Die Krise des Spitals war zum Teil selbstverschuldet. Aber jetzt ist klar: Es braucht keine Finanzhilfe des Kantons.
Das Kantonsspital Winterthur (KSW) galt lange Zeit als Vorzeigebetrieb. Während andere Spitäler über zu tiefe Tarife jammerten, schrieben die Winterthurer jahrelang schwarze Zahlen und gehörten zu den effizientesten im Kanton. Gleichzeitig ist das Spital stark gewachsen und realisierte erfolgreich ein Neubauprojekt. Man war in Winterthur stolz auf dieses Spital, das zu beweisen schien, dass man gleichzeitig medizinisch und ökonomisch zu den Besten gehören kann.
Doch dieses Bild geriet in der Pandemie ins Wanken. Plötzlich stürzte das Spital tief in die roten Zahlen. Der einstige Spitzenreiter fand sich am Ende von Spitalstatistiken wieder. Kaum ein anderes Spital in der Schweiz erlebte einen so tiefen Fall.
Und das war nicht alles: Das Spital kämpfte auch mit Personalproblemen. In den Operationssälen stand teilweise die Arbeit still. In der Geschäftsleitung rumorte es ebenfalls. Mitten in der Krise verliessen der CEO und ein weiteres Spitalleitungsmitglied das Haus.
Und so machte sich plötzlich Sorge breit: «Braucht auch das Kantonsspital Winterthur Finanzhilfe?», fragte ein ehemaliger FDP-Kantonsrat kürzlich auf dem Finanz-Blog «Inside Paradeplatz». Es wäre nicht das erste Spital im Kanton, dem es so ergeht: Das Kinderspital und das Unispital haben Geld vom Kanton erhalten, das Spital Uster von den Gemeinden. Und das Spital Wetzikon, dem der Kanton die Unterstützung versagte, kämpft ums Überleben. Der Grund ist eine Anleihe, die das Spital nicht refinanzieren kann. Eine solche Anleihe läuft auch beim Kantonsspital Winterthur aus, und zwar Ende September.
Die Winterthurer wollen kein Geld vom Kanton
Zwei Neuigkeiten machen nun aber Hoffnung, dass es in Winterthur aufwärtsgehen könnte.
So hat das Spital gerade erfolgreich am Markt eine Anleihe über 150 Millionen Franken platziert – zu einem Zinssatz von 1,4 Prozent. Das Spital kann damit die auslaufende Anleihe über 100 Millionen Franken ablösen. Die übrigen Mittel sollen für Investitionen genutzt werden. Dass die Refinanzierung gelungen sei, zeige, dass das KSW auch Investoren zu überzeugen vermöge, sagt der CEO Guido Speck.
Überraschend kommt das nicht, die Voraussetzungen für die Winterthurer waren deutlich besser als für das Spital Wetzikon. Das KSW verfügt über ein stattliches finanzielles Polster – die Eigenkapitalquote beträgt 47,6 Prozent. Mit anderen Worten: Das Spital könnte noch das eine oder andere schwierige Jahr überstehen. Zwar schreibt der Betrieb immer noch rote Zahlen, der Trend zeigt aber aufwärts. Zudem hat das Spital den Kanton als Eigentümer im Rücken und ist gleichzeitig für die Zürcher Gesundheitsversorgung nur schon wegen seiner Grösse praktisch unentbehrlich. All diese Faktoren machten die Anleihe für Investoren offenbar attraktiv.
Klar ist damit nun auch, dass sich das Kantonsspital im Gegensatz zum Unispital nicht via Kanton finanzieren lässt. Für das Unispital nimmt der Kanton 690 Millionen Franken auf – der Kanton kann das aufgrund seines guten Ratings zu deutlich günstigeren Konditionen tun als das Spital. Er reicht das Geld dem Spital zwar mit einem Aufschlag weiter, trotzdem kommt dies für das Unispital deutlich günstiger: Über die nächsten fünfzehn Jahre spart das Spital laut Regierungsrat damit 51 Millionen Franken.
Auch das Kantonsspital Winterthur könnte auf diese Weise einige Millionen sparen, verzichtet nun aber. «Einerseits wollen wir damit zeigen, dass wir eigenständig sind und wir uns selbst finanzieren können», sagt Speck im Gespräch mit der NZZ. Genau das sei ja die Idee eines verselbständigten Spitals. Anderseits sei auch die Zeit zu knapp gewesen, um noch den Umweg über den Kanton zu nehmen – denn die auslaufende Anleihe muss bereits Ende September zurückgezahlt werden.
