Die Tatsache, dass im Gazastreifen seit mehr als einer Woche wieder Krieg herrscht, bringt die Leute auf die Strasse und zeigt die Frustration der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen, die sich jetzt auch gegen die Hamas richtet.
Die Proteste vom Dienstag und vom Mittwoch sind die grössten seit Kriegsbeginn im Gazastreifen. Wie gross sie wirklich sind, kann man schwer abschätzen. Bilder und Videos zeigen sicher mehrere hundert, wenn nicht sogar einige tausend Leute, die auf der Strasse unterwegs sind und Parolen skandieren, Plakate hochhalten, weisse Fahnen schwenken.
Die ersten Proteste gingen im Norden des Gazastreifens, in Beit Lahia, los. Später haben sie sich aber ausgebreitet, unter anderem nach Jabalia und dann auch nach Khan Yunis im Süden des Gazastreifens. Am Mittwoch ist es dann auch zu Protesten in einer Nachbarschaft von Gaza Stadt gekommen, wo auch wieder einige hundert Leute auf die Strasse gingen.
In erster Linie scheint es sich um einen Protest gegen den Krieg zu handeln. Auf den Plakaten ist zu lesen: «Stoppt den Krieg» oder «Die Kinder in Palästina wollen leben». Wir sehen bei diesen Protesten jetzt zum ersten Mal öffentlich von Dutzenden, Hunderten Leuten Parolen gegen die Hamas, die seit 2007 mit eiserner Faust im Gazastreifen regiert.
Die Protestierenden schreien: «Hamas raus, die Hamas sind Terroristen, die Hamas sollen die Waffen niederlegen!», und das ist schon sehr ungewöhnlich.
Ich denke schon, dass der erneute Kriegsausbruch vergangene Woche wohl der Hauptgrund für diese Demonstrationen ist, weil sich die Lage wieder massiv verschlechtert hat für viele Leute. Sie wurden zum Teil erneut vertrieben. Erneut fliessen keine Hilfslieferungen in das Küstengebiet.
Aber insgesamt ist es, glaube ich, einfach auch so, dass nach fast eineinhalb Jahren des Krieges vielen Palästinensern ihre Lage ausweglos erscheint.
Ich glaube, es wäre viel zu früh, von einem Wendepunkt zu sprechen, von einem Volksaufstand der Palästinenser im Gazastreifen. Jetzt handelt es sich einfach um vereinzelte Demonstrationen.
Es wird sich zeigen müssen, ob sich das ausweitet. Aber es ist klar, diese Demonstranten riskieren viel. Schon in den vergangenen Jahren ist die Hamas mit enormer Brutalität gegen Proteste vorgegangen, hat ihre Kritiker eingesperrt, gefoltert und verschwinden lassen. Es gibt Berichte über Morde an Oppositionellen und Journalisten.
Für diese Protestierenden steht viel auf dem Spiel, und es wird sich zeigen, wie die Hamas jetzt darauf reagiert, sollte das weitergehen. Und ob sie jetzt mit brutaler Gewalt gegen diese Proteste vorgeht.