Als 17-Jährige sah sich die Autorin für ihr Romandebüt «Axolotl Roadkill» mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Heute wäre es nicht schlecht, wenn sich die deutsche Literatur bei ihr ein bisschen etwas abschauen würde.
Manchmal beginnt es mit einem grossen Knall. Als Siebzehnjährige hat Helene Hegemann einen Roman geschrieben, der unverfroren das fröhliche Elend einer deutschen Jugend zeigte. Einsamkeit, Sex, Partys, Drogen und Dichten.
Schon die Tatsache, dass in «Axolotl Roadkill» alles autobiografisch klang, war ein Aufreger. Und dann spalteten sich die Aufgeregten auch noch in zwei Lager. Den einen war es egal, dass die Debütantin manche Passagen ihres Buchs bei einem Blogger namens Airen abgeschrieben hatte. Die anderen schäumten. Plagiat!
Trocken, hart und witzig
Fünfzehn Jahre nach Erscheinen des umstrittenen Debüts muss man sagen: Es wäre nicht schlecht, wenn sich die deutsche Literatur bei Helene Hegemann ein bisschen etwas abschauen würde. In ihren Romanen und Erzählungen gibt es keine gratismutigen Klagen über den Weltzustand, sondern das, was dem Jammern analytisch vorausgehen müsste, um es schliesslich überflüssig zu machen: eine Beschreibung der Gegenwart. Trocken, hart und witzig.
«Striker» heisst der mittlerweile vierte Roman der in Berlin lebenden Schriftstellerin. Es ist ein Berlin-Buch, in dem die fast schon klischeehaft kaputte Stadt wirkt, als hätte sie sich selbst verfilmt. Die Hauptfigur, Trainerin für Mixed Martial Arts, wohnt im fünften Stock eines Hochhauses. Eine Brandmauer versperrt ihr die Sicht, hat aber den Effekt einer fast poetischen Illusion. An manchen Tagen sieht das grau gestrichene Gemäuer aus wie ein weiter Himmel.
Hält man den Kopf aus dem Fenster, kann man zum Fluss schauen, wo sich die Obdachlosen und die «Druffies», die Drogenabhängigen, aufhalten. Das Hochhaus des Romans steht in Kreuzberg nahe der Spree. Früher gab es hier den Blick hinüber auf Ostberlin. In den sechziger Jahren sind hier fünf Kinder ertrunken, «weil sich Ost- und Westberlin noch nicht geeinigt hatten, wer im Grenzgebiet retten durfte. Genau an der Stelle liegt jetzt ein vierstöckiges Partyboot mit Palmen-Ambiente. Es wird für Junggesellenabschiede vermietet. Dahinter Brachland.»
Doppelgängerin auf dem Dachboden
«Striker» lebt von diesen Stimmungspuzzles, von einer seltsam austarierten Mischung aus Unglück und Hoffnung. Die Personifizierung dieses Zustands ist die junge Frau namens N. Im Sportstudio, wo sie von ihrem Chef Jürgen mit fürsorglicher Härte behandelt wird, nimmt sie ihren Job ernst und sieht in der Kampfkunst eine Form von «Liebe und Respekt». Dinge, die ihr im Leben sonst fehlen.
Immer in Geldnot, trägt sie abends nichts als ihre Einsamkeit nach Hause, bis etwas Seltsames geschieht. Vor ihrer Wohnungstür türmt sich das in Säcken verpackte Eigentum von jemand Fremdem. Es gehört Ivy, einer Frau, die auf N wie eine «verkiffte Jobberin» wirkt. Sie werde hier mit Striker einziehen, behauptet sie, dem berühmten Berliner Sprayer. Von dem hat N noch nie etwas gehört, aber er ist schnell gegoogelt.
Die riesigen, seit ein paar Tagen zu sehenden Zeichen auf der Brandmauer passen zu seiner Handschrift. Ein Suspense-Drama beginnt. N hört nachts Schritte, die vom Dachboden über ihr kommen. Die obdachlose und tatsächlich sozial isolierte Ivy entwickelt eine hartnäckige Präsenz, die schnell in etwas kaum greifbar Symbolisches kippt. Als «heimatlose Doppelgängerin» lauert sie vor der Wohnung von N. Bisweilen sitzen beide nur durch die Tür getrennt Rücken an Rücken beieinander.
Das Doppelgängermotiv, das Helene Hegemann in all seiner Unheimlichkeit durchspielt, hat seine Alltagsfolgen: Den übergriffigen Vertraulichkeiten Ivys hat N nichts entgegenzusetzen. Ausgerechnet sie, die Kampfsportlerin. Was ist Ivy? Das wenig glamouröse «future self» von N? Statt Aufstiegshoffnung eine Abstiegsdrohung aus Fleisch und Blut?
