Zwelivelile «Mandla» Mandela verbreitet russische Propaganda, bekämpft Israel und unterhält Verbindungen zu Autokraten in aller Welt. An den Unis von Genf und Lausanne war er ein gerngesehener Gast.
Ende März luden die Huthi-Milizen in Jemen regionale Bündnispartner und Sympathisanten zu einer viertägigen internationalen Konferenz zu Palästina in ihre Hauptstadt Sanaa ein. Die Huthi, deren Leitspruch «Gott ist der Grösste, Tod für Amerika, Tod für Israel, Fluch über die Juden, Sieg für den Islam» ist, wollten mit der Konferenz unterstreichen, dass der Kampf gegen Israel das zentrale Thema für Jemen sei. 2022 belegte das Land auf dem Entwicklungsindex HDI Rang 186 von 193 Staaten. Zwei Wochen nach dem 7. Oktober begannen die Huthi-Milizen, die Teile des bitterarmen Landes kontrollieren, Israel mit Raketen zu beschiessen.
Unter den wenigen prominenten Gästen der Konferenz war Zwelivelile «Mandla» Mandela, ein südafrikanischer Politiker und ein Enkel Nelson Mandelas, des ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas nach dem Ende der Apartheid. Am Schluss seiner feurigen Rede rief er ins Publikum: «From the river to the sea, Palestine will be free! Viva Hamas, viva! Viva Hezbollah, viva! Viva for Ansar Allah, viva!» Das Publikum, in dem auch mehrere Führer der Huthi sassen, skandierte begeistert mit.
Electric scenes from Yemen as grandson of Nelson Mandela shouts in support of Hamas ,Hezbollah and Ansar’Allah!
Mandla Mandela is a Muslim from the Ahlus Sunnah! pic.twitter.com/PeLF5gyU8b
— 🇵🇸Islamic Resistance🇿🇦 (@resistance_sa) March 22, 2025
Der grossgewachsene und dunkelhäutige Mandela fiel in der Menge auf. Die dunkelhäutigen Jemeniten, die Achdam, eine Minderheit von bis zu drei Millionen Menschen, leiden in Jemen unter extremer Diskriminierung. Bezeichnenderweise gehört keiner der Huthi-Führer dieser Gruppe an.
Reisender Propagandist der Hamas
Zwelivelile Mandela sorgt schon länger für Kontroversen. Polygamie, Familienzwiste und mehr lieferten immer wieder Schlagzeilen. Seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023, für den der zum Islam konvertierte Südafrikaner noch am selben Tag in einem öffentlichen Statement seine «eindeutige» Unterstützung aussprach, agiert Mandela international als reisender Propagandist der Terrororganisation.
Mandela hat Zugang zu den höchsten Ebenen der Macht und führt ein Leben im Jetset des globalen Südens. Sein Instagram-Konto ist ein Who’s who der antiwestlichen Welt: Er drückt Recep Tayyip Erdogan innig die Hand, empfängt ein Geschenk des venezolanischen Autokraten Nicolás Maduro oder blickt zusammen mit dem Hamas-Führer Khaled Mashal freundlich in die Kamera. Zu Mandelas Stationen gehörte Mitte letzten Jahres auch mehrmals die Schweiz.
Am 23. Mai 2024 lud die Palästina-Assoziation der Universität Lausanne den Hamas-Propagandisten zu einer Veranstaltung in der Nähe der Universität Lausanne ein. Nach Auskunft der Universität Lausanne hatte die Palästina-Assoziation die Veranstaltung ursprünglich auf dem Campus geplant. Weil sie jedoch zu spät war, musste der Anlass in einen privaten Saal verschoben werden. Einen Tag später sprach Mandela auch an der Universität Genf auf Einladung des muslimischen Studentenverbandes und anderer Gruppen.
Eineinhalb Monate nach dem 7. Oktober 2023 beschloss der Bundesrat das Verbot der Hamas. Auf die Anfrage, warum an der Universität Genf dennoch ein bekannter Unterstützer der Hamas habe auftreten können, antwortet die dortige Presseabteilung, die «Verherrlichung von Terrorismus, Aufrufe zu Gewalt» sowie «antisemitische oder islamophobe Handlungen oder Äusserungen» würden nicht toleriert. Tatsächlich war die Universität vorgewarnt: Kurz vor der Veranstaltung hatte sie eine Nachricht mit Informationen zum Redner erhalten, die der NZZ vorliegt.
