Trumps Zollhammer trifft die Schweiz hart. Die Geschichte zeigt, dass die vermeintliche Vorzugsbehandlung für die kleine «sister republic» eine Illusion ist.
Entsetzen herrscht im Bundeshaus und in der Wirtschaft: Trumps protektionistische Massnahmen haben für die Schweiz wohl besonders gravierende Konsequenzen. Bei 31 Prozent sollen die Zölle für viele Güterimporte bald liegen, die EU-Staaten kommen mit 20 Prozent glimpflicher davon. Ob Pharmaprodukte von den Zöllen verschont bleiben, ist völlig ungewiss. So endet jäh die Illusion, die Schweiz könne in Washington Vorzugskonditionen herausschlagen.
Eine Illusion, die auf der Vorstellung beruht, die USA und die Schweiz seien einander besonders eng verbunden. Hatte nicht der frühere Botschafter in Bern Ed McMullen behauptet, Trump verstehe und bewundere die Geschichte der Eidgenossenschaft? Hatten nicht er und andere die Schweiz als «sister republic» bezeichnet? Sind nicht Schweizer Firmen wichtige Arbeitgeber in den USA? Hat nicht die Schweiz praktisch alle Zölle auf Importe aus den USA abgeschafft?
Und jetzt dieser Affront!
Die Geschichte der Beziehungen zwischen den beiden Staaten ist voller Widersprüche. Für ein hartes Durchgreifen der USA und die darauffolgende Enttäuschung und Ratlosigkeit in Bern gibt es in der Vergangenheit zwar zahlreiche Beispiele. Aber auch die Erzählung von den «Schwesterrepubliken» ist keine blosse Legende, wie ein Blick zurück zeigt.
Der Schweizer Einfluss
Hunderttausende von Schweizern sind seit 1700 nach Amerika ausgewandert und haben dort ihre Spuren hinterlassen. Etwa der gebürtige Neuenburger Louis Chevrolet, der die gleichnamige Automarke gründete und mit dem «Chevy» einen amerikanischen Mythos schuf. Oder Albert Gallatin, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts für eine lange Periode Finanzminister der USA war. Oder Elisabeth Kübler-Ross, eine der einflussreichsten Psychiaterinnen des 20. Jahrhunderts.
Schweizer Denker, insbesondere aus der Romandie, hatten einen gewissen Einfluss auf die politischen Ideen der amerikanischen Gründerväter wie Thomas Jefferson. Dieser liess sich unter anderem von den Schriften des Genfer Philosophen Jean-Jacques Burlamaqui inspirieren. Für Burlamaqui war das «Streben nach Glück» ein in der menschlichen Natur begründetes Menschenrecht. Damit prägte er indirekt auch die Unabhängigkeitserklärung der USA und deren berühmte Formel vom «pursuit of happiness» mit.
Als die Schweiz 1848 zum Bundesstaat wurde, orientierte sie sich beim Aufbau der neuen Institutionen stark am Vorbild USA und übernahm deren Zweikammersystem. Bis heute teilen die beiden Staaten ein ähnlich liberales Verständnis von Gesellschaft und Wirtschaft. Die ökonomischen Beziehungen waren und sind intensiv: Im vergangenen Februar etwa war die Schweiz vom Volumen her der viertgrösste Handelspartner der USA (dies vor allem wegen ihrer vielen Exporte, was ihr nun von der Regierung Trump vorgehalten wird).
Eine Sonderrolle konnte die neutrale Schweiz auch in der Diplomatie immer wieder spielen und damit Pluspunkte in Washington sammeln. Im Zweiten Weltkrieg vertrat sie die Interessen der USA in Nazideutschland und umgekehrt. Schweizer Diplomaten waren an der Aushandlung der Kapitulation Japans 1945 beteiligt. Später wurde die Schweiz Schutzmacht für die USA in Kuba oder Iran.
Ein grosses Machtgefälle
Und dennoch: Auf Augenhöhe mit der Weltmacht stehen konnte der Kleinstaat zwangsläufig kaum je. Für die USA, deren Bevölkerung 37-mal so gross und deren BIP 31-mal so hoch ist, blieb die Schweiz ein Zwerg, ein Staat unter vielen. Dieses Machtgefälle liessen die USA die Schweiz immer wieder spüren. Und zwangen sie zu wirtschaftlichen oder politischen Konzessionen.
Im Rückblick betrachtet nicht immer zum Nachteil des schwächeren Partners. So war es auch dem Einsatz des amerikanischen Gesandten zu verdanken, dass die Schweiz 1866 den Jüdinnen und Juden die Niederlassungs- und Gewerbefreiheit gewährte. Diese Einflussnahme blieb vorerst die Ausnahme, waren die USA doch im 19. Jahrhundert noch stark mit sich selbst und der Erschliessung neuer Territorien beschäftigt.
Das änderte sich im 20. Jahrhundert. Besonders die beiden Weltkriege führten zu Spannungen. Als die USA 1917 an der Seite der Briten und Franzosen in den Ersten Weltkrieg eintraten, forderten sie die neutralen Staaten auf, die Beziehungen zum deutschen Kaiserreich abzubrechen. Einen drohenden Handelsboykott durch die USA, der besonders bei den Getreidelieferungen einschneidend gewesen wäre, konnte der Bundesrat gerade noch abwenden, indem er eine Handelsmission nach Washington schickte.
