Grundlegende Regeln der Seuchenbekämpfung werden seit Monaten missachtet. Ob aus Nachlässigkeit oder Unvermögen – das lasche Vorgehen begünstigt die Entstehung eines Pandemievirus.
Behörden und ebenso Farmer in den USA setzen seit Monaten die Gesundheit der ganzen Welt leichtfertig aufs Spiel. Wegen Fehlern und Versäumnissen in der Bekämpfung der seit drei Jahren dort grassierenden Vogelgrippeviren H5N1 haben die Viren nun ideale Bedingungen, um sich zu einem gefährlichen Pandemievirus zu entwickeln.
Ein Pandemievirus hat zwei Eigenschaften. Es kann effizient menschliche Zellen infizieren. Es ist leicht von Mensch zu Mensch übertragbar.
Kaum Schutzkleidung für Farmmitarbeiter
Erste Schritte in puncto Anpassung an den Menschen haben die H5N1-Viren in den USA bereits gemacht. Weil sie nämlich seit drei Jahren in Wildvögeln und Nutzgeflügel und seit einem Jahr ungebremst in Milchkühen zirkulieren können. Fundamentale Regeln der Bekämpfung einer Tierseuche werden anhaltend missachtet. Das ist ein Skandal.
Sowohl die Behörden als auch die Besitzer von Milchkuhbetrieben wie Geflügelfarmen müssen sehr viel mehr dafür tun, dass die Viren nicht so ungebremst und in direkter Nähe zu Menschen zirkulieren und sich dabei millionenfach vermehren. Denn das bedeutet millionenfache Möglichkeiten für die Erreger, sich genetisch zu verändern und somit besser an Menschen anzupassen. Mitarbeiter müssen endlich umfangreich informiert und mit ausreichend Schutzkleidung versorgt werden.
Die Milchkuhepidemie kann beendet werden. Das Zauberwort heisst: Testen. Alle Kühe auf einem betroffenen Betrieb. Alle dort arbeitenden Menschen. Sämtliche Milch. Die Testserien müssen regelmässig wiederholt werden. Erst wenn alle Tests negativ sind, erst dann dürfen wieder Tiere auf andere Höfe transportiert und die Milch verkauft werden. Testungen und Hofsperren sind die Regel bei einer gefährlichen Tierseuche in der Schweiz oder Deutschland.
Können sich Katzen bei Menschen mit H5N1 anstecken?
Zwei Geschichten, die vor wenigen Tagen bekannt wurden, zeigen exemplarisch das Versagen. Im Gliedstaat Michigan sind letzten Mai laut den jeweiligen Besitzern ausschliesslich im Haus lebende Katzen an H5N1-Viren gestorben. Beide waren nachweislich mit derselben Virusvariante infiziert wie Milchkühe. Einer der Katzenbesitzer arbeitete auf einem Milchkuhbetrieb. Der andere transportierte Rohmilch von diversen Farmen zur Molkerei. Schutzkleidung gab es nicht.
Besitzer Nummer 1 hatte kurz vor der Erkrankung seiner Katze Durchfall und Erbrechen. Das sind zwar keine typischen Anzeichen für eine H5N1-Influenza. Aber es ist auch nicht ausgeschlossen, dass er sie hatte. Besitzer 2 berichtete von einer Augenentzündung. Das hingegen ist ein typisches Anzeichen für eine H5N1-Infektion, wenn Menschen die Viren via Milchspritzer ins Auge bekommen.
Möglicherweise haben sich die Stubentiger durch kontaminierte Kleidung infiziert. Aber es besteht der Verdacht, dass Menschen ihre Hauskatzen mit H5N1-Viren angesteckt haben. Das wären die ersten bekannten derartigen Fälle. Solch ein Überspringen zwischen verschiedenen Arten ermöglicht es den Influenzaviren, sich noch besser an die jeweilige Art anzupassen.
Wäre man an Massnahmen zur Eindämmung der Viren interessiert, würden die offenen Fragen schnell geklärt werden. Doch beide Katzenbesitzer verweigerten einen Test auf H5N1. Offenbar aus Angst vor Repressalien seitens ihrer Arbeitgeber. Der Chef der Farm, auf der Besitzer Nummer 1 arbeitete, verweigerte Testungen auf seinem Betrieb. Obwohl laut dem Mitarbeiter auf dem Hof mehrere Katzen verendet sind. Es ist bekannt, dass Katzen nach dem Konsum von infizierter Rohmilch an H5N1 sterben.
Durch derartiges Verhalten kann das Seuchengeschehen weiter eskalieren. Wenn nämlich die Vogelgrippeviren noch bessere Möglichkeiten erhalten, sich an menschliche Zellen anzupassen, erhöht sich das Risiko, dass sie auch leicht zwischen Menschen übertragen werden. Das wäre der Startschuss für eine H5N1-Pandemie unter Menschen.