Der EHC Kloten trennt sich vom Manager Larry Mitchell. Der Entscheid war überfällig, es fragt sich, ob der Klub mit dem Festhalten am Deutschkanadier nicht zwei Monate verloren hat. Und: Wunderdinge sollte man von seinem Nachfolger nicht erwarten.
Mitte Januar sagt Jan Schibli, der Co-Präsident des EHC Kloten: «Larry Mitchell geniesst unser vollstes Vertrauen». Jetzt, neun Wochen später, haben sich die Klotener von ihrem Sportchef getrennt.
Es ist ein Abschied mit monatelanger Ansage. Und auch wenn Klotens Saison erst am Freitag geendet hat – aufgrund des Scheiterns des EHC Olten in der Swiss League entfiel das Play-out – fragt sich, wieso das alles so lange gedauert hat. Wo doch spätestens mit der Ernennung des Trainers Stephan Mair vom 25. Januar für jedermann klar war, dass Mitchell in diesem Klub keine Zukunft mehr hat.
Der Deutschkanadier war bei der Trainersuche übergangen worden, im ersten Training unter Mair glich die Szenerie einem Sketch von Loriot: Mitchell und der CEO Anjo Urner sassen auf der Tribüne. Urner sagte: «Es ist nicht korrekt, wie die Dinge wiedergegeben worden sind. Im Prozess, einen Trainer zu verpflichten, sind immer mehrere Personen involviert. Die sportliche Führung steht hinter dem Entscheid.» Die Frage direkt an Mitchell: Ist das Ihre Trainerwahl, sind Sie zufrieden damit, wie alles abgelaufen ist? Der Deutschkanadier sagte: «Sie haben doch jetzt gerade alles gehört, was Sie hören wollten. Es gibt keinen weiteren Kommentar.»
Es war einer der finalen Akte der eigenartigen Ära Mitchell. Er war im Herbst 2022 vom damaligen Präsidenten Mike Schälchli als Nachfolger des im Zwist aus dem Klub geschiedenen Patrik Bärtschi installiert worden, ohne sich zuvor besonders profunde Kenntnisse über das Schweizer Eishockey angeeignet zu haben. Das ist kein Vorwurf, er hatte solche ja auch nicht benötigt – die ganze Spieler- und Funktionärskarriere über hatte Mitchell in Deutschland gewirkt. In den ersten Monaten in Kloten war er de facto ein Sportchef im Nebenamt, sein Pensum belief sich zunächst auf 50 Prozent. Man sieht das nicht alle Tage in einer ernstzunehmenden Profiliga.
Fleming, Beaulieu, ein Abstecher zum Spengler-Cup – Mitchell tat sich mit mehreren Entscheiden keinen Gefallen
Die Trennung nach knapp eineinhalb Jahren ist der richtige Entscheid, Mitchell leistete sich schlicht zu viele Fehler. Er griff bei der Trainerwahl daneben – sein im Sommer 2023 verpflichteter Wunschkandidat Gerry Fleming wurde schon im November verabschiedet. Mitchell stieg darauf selbst an die Bande, wobei von seinem Wirken an der Bande neben zwei Derbysiegen gegen den ZSC in erster Linie ein an Realitätsverweigerung grenzendes Interview im «Blick» im kollektiven Gedächtnis haften blieb: Es wäre«fahrlässig», die «gute Beziehung» zwischen ihm und der Mannschaft mit der Einstellung eines neuen Mannes zu gefährden, sagte Mitchell, nachdem sein Team wochenlang von praktisch jedem Gegner zerzaust worden war.
Keinen Gefallen tat er sich zudem damit, während des Spengler-Cup lieber als Assistenztrainer des Team Canada ein paar Tage im Weihnachtswunderland Davos zu verbringen als in Kloten sein darniederliegendes Team aufzurichten.
Auch punkto Transfers ist seine Bilanz durchzogen. Er ist während seines Wirkens in Kloten nicht müde geworden, darauf hinzuweisen, dass er über Spieler in allen Herren Länder selbstgefertigte Scouting Reports aus der Schublade ziehen könne. Aber als Kloten im Herbst den nicht mehr erwünschten Verteidiger Lucas Ekestahl-Jonsson ersetzen wollte, zauberte Mitchell den Kanadier Nathan Beaulieu aus dem Hut. Man muss sich anstrengen, in diesem Jahrhundert einen schwächeren Klotener Ausländer zu benennen. Beaulieu, 31, produzierte in 13 Spielen zwei Assists und wirkte vom Tempo in der National League überfordert. Sein Vertrag wurde im Februar aufgelöst.
Rätselhaft bleibt auch: Die ohne Not forcierte vorzeitige Vertragsverlängerung um zwei Jahre mit dem Stürmer Tyler Morley, seit Jahren ein Wunschspieler Mitchells. Der Kanadier steuerte in 41 Spielen 23 Skorerpunkte bei; die Schweizer Konkurrenz wäre in diesem Sommer vermutlich nicht Schlange gestanden. Generell hatte Mitchell bei den Ausländern wenig Fortune. Und auch die Verpflichtung von Nolan Diem erstaunte, einem in Langnau wenig berücksichtigten und inzwischen 30 Jahre alten Dutzendstürmer.
Loïc Burkhalter ist ein möglicher Kandidat als Nachfolger für Larry Mitchell
Man kann sich fragen, wie sich dieser Klub eigentlich positionieren will – und wie die nächsten Etappen aussehen sollen. Es gehe darum, ein Fundament zu schaffen, sagte der Co-Präsident Schibli im Januar. Das brauchte Zeit, drei bis fünf Jahre. Der CEO Urner sagt, man wolle Spieler weiterentwickeln – und zwar unabhängig vom Alter. Das sei Kloten in den letzten Jahren gelungen. Ein Beispiel dafür ist der Verteidiger David Reinbacher, 2023 ein Erstrundendraft der Montreal Canadiens.
Derzeit ist in jeder Hinsicht unklar, wer im sportlichen Bereich die Rahmenbedingungen schaffen soll, damit Klotens Profis gedeihen können. Gemäss Urner sind noch keine Gespräche mit Kandidaten für den Job des Sportchefs geführt worden, man sei gerade dabei, das Profil zu verfeinern. Ad interim übernimmt der ehemalige Coach und heutige sportliche Berater Jeff Tomlinson. Bekannt ist, dass es rund um den Klub einflussreiche Leute gibt, die Loïc Burkhalter portieren, den ehemaligen Nationalspieler und heutigen Manager des HC La Chaux-de-Fonds.
Einen Zeithorizont für die Nachfolgeregelung gibt es nicht, aber auf den neuen Mann wartet reichlich Arbeit, unter anderem fehlen ein Nummer-1-Torhüter, mindestens drei Ausländer – und auch ein Cheftrainer. Der im Januar bis zum Saisonende engagierte Südtiroler Mair dürfte kaum eine Chance auf eine Weiterbeschäftigung haben, unter ihm gewann Kloten nur zwei von zehn Partien.
Es ist nicht gesagt, dass sich die Bilanz unter seinem Nachfolger nachhaltig aufpolieren lässt. Platz 13 konnte gemessen am Budget und der Qualität im Kader niemanden überraschen. Das strukturelle Defizit liegt bei knapp zwei Millionen Franken, und selbst wenn der Verwaltungsrat irgendwo frisches Geld finden sollte: Bei den Schweizer Spielern sind auf dem Transfermarkt kaum noch Retuschen möglich. Gewiss, der Verein braucht einen Hoffnungsträger. Aber einen Wunderheiler als Sportchef sollte Klotens Anhang nicht erwarten.