Vor 100 Jahren starb Wladimir Iljitsch Uljanow. Mehrere Jahre hatte er in der Schweiz gelebt – und den geistigen Sprengstoff hergestellt, der in der Oktoberrevolution in Russland gezündet wurde. Die Behörden unterschätzten ihn komplett.
Es ist womöglich der folgenreichste Beitrag der Schweiz zur Weltgeschichte: die Beherbergung eines unscheinbaren, untersetzten russischen Exilanten namens Wladimir Iljitsch Uljanow. Eines Mannes mit listigen Augen, schwacher Stimme, Stiernacken und hoher Stirn. Als ihn die eidgenössischen Behörden im April 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, in einem Schnellzug ausreisen lassen, ist er selbst unter Schweizer Sozialisten kaum bekannt. Innert weniger Monate wird er unter dem Namen Lenin zu globaler Prominenz aufsteigen.
«Kein Geschoss war weittragender und schicksalsentscheidender in der neueren Geschichte als dieser Zug, der, geladen mit den gefährlichsten, entschlossensten Revolutionären des Jahrhunderts, in dieser Stunde von der Schweizer Grenze über ganz Deutschland saust, um in Petersburg zu landen und dort die Ordnung der Zeit zu zersprengen», schreibt der Schriftsteller Stefan Zweig.
Und von Lenin ist die Aussage überliefert: «Ein steiler Aufstieg aus dem Keller an die Macht, mir dreht sich der Kopf.» Der Keller, das ist auch die Schweiz, in der er fast sechseinhalb Jahre seines Lebens verbracht hat.
Genf – «ein elendes Nest»
Geboren ist Wladimir Uljanow 1870 in Simbirsk als Sohn eines Schuldirektors und Staatsrats, der in den erblichen Adelsstand des Zarenreichs erhoben wurde. Doch von familiärer Treue zum absolutistischen System kann keine Rede sein. Als er vor dem Abitur steht, versucht sein älterer Bruder ein Attentat auf den Zaren und endet am Galgen. Die Hinrichtung macht den 17-jährigen Uljanow zum notorischen Widerständler. Während des Jus-Studiums liest er die Schriften von Marx als Offenbarung: «Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.» Aus politischen Gründen wird er von der Universität gewiesen, kann aber nach einem Selbststudium das Staatsexamen ablegen, wird Rechtsanwalt – und verschreibt sich der Revolution.
1895 reist er ein erstes Mal in die Schweiz, um seine Magenbeschwerden in einem Kurhaus am Zürichsee behandeln zu lassen. Seiner Mutter schreibt er: «Die Natur hier ist prachtvoll. Ich freue mich immerzu daran.» Er trifft sich aber auch mit russischen Sozialisten, die vor dem Zaren geflüchtet sind. Der liberale Bundesstaat hat eine lange Tradition der Aufnahme politischer Exilsuchender, gerade aus Osteuropa. Überwacht wird Uljanow nicht, weder von den Schweizer Behörden noch von der zaristischen Geheimpolizei Ochrana, die auch im Ausland aktiv ist. Kurz nach seiner Rückkehr wird er wegen Agitation verhaftet und für drei Jahre nach Sibirien verbannt.
Daraufhin lebt er in Genf, in München und London. Er gibt die Kampfschrift «Was tun?» heraus und steigt in den Führungszirkel der Bolschewisten auf. Ab 1901 verwendet er von seinen vielen Pseudonymen immer häufiger den Nom de Guerre Lenin. Nach der Revolution 1905 kehrt er vorübergehend ins Zarenreich zurück, weilt 1908 aber bereits wieder in Genf und ist unglücklich: «Ein elendes Nest, aber da lässt sich nichts machen.» Er zieht weiter nach Paris und schliesslich ins habsburgische Galizien, wo er im Spätsommer 1914, als der Erste Weltkrieg ausbricht, festgenommen wird, aber in einen neutralen Drittstaat ausreisen darf – in die Schweiz.
