Ein Mutter-Sohn-Drama auf Netflix führt in das Zürich der oberen Zehntausend.
Graham Hornigold hat viel erreicht in seinem Leben. Der Patissier aus London kam mit seinen Backkünsten zu Rang und Namen. Sein Geschäft mit den Desserts floriert. Privat ist er glücklich liiert. Zudem wird er bald Vater. Er sagt: «Mein Leben war perfekt. Dachte ich.»
Bis ihn Anfang 2020 eine E-Mail von einer Unbekannten erreicht. So beginnt das Unheil. Und so beginnt die Netflix-Dokumentation «Con Mum: Lang vermisste Mutter oder Betrügerin?» über Hornigold, einen treuherzig wirkenden Engländer, der tatsächlich so heisst und der bei der Suche nach seiner Mutter in einen schlimmen Schlamassel gerät.
Hornigold hat schwer an der eigenen Kindheit zu knabbern. Der Vater war «kein guter Mann», wie er es selbst sagt, zudem fehlt seit seinem zweiten Lebensjahr die Mutter. Umso grösser seine Hoffnung, als sich die Fremde bei ihm meldet – und ihm erklärt, er sei ihr Sohn.
«Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben», schreibt sie. Die Worte unterstreicht die angebliche Mutter mit Details aus seiner Biografie. Etwa, dass der Sohn Graham in Deutschland zur Welt kam. Hornigold fasst Vertrauen.
Man ahnt da bereits, dass diese Geschichte, die über weite Strecken in Zürich spielt, kein gutes Ende nehmen wird.
Zunächst aber beginnt es harmonisch. Die wiedergefundene Mutter namens Dionne ist offenbar eine vermögende Jetsetterin und hat einiges gutzumachen. Verlorene Zeit kann man zwar nicht zurückkaufen, dafür vieles anderes.
Also überhäuft die Mama den verlorenen Sohn mit grossen Gefühlen und noch grösseren Geschenken: einen Land Rover für ihn, einen weiteren Luxus-SUV für die Schwiegertochter. Die Mutter Dionne behauptet, sie sei nicht weniger als die uneheliche Tochter des Sultans von Brunei.
Mutter und Sohn haben einiges nachzuholen, sie verbringen viel Zeit miteinander. Bei aller Freude hält die Mutter aber auch eine tragische Nachricht bereit. Sie leide an Krebs und habe nur noch wenige Monate zu leben. Darum soll das Erbe geregelt werden. Für den Papierkram muss man aber nach Zürich. Es wird ein Trip wie im Film.
Suite im «Baur au Lac», Luxusimmobilien hoch über dem See
Es ist kurz vor Weihnachten 2022, standesgemäss steigt die Mama an der Limmat in den besten Häusern ab. «Zwei Michelin-Sterne. Sehr teuer. Sehr teuer», erinnert sich der Sohn. Es sind Bilder, die die heimischen Tourismusförderer in Entzücken versetzen dürften: Zürich aus der Vogelperspektive, die Altstadt im Schnee, crèmefarbene Hotelsuiten, das «Baur au Lac», Kaviar und vor allem: viel Champagner.
Wenn die 85-jährige Dame nicht gerade feiert, geht sie ihren Geschäften nach. Irgendwann ist es Zeit für ein Treffen mit den Herren Banker und Anwalt. Der Mutter wird ein Termin in den oberen Räumen einer Bank gewährt. Für sie sogar nach Schalterschluss.
Die Dokumentation verrät nicht, um welche «global tätige» Bank es sich handelt. Ein Konto gebe es hier erst ab 20 Millionen Franken, erklärt die Mutter ihrem Sohn stolz.
Auch für Immobilien interessiert sie sich. Man besichtigt Häuser, deren Wohnzimmer so gross sind wie Turnhallen und deren Terrassen hoch über Schweizer Seen thronen.
In Zürich wickelt Dionne ein deutsch-chinesisches Unternehmerpaar um den Finger, das auf der Suche nach Investoren für sein Startup ist. Sie unterschreibt eine Millioneninvestition, dafür verlangt sie ein Gegengeschenk, wie das in der asiatischen Kultur so üblich sei.