Zwischenmenschliche Nahkampfszenen
Mit staunenswerter Coolness inszeniert Helene Hegemann in ihrem Roman zwischenmenschliche Nahkampfszenen. Paarweise, beruflich oder privat, arbeitet man sich aneinander ab.
Hegemann stilisiert das, was man Mixed Martial Arts nennt, zur Beziehungsmetapher. Und zwar so unbedingt, dass man diesen Gedanken kaum noch abwegig finden kann. Beim Vollkontakt-Kampfsport begegnen sich zwei Menschen, die einander ernstlich Schaden zufügen könnten, aber am entscheidenden Punkt Rücksicht üben. Ihre gemeinsam vollführte Choreografie der Kraft ist brutal und empathisch zugleich. Sie reagiert auf die Bewegungen des anderen und ähnelt so einem paradoxen Liebesspiel.
Auch wenn der Körper der Hegemannschen Hauptfigur von Blessuren schon gezeichnet ist, kehrt sie täglich ins Kampfsportstudio zurück, um sich dort ihr Quantum Trost zu holen. Demütig lässt sie sich vom Studiobesitzer Jürgen, der «die Skyline von Greifswald» auf die Brust tätowiert hat und gern Monologe hält, über die Gewaltpraxis in den Städten aufklären.
N trainiert einen Lidl-Angestellten, der in Bananenkisten heimlich Kokain nach Tschechien schmuggelt, einen reichen Altmetallhändler und einen lippengepiercten jungen Mann. Dieser entwirft exklusive Sportschuhe für Nike, lässt Rilke-Zitate aufs Leder sticken. Abends riecht das T-Shirt von N nach dem Schweiss dieser Kunden, und es geht mit der U-Bahn quer durch die Stadt bis an ihr anderes Ende.
Gesellschaftsbilder in Vignettenform
Dort, im Villenvorort Zehlendorf, wohnt die derzeitige Affäre. Eine Politikerin, mit der es beim Sex ähnlich zugeht wie bei Mixed Martial Arts, aber vielleicht noch eine Spur weniger zärtlich. «Inzwischen schläft die Politikerin mit N im selben, zielgerichteten Eifer, mit dem sie das Trockentuch faltet oder Zahnseide benutzt oder mitten im Gespräch den Handstaubsauger aus dem Keller holen geht, um die Krümel vom Esszimmerstuhl zu entfernen.»
Die in geschäftiger Nüchternheit erstarrte Politikerin ist von ihrem Amt auf eine Art überfordert, dass sie sich die Kontrolle erst nach Feierabend zurückholen zu können glaubt. Indem sie «manisch, als ginge es um den NATO-Doppelbeschluss oder eine OP an ihrem eigenen offenen Herzen, sämtliche Oberflächen in der Jugendstilvilla ihres Ex-Mannes mit Neutralreiniger abwischt».
Ein grosses deutsches Heimatgemälde
So ist das bei Helene Hegemann. Gesellschaftsbilder in Vignettenform. Für die Schwachen und Schwächelnden hegt «Striker» eine fast sozialarbeiterhafte Sympathie, aber die Selbstperfektionierer, die sich mit viel Sentimentalität in einem Lebensstil eingerichtet haben, werden mit Spott übergossen. Berlin wird zu einem realitätsechten Zerrbild seiner selbst, wenn Hipster beschrieben sind, «die morgens für schwarze Croissants Schlange stehen, an dem Deli, das vor einigen Monaten angefangen hat, jedem noch so kleinen Stück Teig eine Messerspitze Aktivkohle beizumengen und dadurch inzwischen seinen Umsatz verdreifacht».
Wie niemand sonst pinselt Helene Hegemann die Selbsttäuschungen des Lebens auf die Buchseiten. Die Kindheit von N im Sauerland wird kurz rekapituliert, und das, was aus dieser Kindheit bis in die Gegenwart ragt.
Eine lose Verbindung zu einer Cousine gibt es noch, die einen Baumarkt in Lüdenscheid leitet und mit dem ersten türkischen Schützenkönig der Stadt verheiratet ist. Die Cousine hält Reptilien bei sich zu Hause, und über N heisst es: «Das sind die einzigen verbliebenen Schnittstellen zu ihrer Herkunft: Discountersüsswaren und online veröffentlichte Aufnahmen von Terrarien, die auf schwarz lackierten Pressholzmöbeln in einer Wohnung im Sauerland stehen.»
Aus solchen Einzelbildern setzt Hegemann ihr grosses deutsches Heimatgemälde zusammen. Wenn die jetzige Gegenwart von neuen Gegenwarten überrollt ist, wird man sich in den Romanen, Erzählungen, Filmen und Theaterstücken der 1992 Geborenen alles noch einmal anschauen können. In «Jage zwei Tiger», «Bungalow» und «Schlachtensee», in «Ariel 15» oder «Torpedo». Und jetzt auch in «Striker». Fazit: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst in diesem menschengemachten Deutschland.
Helene Hegemann: Striker. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025. 192 S., Fr. 33.90.