Asketisch und pedantisch
Als Sans-Papiers steht er dann zusammen mit seiner Ehefrau Nadeschda Krupskaja und der Schwiegermutter am Zollposten in Buchs. Es braucht die Bürgschaften der beiden damals einflussreichsten Schweizer Sozialisten, des Berners Robert Grimm und des Zürchers Herman Greulich, bis sie die Grenze überqueren dürfen. In Bern beziehen sie Quartier, was ihnen aber wenig behagt: «Das Leben hier ist ganz und gar von kleinbürgerlichem Geist durchdrungen», schreibt Krupskaja.
Anfang 1916 ziehen sie nach Zürich um, wo sie sich mehr revolutionären Geist erhoffen und weniger auf Agenten und Gesandte treffen als in der Bundesstadt. Zuvor sondiert Lenin in der Limmatstadt bei einem Bekannten: «Wieviel kann ein Referat an Reingewinn bringen?» Oder: «Würden die dortigen Genossen helfen, uns zu zweit unterzubringen?» Ihn plagen Finanzsorgen: «Kein Geld, kein Geld!! Das ist das Hauptübel», klagt er in einem Brief.
Lenin und Krupskaja finden im Niederdorf ein Zimmer bei einem Schuhmachermeister namens Kammerer. Der Alltag des Revolutionärs ist unheroisch, er lebt zurückgezogen und unauffällig. In einem Bericht der Zürcher Revierpolizei heisst es im Mai 1916: «Uljanow bewohnt mit seiner Frau bei Kammerer, Spiegelgasse 14 ein Zimmer à Fr. 24 pro Monat. Er komme seinen Verpflichtungen pünktlich nach und gebe zu keinen Aussetzungen Veranlassung.»
Lenin ist ein Asket und Pedant, unnahbar und kompromisslos. Er trinkt nicht, er raucht nicht. Er macht Gymnastik: «Das ist gut für alle, aber als Revolutionär ist es eine Verpflichtung.» Er geht «früh wie die Schweizer zu Bett», schreibt seine Ehefrau. Und wie schon in Bern sitzt er tagsüber vor allem in den Bibliotheken. Wenn sie um 9 Uhr aufgehen, steht er bereits vor der Tür, arbeitet bis zur Mittagspause durch – und wenn sie um 13 Uhr wieder öffnen, ist er wieder da und bleibt bis zur Schliessung um 18 Uhr. «Er hat so ein grosses Gehirn, dass es ihm die Haare aus dem Kopf drückte», witzeln Genossen.
Seine Lektüre umfasst so Unterschiedliches wie Carl von Clausewitz, die Fleischversorgung im Deutschen Reich, Kapitalismus und Landwirtschaft in den USA oder «Höhenklima und Bergwanderung in ihrer Wirkung auf den Menschen». Dazu viel Philosophie, etwa Aristoteles und Hegel, zu deren Lektüre er Randbemerkungen setzt: «Unsinn! Lüge! Verleumdung!» oder auch nur: «Haha!»
Der Revolutionär bewegt sich in Emigrantenkreisen, hält Vorträge, veröffentlicht Essays, etwa «Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus». Er hat indes kaum enge Kontakte zu Einheimischen, obwohl er Deutsch und Französisch spricht. Die Schweizer Sozialdemokraten sind ihm zu angepasst in der «bürgerlichen Republik». Über die vier Genossen, die der Zürcher Stadtregierung angehören, ätzt er: Sie «sind keineswegs gewöhnliche Überläufer in das Lager des Feindes, sie sind einfach friedliche Spiesser, Opportunisten, die sich an den parlamentarischen Kleinkram gewöhnt haben».
Seine Versuche, die Sozialdemokraten auf die revolutionäre Seite zu ziehen, scheitern. Zum Beispiel 1915, als sich in der Abgeschiedenheit des Berner Bauerndorfs Zimmerwald und getarnt als Ornithologenverein die sozialistische Avantgarde trifft, um über die Rettung der Menschheit zu debattieren. Es zeigt sich, dass Lenins Losung, «den Weltkrieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln», nicht mehrheitsfähig ist (auch nicht an der Nachfolgekonferenz in Kiental von 1916). Die Behörden erfahren vom hochkarätigen Treffen erst, als in Zeitungen der Aufruf erscheint: «Proletarier aller Länder, vereinigt euch!» Auf Nachfrage der Bundesanwaltschaft antwortet die Polizei: «Wir messen der Angelegenheit keine grosse Bedeutung bei.»
