, ob es diese Art Spieler 2025 noch immer braucht. Oder ob sich der Sport zu sehr gewandelt hat – gerade in Europa. Er habe mehr zu bieten als nur Trashtalk und Muskeln, sagt Lemieux. Er habe seinen Vertrag bei den Chicago Wolves auch deshalb vorzeitig aufgelöst: Um das zu beweisen. «Für mich geht es auch darum, Eishockey wieder zu lieben. Ich bin zu mehr im Stande als pro Abend sieben Minuten auf dem Eis zu stehen und ab und zu jemanden zu verprügeln», sagt Lemieux.
Die Play-offs dauern für den HC Davos maximal noch zwölf Spiele. Es wird Zeit, dass Lemieux seinen Worten Taten folgen lässt.