Überraschende Einigung im Tarifstreit
Die zweite erfreuliche Neuigkeit für das Winterthurer Spital betrifft die Tarife. Trotz Teuerung und gestiegenen Personalkosten muss das Kantonsspital seit 2020 mit unveränderten stationären Tarifen auskommen – und dies, während andere Spitäler bereits höhere Tarife zugesprochen bekommen haben. Das ist allerdings selbstverschuldet, denn die Winterthurer stehen in einem Rechtsstreit mit den Krankenkassen. Sie haben die Tarife der Jahre 2020 bis 2022 bis vor Bundesverwaltungsgericht angefochten. Die Verfahren zu den Tarifen 2023 und 2024 sind bei der Gesundheitsdirektion hängig.
Die Spitalleitung argumentiert, dass das KSW als Zentrumsspital hohe Lasten trage müsse, die mit den Tarifen nicht ausreichend abgegolten würden. So landeten viele komplexe Fälle anderer Spitäler in Winterthur. Zudem betreibe man eine grosse Kinderklinik. Beides seien Bereiche, die deutlich unterfinanziert seien.
Doch nun konnte sich das Spital mit sämtlichen Kassen aussergerichtlich einigen, wie der CEO Speck sagt. Alle Verträge seien unterschrieben. «Es hat sich gelohnt, dass wir Druck aufgebaut haben.» Zwar erhalte das Spital nicht so viel wie gefordert. Dennoch sei er zufrieden mit dem Ergebnis. Das Kantonsspital Winterthur werde schweizweit die höchsten Tarife unter den Zentrumsspitälern erhalten. «Das wird uns eine deutliche Entlastung bringen», sagt Speck.
Da dies rückwirkend bis 2020 gilt, dürfte es in den Kassen des Spitals in diesem Jahr klingeln. Das ist zwar ein Einmaleffekt. Die höheren Tarife, die noch vom Regierungsrat bewilligt werden müssen, werden dem Spital aber auch längerfristig helfen.
Warum ist das KSW so tief gefallen?
Der Fall des Kantonsspitals Winterthur ist symptomatisch für die jüngste Spitalkrise in der Schweiz. Einige Gründe für die finanziellen Probleme waren ähnlich wie bei anderen Spitälern. Die Teuerung trieb die Betriebskosten nach oben. Zudem kämpften die Krankenhäuser nach der Pandemie gegen einen Personalmangel an. Sie erhöhten die Löhne und führten flexible Arbeitszeitmodelle ein. Gleichzeitig verharrten die Tarife vielerorts auf niedrigem Niveau. Kurz: Die Kosten stiegen, aber die Einnahmen hielten nicht mit.
Beim KSW kamen einige Besonderheiten dazu. Das Spital rechnete damit, dass die Behandlungszahlen nach dem Corona-Knick rasch wieder steigen würden, und baute beim Personal stark aus. Doch damit verkalkulierte sich die Spitalleitung. Das erhoffte Wachstum stellte sich nicht ein. Und so hatte man plötzlich zu viel Personal und damit zu hohe Ausgaben. Für zusätzlichen Aufwand sorgte der Bezug des Neubaus «Didymos» Anfang 2022. Auch die Führungswechsel ab 2022 halfen nicht. Brancheninsider vermuten, dass deshalb das Steuer beim KSW zu wenig schnell herumgerissen worden sei.
Der jetzige Spitaldirektor Speck, der seit Juni 2024 im Amt ist, sagt nun aber: «Die finanzielle Trendwende ist sichtbar.» Speck hat an verschiedenen Schrauben gedreht. Er setzt auf ein striktes Kostenmanagement: «Jede Stelle, die neu oder wieder besetzt wird, muss über meinen Tisch.» Planbare Eingriffe werden nun so gesteuert, dass die Kapazitäten der Operationssäle, Intensivstationen und Bettentrakte so gut wie möglich ausgelastet sind. Bei den Investitionen wurde geschaut, was wirklich nötig ist und was zurückgestellt werden kann.
Eine neue Zurückhaltung gibt es auch bei den Ausbauplänen des KSW für die nächsten zehn Jahre. Es habe «keinen politischen Druck» gegeben, sie zu redimensionieren, sagt Speck. Anders ist dies beim Universitätsspital Zürich, das auf Geheiss des Kantons seine ambitionierten Pläne für Neubauten überprüfen muss. Laut Speck ist die KSW-Leitung selbst über die Bücher gegangen. So werde man einen alten Bettentrakt, den man ursprünglich habe behalten wollen, künftig nicht mehr für Patienten nutzen. Gegenwärtig hat das KSW noch rund 510 Betten. Speck ist überzeugt davon, dass man mittelfristig auch mit 450 Betten auskommen werde.
Specks Ziel ist klar: Bis 2026 will er mit dem KSW wieder einen Reingewinn schreiben. Die Klärung bei der Refinanzierung der Anleihe sowie die Einigung auf neue Tarife dürften eine gute Voraussetzung dafür sein.