In «Zmittag», der kulinarischen Gesprächsreihe der NZZ, erklärt der Schweizer Architekt, warum Betonklötze nachhaltiger als Holzhäuser sind, weshalb er mit Le Corbusier auf Kriegsfuss steht und warum die Deutschen endlich mit dem Nörgeln aufhören müssen.
In der Nacht bevor ich Max Dudler treffe, finde ich keinen Schlaf. Was zur Konsequenz hat, dass sich meine Haare am folgenden Morgen mit aller Macht der Schwerkraft widersetzen – ein klassischer Fall dessen, was gemeinhin als «bad hair day» bekannt ist. Als ich einige Stunden später durch die Tür des «Sale e Tabacchi» trete – eines italienischen Restaurants in Berlin-Kreuzberg –, findet meine rebellische Frisur dann aber gute Gesellschaft.
Die ergraute Mähne des Architekten legt sich über sein Haupt, als sei er gerade einem Cabriolet entstiegen. Wild und unbändig strecken sich die Strähnen in alle Himmelsrichtungen, folgen einer diffusen, um nicht zu sagen anarchischen Ordnung.
So sitzen wir uns gegenüber: zwei Männer besten Alters mit strubbeligen Sturmfrisuren. Und beginnen über ein naheliegendes Thema zu plaudern: Dudlers Liebe für strenge, klare Linien in der Architektur. Denn dafür ist er sowohl berühmt wie auch berüchtigt. Seine Karriere ist, könnte man gar sagen, eine lange Liebesgeschichte mit dem rechten Winkel.
Mögen andere Architekten wild mit Kurven und organischen Formen experimentieren, mögen Zaha Hadid oder Santiago Calatrava ihre Gebäude biegen und krümmen – Dudler hält den kubischen Formen seit Jahrzehnten die Treue. Stoisch und unbeeindruckt von jeder Kritik reiht er in deutschen oder Schweizer Städten eine Rasterfassade an die nächste. Jede einzelne von ihnen eine Verneigung vor dem 90-Grad-Winkel.
Und Kritik gibt es tatsächlich reichlich. Zu uniform, zu gleichförmig, zu vorhersehbar, zu langweilig fielen seine Entwürfe und Gebäude aus, wirft man ihm vor. Dudler nimmt es mit helvetischer Gelassenheit und straft seine Kritiker mit einem Schulterzucken: «Ich mag keine Broschenarchitektur, die in der ersten Sekunde beeindruckt und dann vergessen wird», sagt er.
Ihm sei lieber, wenn die Menschen sich mit seiner Architektur auseinandersetzten, gar mit ihr haderten, als wenn sie in der ersten Sekunde alles toll fänden und es nach fünf Minuten wieder vergässen.
Tatsächlich hat Dudler mit seinem Ansatz häufig recht behalten. Bestes Beispiel dafür ist die Europaallee in Zürich, ein grosses städtebauliches Entwicklungsprojekt im Herzen der Stadt, zu dem Dudler zwei Bauten beigetragen hat. «Was habe ich mir da anhören müssen», erinnert er sich, «wie auf einem Friedhof gehe es da zu, haben sie gemeckert!»
Doch der Groll ist verflogen, selbst die Lokalpresse findet mittlerweile warme Worte für das Areal, es sei zu einem «lebendigen Ort» geworden, befindet Dudler selbst. «Man muss Projekten eben Zeit geben.»
Gute Architektur, lerne ich also, ist nicht nur eine Frage der richtigen Winkelwahl, sondern auch eine Frage des Durchhaltevermögens – eine Tugend, die in unserer auf sofortige Befriedigung ausgerichteten Gesellschaft so selten geworden ist wie handgeschnitzte Türstöcke.
Mag Dudler über die Ungeduld seiner Kritiker hinwegsehen, verzeiht er mir den Einsatz des Begriffs «Rasterfassade» keineswegs. Bei seinen Gebäuden handele es sich vielmehr um «gegliederte Fassaden», stellt er mit einem Hauch professoraler Pedanterie fest. «Der Unterschied zwischen einer schlechten Rasterfassade und einer gelungenen Gliederung liegt darin, ob sie zum Teil der Stadt wird oder nur eine austauschbare Hülle bleibt.»