Die Deutschen helfen gerne
Lenin vegetiere «wie ein Löwe im Käfig», berichtet einer seiner Mitstreiter. Je länger dieser Zustand andauert, desto negativer wird sein Schweiz-Bild. Vorbildhaft erscheinen ihm nur noch die Post, die Natur, das Bibliothekswesen und der Umgang mit den Sprachgruppen. Als er am 15. März 1917 hört, in Russland sei die Revolution ausgebrochen, eilt er an den See, zu den Anschlagkästen der NZZ, um es schwarz auf weiss zu lesen. Nervös schreibt er: «Wir fürchten, dass es uns nicht so bald gelingen wird, aus der verfluchten Schweiz herauszukommen.»
Nach allen Seiten hin klärt er ab, wie eine schnelle Heimreise gelingen könnte. Einem Genossen in Genf teilt er mit: «Lassen Sie sich auf Ihren Namen Papiere für eine Reise nach Frankreich und England geben, und ich fahre mit diesen Papieren über England nach Russland. Ich kann eine Perücke aufsetzen.» Auch will er wissen, ob es möglich wäre, mithilfe eines Schmugglers Deutschland illegal zu durchqueren, oder gar per Flugzeug. Einem Genossen in Schweden schickt er ein in einem Buchdeckel verstecktes Foto und bittet ihn, einen taubstummen Schweden ausfindig zu machen, der ähnlich aussehe, damit er mit einem auf dessen Namen gefälschten Pass reisen könne – und nicht angesprochen werde.
Bis heute ist umstritten, wer auf die Idee mit der berühmten Zugreise durch das Deutsche Reich gekommen ist. Fakt ist: Die Deutschen, die schon lange russische Revolutionäre zur Destabilisierung des Zarenreichs unterstützt haben, bieten noch so gerne Hand. Sie hoffen auf einen Waffenstillstand an der Ostfront. Das neu gegründete «Zentralkomitee zur Rückkehr der in der Schweiz weilenden russischen Emigranten» beauftragt Robert Grimm, bei deutschen und Schweizer Stellen Abklärungen zu treffen.
Die Geheimgespräche mit dem deutschfreundlichen Schweizer Aussenminister Arthur Hoffmann und dem deutschen Gesandten in Bern, Gisbert von Romberg, verlaufen positiv. Der Deutsche kabelt in die Heimat, die Rolle der Eidgenossenschaft dürfe «keinesfalls erwähnt werden». Die Planung der Reise mit einem exterritorialen Zug wird Fritz Platten übertragen, einem Vertrauten Lenins (der später Stalins «Säuberungen» zum Opfer fallen wird).
Am 9. April 1917, dem Ostermontag, trifft sich die revolutionäre Reisegruppe zum Abschiedsmahl im Restaurant Zähringerhof. Um 15 Uhr 20 fährt der Zug mit Lenin und rund 30 Getreuen in Zürich los. Sieben Tage später sind sie in Petersburg. Ein deutscher Agent meldet: «Lenin: Eintritt nach Russland geglückt. Er arbeitet völlig nach Wunsch.»
Die Schweizer Öffentlichkeit nimmt davon erst richtig Notiz, als der unscheinbare Herr Uljanow und seine Bolschewiki im November 1917 die Macht ergriffen haben. Den Behörden wird das Ganze bald unangenehm gewesen sein: Sie haben Lenins Bedeutung völlig unterschätzt. So bilanziert später der Historiker Willi Gautschi: «Fast alle grundlegenden Schriften, auf die sich der Bolschewismus stützt, sind von Lenin in der Schweiz verfasst (. . .) worden. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass der geistige Sprengstoff, der in der Oktoberrevolution gezündet wurde, von Lenin in der Schweiz hergestellt und durch seine Anhänger von hier aus vertrieben worden ist.» Ganz zu schweigen vom Massenterror der Bolschewiki, der unter Lenins Regentschaft blitzschnell einsetzt.