Die Schweizer Bevölkerung reist wieder deutlich mehr. Gleichzeitig entspannen sich die Menschen zunehmend in der unmittelbaren Umgebung. Eines der beliebtesten Freizeit- und Ferienziele sind Schrebergärten.
Ist der zeitgenössische «Ferienmensch» dazu verdammt, pausenlos auf Achse oder in der Luft zu sein? Dieser Frage ging der Tourismusforscher Jost Krippendorf schon 1984 in seiner gleichnamigen Monografie nach. Es war die Zeit, als sich der Charterflug etablierte und Ferien am anderen Ende der Welt erschwinglicher wurden. Die Fernreise entwickelte sich zum Motor einer globalen Ferienindustrie und zu einem weiteren Konsumartikel.
Corona unterbrach das geölte Räderwerk des Massentourismus nur kurz. Während der Pandemie stand die Welt still, auch die Ferienflugzeuge blieben am Boden. Das Nachholbedürfnis nach der verordneten Zwangspause sprengt alle bisherigen Dimensionen: Knapp 31,2 Millionen Passagiere hoben 2024 vom Flughafen Zürich ab. Die Passagierzahlen lagen damit praktisch auf dem Niveau von 2019. Im Dezember 2024 reisten laut Angaben des Flughafens sogar 8 Prozent mehr Passagiere über Zürich als vor Corona. Über das ganze Jahr gerechnet sei 2024 nach 2019 das zweitbeste in der Geschichte, so der Flughafen Zürich.
Diesen Boom bestätigen auch die neusten Zahlen des Bundesamts für Statistik: ob Fernreise, Tagesausflug im Land oder ein Besuch im Nachbarland – Herr und Frau Schweizer verreisen gerne und oft. 89 Prozent der Wohnbevölkerung unternahmen im Jahr 2023 mindestens eine Reise mit einer oder mehreren auswärtigen Übernachtungen. Wie in der Zeit vor der Pandemie führte 2023 die Mehrheit (64 Prozent) der Reisen mit Übernachtungen ins Ausland. Aber auch Tagesreisen und Kurztrips sind beliebt. 43 Prozent aller Einwohner buchten 2023 eine klassische Wochenendreise mit einer bis drei Übernachtungen.
Die Travel-Trends-Studie der deutschen Strategieberatung Simon-Kucher zeigt zudem, dass es vor allem die Generation Z ist, die die Reisebranche umgepflügt hat. Auch wenn sich die Resultate nicht uneingeschränkt auf die Verhältnisse in der Schweiz übertragen lassen – die Trends gehen klar in dieselbe Richtung. Das Motto lautet: kurz, billig und häufig allein. 15- bis 30-Jährige reisen anders als ältere Menschen. Die Reiseindustrie hat ihr Angebot an billigen Kurzabstechern entsprechend auf diese Klientel ausgerichtet. Schon Lehrlinge oder Schüler gönnen sich unabhängig vom elterlichen Taschengeld schnell einmal einen spontanen Trip mit dem Billig-Airliner.
Familien mit Kindern zwischen finanzieller Belastung und Wahlverzicht
Ein völlig anderes Bild zeichnet hingegen das «Familienbarometer 2025», das der Interessenverband Pro Familia Schweiz und der Vorsorgespezialist Pax kürzlich vorgestellt haben. Daraus geht hervor, dass sich im gleichen Zeitraum immer weniger Familien mit Kindern Ferien leisten. Die beiden Institutionen liessen für ihre Erhebung 2200 Familien aus allen Landesteilen befragen. Demnach verzichten Einelternhaushalte mit 49 Prozent häufiger als gemeinsame Haushalte mit zwei Partnern (40 Prozent). Es überrascht nicht, dass Haushalte mit niedrigerem Einkommen eher auf Ferien verzichten.
