In Vilnius schienen russische Regimegegner sicher – bis es am Dienstagabend zu einem brutalen Überfall kam.
Es ist 22 Uhr 06 am Dienstagabend in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Leonid Wolkow, einer der engsten Vertrauten des verstorbenen Alexei Nawalny, sitzt in seinem Auto, als Unbekannte das Fenster auf der Fahrerseite einschlagen. Sie spritzen Wolkow Tränengas in die Augen und attackieren ihn mit einem Hammer. Wolkow versucht sich mit der Autotüre zu wehren. Er tritt die Männer. Sie schlagen mit dem Hammer auf seine Beine. Fünfzehn Mal.
So schildert Nawalnys Mediensprecherin Kira Jarmysch die Attacke gegenüber der unabhängigen russischen Internetzeitung «Medusa». Die litauische Polizei bestätigte den Angriff laut dem baltischen Nachrichtenportal «Delfi». Wolkow wurde vor seinem Haus in einem wohlhabenden Viertel ausserhalb des Stadtzentrums angegriffen. Die Täter konnten nicht gefasst werden. Der litauische Nachrichtendienst geht davon aus, dass der Kreml hinter dem Angriff steckt.
Wolkow, der inzwischen aus dem Spital entlassen wurde, hat sich mit einem Video auf seinem Telegram-Kanal zu Wort gemeldet. Sein Gesicht ist rot und geschwollen, der Arm steckt in einer Schlinge. Auch für ihn scheint klar, wer ihn angegriffen hat: «Das ist ein offensichtlicher, typischer und charakteristischer Gaunergruss aus Putins Gangster-Petersburg», sagt er mit Verweis auf die Heimatstadt des Kreml-Chefs. Nur wenige Stunden vor dem Angriff hatte er in einem Interview mit «Medusa» gesagt: «Das Hauptrisiko besteht darin, dass sie uns jetzt alle umbringen wollen.»
Viele russische und weissrussische Oppositionelle leben in Vilnius im Exil. Der Angriff auf Wolkow fand in einem EU- und Nato-Land zwei Tage vor der russischen Präsidentenwahl statt. Es ist wohl ein Versuch, die Regimegegner einzuschüchtern: Ihr seid nirgendwo mehr sicher, lautet die Botschaft. In seinem Video versucht Wolkow dagegenzuhalten: «Die Hauptsache ist, dass wir weiterarbeiten und nicht aufgeben.»
Doch genau das ist für die Oppositionellen schwieriger geworden. Die Regimegegner sitzen entweder in Russland im Gefängnis, werden verfolgt oder leben im Exil. Der Tod Nawalnys war für sie ein schwerer Schlag. Leonid Wolkow war bis 2023 der Geschäftsführer von Alexei Nawalnys Stiftung zur Bekämpfung der Korruption und agierte als Sprachrohr des inhaftierten Politikers. Könnte er zur neuen Führungsfigur werden?
Arrogant, loyal, umstritten
Leonid Wolkow strebte schon früh nach Verantwortung, man könnte auch sagen: nach Macht. Er wurde 1980 in Jekaterinburg als Sohn jüdischer Eltern geboren. Sie waren beide Professoren. Wolkow selbst studierte wie sein Vater Mathematik, begann aber bereits mit 17 Jahren für eine private russische IT-Firma zu arbeiten. Mit 25 Jahren stieg er in eine Führungsposition auf und leitete ein Team mit 300 Angestellten.
Noch etwas anderes ausser Geltungsdrang trieb Wolkow an: Gerechtigkeitsempfinden. Sein Interesse für Politik war 2007 geweckt worden, als sein Bruder bei den Dumawahlen als Wahlbeobachter amtete und Wolkow «viel Müll sah», wie er dem amerikanisch-jüdischen «Tablet Magazine» erzählte. Von diesen Missständen angestachelt fing Wolkow an, einen politischen Blog zu schreiben. Mit 28 Jahren bewarb er sich als unabhängiger Kandidat für den Stadtrat in Jekaterinburg und wurde auf Anhieb gewählt.
Wolkow gilt als selbstsicher, manche sagen: arrogant. Seinem langjährigen Weggefährten Alexei Nawalny gegenüber war er jedoch immer loyal. Die Männer lernten sich 2010 kennen, als Wolkow zu einem Treffen von Oppositionellen in Moskau eingeladen wurde. Als 2013 die Legislatur im Stadtrat von Jekaterinburg zu Ende ging, leitete Wolkow den Wahlkampf von Nawalny für das Bürgermeisteramt in Moskau. Nawalny wurde nicht gewählt, Wolkow aber blieb an seiner Seite.
Die Freundschaft mit Nawalny machte Wolkow zur Zielscheibe des Kremls. 2017 und 2018, als Nawalny Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen betrieb, wurde Wolkow mehrmals verhaftet. Im Sommer 2019 floh er aus dem Land, zuerst nach Weissrussland und von dort weiter nach Vilnius. Den «Gangstern Putins», wie er seine Angreifer bezeichnet, scheint er aber selbst im Exil nicht zu entkommen.
«Niemand hat Angst vor Putin»
Feinde hat Wolkow aber nicht nur im Kreml. Auch unter Oppositionellen ist er nicht unumstritten. Streitlustig legt er sich gerne auch mit anderen Regimegegnern an und wagt gelegentlich Alleingänge. Im März 2023 wurde bekannt, dass er einen Brief an die EU geschickt hatte, in dem er Brüssel aufforderte, Sanktionen gegen in Grossbritannien lebende russische Oligarchen aufzuheben. Unterzeichnet hatte Wolkow nicht etwa als Privatperson, sondern im Namen von Nawalnys Stiftung, ohne mit seinen Kollegen Rücksprache genommen zu haben.
Wolkow entschuldigte sich später dafür und räumte den Posten des Geschäftsführers der Stiftung. Zu einem Bruch kam es aber nicht. Wolkow ist weiterhin «Stabschef» der Nawalny-Organisation. Auf seinem Youtube-Kanal tritt er mit einem Free-Nawalny-Abzeichen auf der Brust auf. Der Tod seines Weggefährten hat ihn sichtlich mitgenommen.
Seiner Glaubwürdigkeit als Regimegegner schadet es, dass er seit bald fünf Jahren im litauischen Exil lebt. Oppositionelle im Ausland werden immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob sie überhaupt noch abschätzen können, was sich in Russland abspielt. Doch spätestens der Tod Nawalnys hat gezeigt, wie hoch der Preis sein kann für Dissidenten, die in der Heimat bleiben.
Wie Nawalny sein Leben verlor, wird wohl nie abschliessend geklärt werden. In Litauen ermitteln die Behörden derweil gegen die Angreifer Wolkows. Dass der Kreml, wie es scheint, Oppositionelle nun auch auf litauischem Boden verfolgt, hat in Vilnius den Präsidenten Gitanas Nauseda auf den Plan gerufen. «Es ist klar, dass solche Dinge geplant werden, und wir sollten nicht überrascht sein», sagte er bei einem Staatsbesuch in Paris. Er hoffe, dass die Schuldigen gefasst würden. «Ich will Putin eines sagen: Hier hat niemand Angst vor Ihnen.»