Ab den 1920er Jahren wurde die Wirtschaftspolitik der USA zunehmend protektionistischer. Die Weltwirtschaftskrise führte zu einem Einbruch bei den Importen und Exporten. Für die Schweiz war es ein Erfolg, dass sie 1936 einen Handelsvertrag mit den USA abschliessen konnte. Dadurch wurden die sechs Jahre zuvor eingeführten Zölle wieder deutlich reduziert – und es kam zu einem Boom bei den Uhren, die Textilien als wichtigstes Schweizer Exportprodukt abgelöst hatten.
Kriegsgewinnlerin
Noch viel stärker als 1917 geriet die Schweiz im Zweiten Weltkrieg unter Druck. Indem das Land an seiner Neutralität festhielt und weiterhin Geschäfte mit den Achsenmächten machte, zog es den Unmut der Alliierten auf sich. Die USA froren Schweizer Gelder ein. Erst kurz vor Kriegsende willigte der Bundesrat ein, deutsche Vermögen in der Schweiz zu blockieren und den Handel mit dem «Dritten Reich» und Italien zu reduzieren. Trotzdem war der Ruf der Schweiz 1945 stark angeschlagen, sie galt in Washington als Kriegsgewinnlerin.
Doch die Beziehungen verbesserten sich schnell wieder, und die Schweiz schaffte es aus der Isolation – auch dank dem aufziehenden Kalten Krieg, in dem die USA die Schweiz als Verbündete des Westens gewinnen wollten. Mit dem Washingtoner Abkommen von 1946 hoben die Alliierten ihre Sanktionen auf, die Schweiz musste im Gegenzug 250 Millionen Franken für den Wiederaufbau Europas bezahlen.
Drei Jahre später entschädigten dafür die USA die Eidgenossenschaft mit 62 Millionen Franken für die Toten und die Zerstörungen aufgrund der irrtümlichen Bombardierungen von Schaffhausen, Zürich und Basel im Jahr 1944, deren Ziel eigentlich deutsche Städte gewesen wären.
Gleichzeitig zogen die USA die Schraube wieder an. 1951 musste die Schweiz das sogenannte Hotz-Linder-Agreement eingehen. In dieser nicht schriftlich festgehaltenen Absprache verpflichtete sie sich, bei den Nato-Sanktionen mitzumachen und keine strategischen Güter mehr an die Staaten des Ostblocks zu liefern.
Der «Uhrenkrieg» flammte ebenfalls wieder auf. 1954 wollte die US-Regierung den Zolltarif auf Schweizer Uhren um 50 Prozent erhöhen, um die einheimischen Produzenten zu schützen. Erneut knickte die Schweiz ein, um nicht den ganzen Handelsvertrag zu gefährden. Es zeigte sich bei der Reaktion der Eidgenossen stets dasselbe Muster, das der Amerika-Kenner Felix E. Müller so beschreibt: von der Überraschung zur Empörung, zur Widerstandsrhetorik bis zum stillen Einlenken.
Jüdische Vermögen und Bankgeheimnis
So war es auch in der Debatte um die nachrichtenlosen Vermögen in den neunziger Jahren. Unter grossem internationalem Druck willigten die UBS und die CS schliesslich ein, Holocaust-Opfer oder deren Nachfahren mit 1,25 Milliarden Dollar zu entschädigen. Und so war es ein Jahrzehnt später beim Bankgeheimnis. 2008 musste die Schweiz nach heftigen Interventionen der US-Regierung den Widerstand aufgeben, das Bankgeheimnis lockern und die Namen von Tausenden von mutmasslichen Steuerbetrügern an die amerikanische Steuerbehörde liefern.
In jüngerer Vergangenheit empörte sich die Regierung Biden über eine aus ihrer Sicht mangelnde Umsetzung der Sanktionen gegen Russland. Der damalige Botschafter Scott Miller mahnte 2023 in einem Interview mit der NZZ an, die Schweiz könne bis zu 100 Milliarden an russischen Vermögenswerten zusätzlich blockieren. Und er kritisierte das Verbot einer Wiederausfuhr von Schweizer Waffen an die Ukraine undiplomatisch deutlich: Davon profitiere nur der Aggressor Putin.
Und nun also der Zollhammer durch die neue Regierung, von der sich mancher Schweizer Verantwortungsträger eine freundschaftliche Beziehung erhofft hatte, zumindest in wirtschaftspolitischer Hinsicht. Das erratische Verhalten von Donald Trump dürfte dazu beitragen, dass das Bild, das die Schweizer von den USA haben, Schaden nimmt.
Die Vereinigten Staaten bleiben zwar eine Sehnsuchtsdestination, doch manche dürften es sich angesichts der Berichte über Schikanen bei der Einreise überlegen, ob sie in den nächsten dreieinhalb Jahren wirklich dorthin reisen wollen. Und Entscheidungsträger in der Wirtschaft werden sich fragen, ob Geschäftsbeziehungen mit den USA nicht zu riskant werden.
Wenn die Geschichte der wechselvollen Beziehungen zwischen den USA und der Schweiz indes eines lehrt, dann ist es das: Auf jeden Tiefpunkt folgen bessere Phasen. Irgendwann.