Vor zehn Jahren sorgte der Saxofonist Kamasi Washington international für Furore mit seinem Album «The Epic». Seine Prominenz nutzt er seither auch für soziale und politische Projekte. Von Donald Trump fühlt er sich überrumpelt.
Er ist ein Phänomen, Kamasi Washington. Wenn der Saxofonist sich auf der Bühne in bunten, wallenden Gewändern präsentiert, wirkt er wie ein Magier. Und sobald er das gleissende Instrument an die Lippen führt, trägt sein beherzter Klang durch Raum und Zeit bis in den Olymp der Jazzgötter.
Der 44-jährige Afroamerikaner aus Los Angeles ist inspiriert von den hitzigen Schlaufen und den glühenden Sounds, die einst sein Idol John Coltrane auszeichneten. Als Leader seiner zumeist grossen Ensembles orientiert er sich hingegen an den Stilmixturen und den orchestralen Arrangements des legendären Keyboarders und Komponisten Sun Ra.
Wie einst seine legendären Vorbilder spricht auch Kamasi Washington ein überraschend breites und junges Publikum an mit Jazz. Das erklärt sich zum einen dadurch, dass er immer wieder mit Künstlern aus Hip-Hop und Elektro zusammengearbeitet hat; so blieb er auf Tuchfühlung mit der jungen, urbanen Musikszene. Zum andern entwickelt er in seiner Musik eine berückende, geradezu religiöse Wucht, die ein Versprechen auf Friede und Freiheit in sich trägt.
Da passt der Titel seines Triple-Albums, das ihn vor zehn Jahren zum Superstar des Jazz machte, bestens: «The Epic». Aber Kamasi Washington hat kaum Starallüren. Seine Prominenz nutzt er auch, um sich gesellschaftlich zu engagieren – etwa indem er sich für einen Instrumentalunterricht für Jugendliche aus bescheidenen Verhältnissen einsetzt. – Beim Telefoninterview mit der NZZ ist er, kurz vor einer Europatournee, bei sich zu Hause in Los Angeles.
Kamasi Washington, Sie sind bekannt als ein engagierter Musiker, der sich auch um soziale Anliegen kümmert. Was ist denn Ihre Mission?
Das Leben ist grösser als meine Musik. Als Musiker versuche ich zwar, mich selbst auszudrücken und zu verwirklichen. Musik ist aber auch mein Mittel, um aus der Welt einen besseren Ort zu machen.
«Fearless Movement» ist der Titel Ihres letzten Albums. Was für eine Bewegung meinen Sie damit?
Man sollte sich nie fürchten vor dem Neuen und dem anderen. Das gilt in der Gesellschaft ebenso wie in der Kunst. Veränderung und Fortschritt brauchen immer ein gewisses Mass an Unerschrockenheit.
Gilt das auch im Hinblick auf die neue amerikanische Regierung?
Ach, die Situation ist grauenhaft. Viele Leute, die sich eigentlich wehren sollten, haben Angst vor der Regierung. Donald Trump setzt bewusst auf Einschüchterung und Hass, um Macht zu demonstrieren. Ihm fehlt jede Art von Empathie. Seine Politik nützt nur ein paar wenigen Superreichen. Der Mehrheit der Bevölkerung aber macht sie das Leben schwerer. Wir brauchen eine Protestbewegung gegen diese Regierung.
Wen genau meinen Sie mit «wir»?
Ich meine einfach alle, die einsehen, dass hier etwas falsch läuft.
Gibt es Widerstand aus der Kulturszene?
Die politische Lage verändert sich so schnell, dass man leicht die Übersicht verliert. Wir sind alle überrumpelt. Aber die Künstler sind jetzt gewarnt, sie schauen genau hin. Und ich habe den Eindruck, dass sich bereits eine Widerstandsbewegung zu formieren begonnen hat, auch wenn sie sich noch nicht klar manifestiert hat.
Jazz hatte immer wieder eine rebellische Seite. Ist das heute noch von Bedeutung?