Jürg Stettler ist Leiter des Instituts für Tourismus und Mobilität an der Hochschule Luzern. Er meldet leise Zweifel an der repräsentativen Aussagekraft der Daten im «Familienbarometer» an. «Die absoluten Zahlen von Flughäfen, Tour-Operators oder in Reiseanalysen sprechen eine andere Sprache.» Über aktuelle eigene Zahlen zum Ferien- und Reiseverhalten der Schweizer Bevölkerung verfüge er zwar nicht, sagt er. Das Ferien- und Reiseverhalten der Bevölkerung habe sich aber in seiner Wahrnehmung in den letzten Jahren nicht signifikant verändert. «Wenn es tatsächlich einen mässigenden Corona-Effekt gegeben hat, so ist er längst verpufft. Wir reisen wie wild.»
Stettler bestreitet nicht, dass gewisse Bevölkerungssegmente aus finanziellen Gründen nicht mehr wie bis anhin Ferien machen können. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass diesen Familien womöglich gewisse Angebote nicht bekannt seien: «Will man mit Kindern preiswert verreisen, sind Jugendherbergen oder Reka-Dörfer im In- und Ausland attraktive Optionen.» Stettler vermutet deshalb, dass in gewissen Familien der Verzicht auf eine Reise auch noch andere Gründe hat: «Die Bedürfnisse bleiben sehr stabil. Wer ans Meer will, hat keine Lust auf die Berge, selbst wenn das Angebot dort billiger ist.»
Schrebergärten als preiswerter Naherholungstrend
Unabhängig von der Wahlfreiheit des Konsumenten werde das Produkt Reisen in Zukunft auch für jene teurer, die den Gürtel derzeit noch nicht enger schnallen müssten. Der Tourismusexperte zeigt sich überzeugt: «Klima-Kompensationszahlungen, Infrastruktur- und Lohnkosten, Nachhaltigkeit – all diese Kostentreiber dürften die Gesamtnachfrage dämpfen. Insbesondere, wenn die Löhne im Verhältnis zu den Reisekosten langsamer ansteigen.»
Die landläufige Vorstellung von Ferien ist noch immer untrennbar mit der Reise an einen anderen Ort verknüpft. Und doch: Im Windschatten des Nachhaltigkeitsmarketings der Reiseindustrie ist ein anderer Trend zu beobachten. Erholung und Entschleunigung finden zunehmend auch in der unmittelbaren Umgebung statt. Ein illustratives Beispiel dafür ist der anhaltende Schrebergarten-Boom.
«Seit Corona haben wir unverändert lange Wartelisten. Derzeit hoffen fünfzig Personen auf die baldige Zuteilung einer Parzelle», sagt Martin Blaser, Präsident des Familiengarten-Vereins Bern Ost. Die hauptsächlichen Treiber des anhaltenden Runs auf die kleinen Stadtgärten seien Junge oder Familien mit Kindern. Was früher oft als kleinbürgerlich und bieder belächelt wurde, ist mittlerweile en vogue. «Unsere jungen Familien nennen es einfach Urban Gardening, wenn sie hier ihren Salat ziehen.» Die gehissten Landesflaggen über den vielen eng zusammenstehenden Häuschen deuten zudem an, dass der Schrebergarten als weitgehend konfliktfreier Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen funktioniert.
Schon als er noch im Berufsleben stand, liess Blaser den Tag zumeist im Garten ausklingen. Auch der belastendste Stress sei dort am Abend blitzschnell von ihm abgefallen. «Körperliche und geistige Fitness, sozialer Austausch, Entspannung vor der Haustür – der Schrebergarten dient der Psychohygiene und ist gleichzeitig Energiequelle.» Blaser unterstreicht, er habe mit der Familie früher durchaus auch einmal Badeferien in Spanien gemacht. Vollständig erholen könne er sich aber vor allem dann, wenn er seine Beete jäte oder frisch ansäe. Das übernehme er oft auch für Parzellennachbarn, wenn sie körperlich nicht mehr dazu in der Lage oder abwesend seien. «Der ausgeprägte Gemeinschaftssinn gibt mir und wohl auch den meisten anderen hier im Quartiergarten viel.»