Also geht das Paar mit ihr shoppen: Mutter im Hut, im Pelz, mit Handtaschen. Am Ende luchst sie dem Paar 100 000 Franken ab.
Einem Chinesen namens Peng verspricht sie 60 Millionen, um in eine neue Krebsbehandlung zu investieren. Dafür verlangt sie Bargeld, um dieses an Bedürftige zu verteilen. Den Chinesen erleichtert sie in Zürich um über 150 000 Franken.
Aus geplanten vier Tagen in Zürich werden Wochen. Immer wenn Graham Hornigold zu Frau und Kind abreisen will, hält ihn die Mutter zurück, oft mit fadenscheinigen gesundheitlichen Gründen. Und unterschrieben hat der Sohn in der ganzen Zeit auch noch nichts. Dafür bittet die Mutter ihn ab und zu, diese oder jene Rechnung zu übernehmen.
In London wird Hornigolds Frau zunehmend misstrauisch, es mehren sich die Rechnungen für Luxusgüter, zusätzliche Kreditkarten tauchen auf.
Ist sie überhaupt die eigene Mutter?
Erst daheim in London schwant Hornigold Böses. Aber da ist es bereits zu spät. Am Ende bleibt der Patissier auf 300 000 Pfund Kreditkartenschulden hocken. Sogar die vermeintlich geschenkten Autos waren nur geleast, und zwar auf seinen eigenen Namen. «Sie log, und ich ertrinke in Schulden.»
Der Betrug wird noch grösser. Hotelangestellte aus Zürich erzählen, die Mutter habe Diamanten im Hotelzimmer gelassen, um damit unbeglichene Rechnungen zu begleichen. Nur seien die Klunker falsch gewesen.
Leute aus Indonesien melden sich, die von der Frau betrogen worden sind. Statt wie versprochen eine Pilgerreise nach Mekka zu organisieren, sei sie mit der Reisekasse abgehauen.
Auch finden sich alte Zeitungsartikel, die belegen, dass eine Dionne Hornigold sich seit über vierzig Jahren durchs Leben trickst und deswegen auch schon von britischen Gerichten verurteilt worden ist.
Irgendwann gibt es für den Sohn keine Zweifel mehr: Seine Mutter ist eine Betrügerin. Ihn quält da aber bereits eine andere Frage: Ist die Frau überhaupt die eigene Mutter?
Ein Gentest soll Abhilfe schaffen. Zu diesem drängte Hornigold die Mutter, als sie in einem Londoner Luxushotel absteigt. Er sagt: «Ein Teil von mir wollte gar nicht mit ihr verwandt sein.»
Doch der Test zeigt: Graham Hornigold ist zu 99,9 Prozent der leibliche Sohn. Der Mann wurde von seiner eigenen Mutter ausgenommen. Er sagt: «Das zu verstehen, ist das Schwerste. Was tat sie ihrem Sohn an?»
Er reimt es sich folgendermassen zusammen: Wegen der Einschränkungen der Pandemie brachen der betrügerischen Mutter die Einnahmen ein. Die Jetsetterin strandete in London und erinnerte sich aus der Not heraus an ihren verlorenen Sohn.
Nach dem DNA-Test verschwindet Dionne Hornigold. Die Nachrichten hören auf, niemand erreicht sie. Die britische Polizei erklärt dem Sohn, wenn es die eigene Mutter gewesen sei, die ihn übers Ohr gehauen habe, sehe man die Taten nicht als Verbrechen an.
Laut den Machern des Dok-Films wurde Dionne Hornigold für die Vorwürfe aus dem Film nie angeklagt. Ihr letztes Lebenszeichen kam aus Malaysia. Ein Jahr nach ihrem Verschwinden meldet sie sich bei ihrem Sohn: «Es tut mir leid. Aber ich kann mich nicht ändern.»
«No more bullshit», erwidert der Sohn. Die Odyssee mit der Mutter hat ihn die Beziehung zu seiner eigenen Frau gekostet. Aber Graham Hornigold ist ein Stehaufmännchen. «Man klopft den Staub ab und macht weiter», sagt er. Aber «Mama» nennt er die eigene Mutter nicht mehr.