Angehängt waren mehrere Fotos: Auf dem einen ist Mandela zusammen mit dem mittlerweile getöteten Hamas-Führer Ismail Haniya zu sehen, auf dem anderen posiert Mandela vor einem Porträt des ebenfalls getöteten Kommandanten Kassem Soleimani der iranischen Revolutionswächter. Der Kommentar von Mandela unter dem Bild: «Wir begrüssen die Helden des palästinensischen Kampfes.»
Trotz diesen Warnungen entschied sich die Universität Genf, die Veranstaltung zuzulassen. Als Massnahme nahm aber der Kommunikationschef persönlich an der Veranstaltung teil. Dort konnte dann eine «sehr deutliche Betonung der Ablehnung jeglicher Form von Antisemitismus und Islamophobie» festgestellt werden.
Die Veranstaltungen in Lausanne und Genf wurden nicht nur von den Studenten organisiert, sondern kamen dank dem sogenannten European Muslim Forum (EMF) zustande , «dessen Unterstützung fundamental war» – so die Moderatorin des Lausanner Abends. Ein Video in den sozialen Netzwerken zeigt die Ankunft des südafrikanischen Politikers am Flughafen Genf zwei Tage zuvor. Darunter steht geschrieben: Mandela ist in der Schweiz, um «an einer Demonstration und einer Konferenz teilzunehmen, die vom EMF und von seinen Partnern organisiert wurden». Das Ziel der Tournee: «Die Scheinheiligkeit des Internationalen Olympischen Komitees zu denunzieren.» Zur Schweizer Tournee gehörte deshalb auch ein Protest vor dem Olympischen Komitee (IOK) in Lausanne.
Eng verbunden mit Russland und Tschetschenien
Doch wer steht hinter dem European Muslim Forum? Die Organisation wurde 2018 in Barcelona mit grossem Aufwand gegründet. Nach kurzer Zeit zählt man neben Barcelona auch Niederlassungen in Brüssel, London, Istanbul und Moskau. Ziel sei es, die «Islamophobie» zu bekämpfen und die Interessen der muslimischen Bevölkerung zu vertreten. Von diesen Ambitionen ist heute auf den ersten Blick nicht mehr viel zu sehen: Die Londoner Niederlassung wurde aufgelöst, die Website ist inaktiv, lediglich einige Social-Media-Accounts sind noch in Betrieb.
Was auffällt: Viele Beiträge auf der Instagram-Seite der Organisation sind auf Russisch verfasst. Tatsächlich gilt das Forum laut verschiedenen Recherchen als Russland-nah. Der Präsident des Forums, Abdul-Vakhed Niyazov, ist ein alter Freund des Kremlherrschers und gründete einst die Gruppe «Muslime für Putin». Auch zu Erdogan unterhält Niyazov seit vielen Jahren gute Beziehungen. Neuere Bilder zeigen ihn und andere EMF-Funktionäre bei Treffen und Konferenzen in Luxushotels in Istanbul, Katar und Moskau. Immer wieder mit dabei: Zwelivelile Mandela.
Der Südafrikaner ist ganz auf der Linie Moskaus. Wenige Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine machte er an einer propalästinensischen Konferenz in Südafrika «die Neonazis in der Ukraine, die Apartheid-Israel-Kriegstreiber und diejenigen in der Nato, die die Politik des Kalten Krieges vorantreiben wollen», für den Kriegsausbruch verantwortlich.
Subversion im Westen
Die russische Charmeoffensive im Westen bedient sich unterschiedlicher Botschaften, um an die Gefühle der jeweiligen Adressaten zu appellieren. Während man gegenüber Konservativen und Rechten das traditionelle Russland als vermeintlichen Verteidiger des Abendlandes und des Christentums betont, verkauft man sich gegenüber Muslimen als islamfreundliche Grossmacht und versucht Einfluss über sie zu gewinnen.
Laut dem kosovo-albanischen Politikwissenschafter Kolë Krasniqi lieferte der Balkan die Vorlage dafür, wo das Forum seit vielen Jahren daran arbeitet, den tschetschenischen Alleinherrscher und Putin-Verbündeten Ramsan Kadyrow «als Beschützer des islamischen Glaubens» darzustellen und als islamische Leitfigur zu etablieren. Die österreichische Islamismusexpertin Nina Scholz, die sich schon länger mit dem EMF beschäftigt, sieht die Organisation als ein Tool in Putins hybrider Kriegsführung gegen Europa und Israel. Dem Kreml gehe es um die Stärkung von Organisationen, die antidemokratische, antiwestliche Ziele verfolgten.