«Max, was darf es sein?» Der Kellner steht am Tisch und gibt mit seiner Begrüssung gleich preis: Mein Gegenüber zählt zu den Stammgästen. Die Karte muss Dudler deshalb kaum zur Hand nehmen – er kennt sie auswendig. Und nicht nur das Menu, auch das Interieur: 1995 hat er das Restaurant selbst entworfen.
Vom dunklen Natursteinboden über die leuchtend braunen Wände bis hin zu den schlichten Holzstühlen mit ihrer fein geölten Maserung – jedes Detail trägt seine Handschrift. Fürs Erste belassen wir es bei zwei Gläsern Campari Soda und ebenso vielen Gläsern St.-Leonhards-Mineralwasser.
Schwere Zeiten für Minimalisten
Für minimalistische Modernisten wie Dudler sind schwere Zeiten angebrochen. Der Gedanke kann einem kommen, wenn man einen Blick in die sozialen Netzwerke oder in die aktuelle Politikberichterstattung wirft. Besonders in der politischen Rechten gibt es eine Sehnsucht nach längst vergangenen architektonischen Epochen.
Auf Twitter und Instagram werden mittlerweile täglich Bilder von schmuckvollen Gründerzeitbauten geteilt – und ihnen dann verachtungsvoll Bilder moderner Architektur entgegengestellt. Die Architekten von heute, so lautet der Vorwurf, hätten keinen Geschmack mehr, setzten nur noch seelenlose Betonklötze in die Landschaft.
Das Restaurant
Das «Sale e Tabacchi», 1995 eröffnet, hat sich mit klassischer italienischer Küche und moderner Architektur zu einer festen Grösse in der Berliner Gastronomieszene entwickelt. Das ist vor allem dem Gründer Gianpiero De Vitis und dem Architekten Max Dudler zu verdanken: Letzterer schuf ein zeitloses Interieur mit klaren Linien und hoher Aufenthaltsqualität. Kulinarisch überzeugt das Restaurant mit traditionellen Gerichten wie hausgemachten Ravioli und raffinierten Vorspeisen – etwa gefüllten Zucchiniblüten auf Tomatencrème.
«Sale e Tabacchi» in der Rudi-Dutschke-Strasse 25, Berlin. Telefon: +49 30/252 11 55. Montag bis Samstag von 12 bis 1 Uhr. Küche bis 23 Uhr.
Dieser Kulturpessimismus hat es sogar bis ins Weisse Haus geschafft. Noch an seinem ersten Amtstag hat Präsident Donald Trump ein Dekret unterschrieben, das die Verwendung von «traditioneller und klassischer» Architektur einfordert, um «öffentliche Räume aufzuwerten und zu verschönern».
Schon in seiner ersten Amtszeit hatte Trump ein Dekret erlassen, das brutalistische und dekonstruktivistische Architektur für öffentliche Bauten verbannte. Wörtlich hiess es darin: «Architektonische Entwürfe in diesen Stilen erfüllen die Anforderungen nicht und dürfen nicht verwendet werden.»
Max Dudler ist seinerseits nicht für ornamentbeladende, schmuckstückhafte Architektur bekannt. Ob seine Entwürfe eine Baugenehmigung in Trumps USA bekommen würden? «Ich befürchte nicht.» Die Vorstellung aber, dass ein Präsident darüber entscheidet, welche Architektur gut und welche schlecht ist, hält er ohnehin für «absurd».
Andererseits teilt er zumindest in Teilen Trumps Furor gegen den Brutalismus. Genauer noch: Er hält nicht viel vom Vater des Brutalismus, seinem Landsmann und Berufskollegen Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier. Mit ihm stehe er «auf Kriegsfuss».
«In der Schweiz wurde Le Corbusier immer hochgehalten – Corbusier hier, Corbusier da», sagt Dudler genervt. «Ich habe das nie wirklich verstanden.» Städtebaulich sei Le Corbusier letztlich doch «eine Katastrophe» gewesen. «Seine Ideen haben oft nicht funktioniert, weil sie zu stark abstrahiert waren und den menschlichen Massstab ignorierten.»
Dudler ist, das zeigt sich jetzt, ein furchtloser Mann, der sich auch nicht davor scheut, die Überväter seiner Profession vom Sockel zu stossen.
Auf das Bauhaus lässt Max Dudler hingegen nichts kommen. Auf meine These, der radikale Minimalismus aus Weimar, Dessau und Berlin habe letztlich dazu geführt, dass heute jeder glaube, er könne mit ein paar rechten Winkeln Häuser entwerfen – und dass «Bauhaus» folgerichtig vor allem für die weissgetünchte Einfamilienhölle am Stadtrand und die Regalgänge der gleichnamigen Baumarktkette stehe –, winkt er ab: «Nein, nein, nein!»