Jedenfalls fördert Jazz, vielleicht mehr als alle andere Musik, das freie Denken. Und das ist genau das, was im Moment gefragt ist. Die Leute müssen lernen, selbst zu denken, und erkennen, was sich hinter all den seltsamen Nachrichten verbirgt. Dieser Geist der intellektuellen Offenheit kann gerade durch Jazz animiert werden. Da bin ich überzeugt.
Sehen Sie sich selbst als Künstler-Rebell?
Im Moment versuche ich jedenfalls, mich gegen die Regierung zu wehren. In Los Angeles habe ich mich an den Aufmärschen beteiligt, als es darum ging, die Migranten buchstäblich auf offener Strasse vor Schikanen zu schützen.
Vor zehn Jahren haben Sie sich zusammen mit vielen afroamerikanischen Musikern für die «Black Lives Matter»-Bewegung starkgemacht. Wie beurteilen Sie die Bewegung heute?
Die breite Solidarität, die damals bekundet wurde – längst nicht nur von Afroamerikanern –, hat den Respekt gegenüber allen Minderheiten gefördert. Es ging um Freiheit und Gerechtigkeit für alle. Es ging darum, dass sich die Mehrheitsgesellschaft für Minderheiten einsetzt.
Könnte sich die «Black Lives Matter»-Bewegung heute zu einer Anti-Trump-Bewegung entwickeln?
Ich hoffe tatsächlich, dass es zu einer ähnlichen Solidaritätswelle kommt für diverse Gruppen, die unter der Regierung Trump unter Druck geraten sind: Immigranten, Schwarze, Frauen, Handicapierte, LGBTQ. Aber es geht dabei auch um die Mehrheit. Wenn einer Minderheit demokratische Institutionen und Rechte verwehrt werden, ist das eine Gefahr für alle. Man kann sich nicht mehr sicher sein, dass die Diskriminierung nicht plötzlich gegen einen selbst gerichtet wird; aus welchen Gründen auch immer.
Vor zehn Jahren haben Sie mit Ihrem Debüt-Triple-Album «The Epic» für eine Sensation gesorgt. Plötzlich war Jazz wieder attraktiv für jüngere Generationen. Hat Sie das damals selbst überrascht?
Es ist stets schwer vorauszusagen, wovon sich das Publikum angesprochen fühlt. Wenn es um Kunst und Musik geht, ist Erfolg nur schwer kalkulierbar. Ich weiss zwar, dass das immer wieder versucht wird, aber der Erfolg ist ungewiss. Ich habe es mir jedenfalls einfacher gemacht und als Musiker bloss auszudrücken versucht, was ich tatsächlich fühle, was ich auf dem Herzen habe. Kurzum: Ich weiss nicht genau, weshalb «The Epic» so erfolgreich war. Aber weil ich meine Musik selbst mag, war ich nun auch nicht überrascht.
Jazz hat sich in die Nischen zurückgezogen. Haben Sie einen Ratschlag für Ihre Musikerkolleginnen und -kollegen, wie sie ein breiteres Publikum erreichen könnten?
Die Jazzszene leidet an einer gewissen Isolierung. Alle andern Stile mischen sich immer wieder und sind überall präsent. Für Jazz aber muss man oft besondere Klubs aufsuchen. Auch Jazzmusiker sollten sich überall einmischen und Präsenz markieren. Ich bin allerdings bei weitem nicht der Einzige, der mit Künstlern aus andern Genres zusammenarbeitet. Viele Musiker lassen sich von populären Stilen wie Hip-Hop inspirieren.
Sie haben immer wieder mit Rappern zusammengearbeitet, auch mit Kendrick Lamar. Sind Sie in Kontakt mit ihm geblieben?
Gerade habe ich auch wieder auf seinem letzten Album mitgewirkt und den Song «Squabble Up» mitproduziert. Aber an sich ist das nichts Besonderes. Jazzer und Rapper kommen aus derselben Kultur. Seit den Anfängen von Hip-Hop gab es deshalb immer wieder Verbindungen zu Jazz. Viele Hip-Hop-Produzenten haben auf Jazzaufnahmen zurückgegriffen. Aber auch die Rapper lassen sich von Jazzalben wie John Coltranes «A Love Supreme» inspirieren.
Konzert: Zürich, X-tra, 30. März.