Der Angriff vom 7. Oktober und die anschliessenden antiisraelischen Proteste lieferten die ideale Gelegenheit für die russische Subversion. Früh werden Vermutungen laut, dass Russland die antisemitischen Proteste zumindest anfeuert. In den ersten Kriegswochen tauchen überall in Paris Hakenkreuze an Häuserwänden auf. Frankreich machte dafür den russischen Geheimdienst FSB verantwortlich und verhaftete ein moldauisches Pärchen.
Die britische Regierung beschuldigte im Sommer 2024 Russland und China, über Social Media die öffentliche Meinung zu «manipulieren». Die USA bezichtigten ihrerseits Iran, die antiisraelischen Proteste zu unterstützen. Auch in der Schweiz sieht man die Zeichen ausländischer Beeinflussung. Wie die NZZ kürzlich enthüllte, bildete der katarische Fernsehsender al-Jazeera Schweizer Studenten in der Türkei bei einem Erdogan-nahen Verband in Protesttechniken aus.
Seit dem 7. Oktober ist auch die in Deutschland verbotene Terrororganisation Samidoun/PFLP, die mit Iran verbündet ist, in der Schweiz sehr aktiv und tritt regelmässig in linken Kulturhäusern auf – auch in der Stadt Zürich. Auf Social Media teilen die Aktivisten haufenweise Material, das unschwer als – teilweise staatlich produzierte – Propaganda zu erkennen ist.
«Marsch nach Paris»
Gemäss verschiedenen Hinweisen, die der NZZ vorliegen, sind staatliche Sicherheitsbehörden über die Verbindungen der antiisraelischen Proteste ins Ausland informiert. Dabei ist das Handeln von ausländischen Behörden auf Schweizer Boden grundsätzlich untersagt, wie das Strafgesetzbuch festlegt. Die Frage, ob das Eidgenössische Aussendepartement (EDA) seit dem 7. Oktober bei ausländischen Staaten interveniert hat, um Beeinflussungsmassnahmen zu stoppen, wollte man dort aber nicht beantworten.
Erst letztes Jahr veröffentlichte der Bundesrat einen Bericht über «Beeinflussungsaktivitäten und Desinformation». Gemäss diesem würden «vor allem staatliche und staatlich beauftragte Akteure (. . .) Mittel und Methoden der Beeinflussung und Desinformation» anwenden. Sie «betreiben diese oftmals umfassend, koordiniert und mit erheblichen Ressourcen», heisst es weiter in dem Bericht. Als die primären Verdächtigen werden dabei Russland und China genannt. Staaten des Nahen Ostens fehlen in dem Bericht.
Tatsächlich ist der Nachrichtendienst bei der Beobachtung der Beeinflussungsaktivitäten eingeschränkt. Tätigkeiten, die zwar das Meinungsbild der Schweizer, zum Beispiel in Bezug auf den Nahostkonflikt, beeinflussen sollen, aber «keinen relevanten Bezug zu Terrorismus, gewalttätigem Extremismus, verbotenem Nachrichtendienst, Proliferation oder Angriffen auf kritische Infrastrukturen» aufweisen – so die Wortwahl der Pressestelle des NDB –, fallen nicht in den Zuständigkeitsbereich des NDB.
Nach Mandelas Auftritten in der Westschweiz im Mai 2024 setzt das EMF seine Kampagne gegen die Teilnahme des israelischen Teams an den Olympischen Spielen fort. Unter Anwesenheit der Presse und der Prominenz türkisch-islamistischer Parteien wird im Juli in Istanbul ein «grosser Paris-Marsch» lanciert. Zwei Tage nach dem Start macht der Marsch halt in Lausanne, um gemeinsam mit den lokalen Partnern der Pro-Palästina-Szene vor dem Hauptsitz des Internationalen Olympischen Komitees zu protestieren. Immer mit dabei, wenn in der Westschweiz gegen Israel protestiert wird: Hamas-freundliche Medien, die über den Anlass berichten. Diesmal ist es ein Sender aus der Türkei.
In den folgenden Monaten bleibt Zwelivelile Mandela aktiv als reisender Propagandist der Hamas. Er besucht die Trümmer des Untergrundbunkers, in dem der Hizbullah-Anführer Nasrallah ums Leben gekommen ist, und lässt sich mit dessen Sohn während der pompösen Beerdigung in Beirut fotografieren. Schliesslich landet er im März bei den Huthi. Vorläufiger Höhepunkt einer globalen Propaganda-Tour im Dienste der Hamas und ihrer Unterstützerstaaten.