In den Bauhaus-Werkstätten sei es zwar mitunter «ein bisschen sektiererisch» zugegangen. Aber das Bauhaus für die Eintönigkeit unserer Städte verantwortlich zu machen? «Das wird ihm nicht gerecht. Da waren schon ein paar richtig gute Leute dabei.»
Zeit, sich von der Architekturgeschichte ab- und sich der Vorspeise zuzuwenden. Dudler ist nicht nur auf dem Bau ein Ästhet, sondern auch auf dem Teller. Als Vorspeise wählt er das wohl eleganteste Gemüse der Welt: die Artischocke. Das Restaurant serviert die Carciofini freschi in Minze und Knoblauch geschmort. Ich habe mich für Burrata auf Bruschetta mit Kirschtomaten und Oliven entschieden – optisch zwar nicht ansatzweise so reizvoll wie die Artischocke, aber dennoch eine Gaumenfreude.
Über Steine und die Rolling Stones
Architektur ist zu Stein gewordene Musik. Das befand einmal der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, und dass der Übergang zwischen Stein und Musik tatsächlich fliessend sein kann, dafür ist Max Dudler der beste Beweis.
Aufgewachsen ist er in Altenrhein, einem Dorf am Bodensee-Rheindelta. Sein Vater arbeitete dort als Steinmetz – bereits in siebter Generation. Eine Zeitlang sah es so aus, als würde auch Sohn Max sein Leben im familiären Steinbruch verbringen. Vom Vater wurde er auf die Baustellen mitgeschleppt, begann eine Steinmetzlehre – und brach sie ab.
Stattdessen widmete er sich lieber der Pop-Kultur. Fasziniert von den Rolling Stones, spielte er eine Zeitlang in einer eigenen – wie er sagt: «semiprofessionellen» – Rock’n’-Roll-Band mit dem «völlig bescheuerten Namen Country Four». Es gab zwar einige Auftritte, etwa in Zürich. Für die Hall of Fame des Rock’n’Roll würde es aber dennoch nicht reichen – das wurde Dudler recht bald klar. «Meine Talente lagen anderswo.»
Diese Einsicht führte ihn dann wieder zurück zu den Mineralien, zu den Steinen. In Frankfurt und Berlin studierte er Architektur. Und entdeckte dort nicht zuletzt den Werkstoff seines Vaters neu, den er bis heute einsetzt. «Stein ist das nachhaltigste Material, das es gibt», erklärt er. «Das kann man in Italien sehen. Die Römer hatten so viel Holz verbraucht, dass es bis heute nicht nachgewachsen ist. Aber es gibt keine grossen Beeinträchtigungen der Natur durch die Steinbrüche, obwohl 2000 Jahre lang Steine gebrochen wurden.»
Andere, scheinbar nachhaltigere Baustoffe sieht Dudler dagegen kritisch. «Heute hat man kaum noch eine Chance auf einen Wettbewerbserfolg, wenn man nicht alles in Holz plant», sagt er zwischen einem Schluck Campari und einem Happen Artischocke. «Ich bin nicht gegen Holz – aber nur dann, wenn es im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts eingesetzt wird. Holz allein ist für mich keine Lösung.»
Noch unversöhnlicher steht Dudler den Gesetzen gegenüber, die Architekten heute dazu zwingen, ihre Gebäude in Watte zu packen. «Die Aussendämmung ist der Müll der Zukunft», schimpft er. Solche Materialien seien weder dauerhaft noch rezyklierbar – und ihre Sanierung nach wenigen Jahren koste mehr CO2, als sie je einsparten.
Nachhaltigkeit bedeute für ihn nicht massive Isolierung, sondern maximale Lebensdauer: Bauten aus Backstein oder Naturstein, die Jahrzehnte überdauern. Architektur müsse schön, robust und zeitlos sein. «Das nachhaltigste Gebäude ist eines, das 100, 200 oder 500 Jahre bestehen bleibt.»
Dudlers Tirade gegen die Wärmedämmung findet ein abruptes Ende – der Kellner serviert den Hauptgang. Für ihn gibt es Rinderschmorbraten mit grünem Spargel und Polenta. Ich folge seinem Rat und nehme die Spaghetti con vongole: mit Vongole extra vergine, Knoblauch und Chilischote. Sie seien die besten Spaghetti con vongole «jenseits von Napoli», hat er mir versichert. Einen Vergleich mit der neapolitanischen Variante kann ich nicht bieten – aber ich kann sagen: Die Berliner Zubereitung ist sehr, sehr gut.
Wider den Griesgram!
Max Dudler hat einen langen Weg hinter sich: vom Sohn eines Steinmetzen in der Schweizer Provinz bis hin zu einem der bekanntesten Architekten der Gegenwart im deutschsprachigen Raum. Dabei reicht seine Beziehung zu Deutschland bis in die Zeit des Kalten Krieges zurück – als er nicht nur die Grenze zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik überschritt, sondern auch den Eisernen Vorhang durchquerte.
«Ich hatte damals eine Freundin in der DDR», erzählt er. «Eigentlich war nur ein Tagesbesuch erlaubt, aber manchmal hat es eben ein paar Stunden oder gar ein paar Tage länger gebraucht.» Wenn die Grenzer ihn dann zur Rechenschaft ziehen wollten, zückte er seinen helvetischen Trumpf: «Ich hab ihnen einfach gesagt: Wir Schweizer waren doch die Ersten, die euren Staat anerkannt haben!» Dudler lacht: «Danach war die Sache erledigt, es hat jedes Mal funktioniert.»
Diese frühen Begegnungen mit beiden deutschen Staaten und die folgenden Jahrzehnte in Frankfurt und Berlin haben ihn geprägt. Ein Schweizer sei er zwar nach wie vor, gibt er zu, «jedenfalls zu 50 Prozent». Er erwische sich aber mittlerweile beim einen oder anderen «sehr deutschen Gedanken». Die Grenzen der Identität – sie sind durchlässig geworden.
Doch es gibt etwas am deutschen Wesen, was ihm auch nach all den Jahren fremd geblieben ist: der Hang zum Schwarzsehen. «Ich verstehe nicht, warum hier so viel schlechtgeredet wird», sagt er. Als Schweizer, der seit über vierzig Jahren hier lebt, fällt ihm diese permanente Negativität besonders auf. Deutschland stehe wirtschaftlich und hinsichtlich der Lebensqualität gut da, besser jedenfalls als viele andere Länder. Und doch dominiere der Fokus auf Probleme.
Kürzlich geriet er deshalb sogar in einen Streit. In der Gangway des Berliner Flughafens habe sich ein anderer Passagier darüber echauffiert, dass das Flugzeug sein Ziel mit fünf Minuten Verzögerung erreicht habe, über den Wolken gehe es mittlerweile zu wie bei der Deutschen Bahn, habe er geschimpft. «Wer sich über fünf Minuten aufregt, scheint noch ganz andere Probleme zu haben.» Und überhaupt: «Ich kann diese ständige Nörgelei über die Bahn nicht mehr hören.»
In Italien gehe man anders mit Schwierigkeiten um, sagt Dudler. Dort klage man zwar auch, «aber oft mit Humor». Hier hingegen wirke die Unzufriedenheit schwer und resigniert – «fast wie ein kultureller Reflex». Besonders in der Politik sieht er dieses Muster. Nach sechzehn Jahren Regierungszeit erkläre die CDU im Wahlkampf plötzlich, alles sei schlecht. Ein seltsamer, «skandalöser» Selbstbetrug, findet Dudler.
Natürlich gebe es soziale Konflikte, räumt er ein, gerade hier in Kreuzberg, wo er heute lebt. Aber anstatt nur zu klagen, solle man an Lösungen arbeiten und mehr Stolz entwickeln. Was Deutschland brauche, sei vor allem eines: «Optimismus und Mut.» Man müsse wieder eine Aufbruchsstimmung schaffen, eine «neue Renaissance» wagen.
«Wem gehört der Porsche vor der Tür?» Wie aus dem Nichts taucht plötzlich der Restaurant-Chef Gianpiero De Vitis vor unserem Tisch auf und sucht nach einem Falschparkierer. Instinktiv wandert mein Blick zu meinem Gegenüber und seiner wilden, strubbeligen Mähne. Doch er schüttelt nur den Kopf und verneint. Ein Hut macht eben noch keinen Beuys – und eine Sturmfrisur längst keinen Cabriofahrer.