Am Samstag vollzog der FC Bayern, was sich angekündigt hatte: Thomas Müller erhält in München keinen neuen Vertrag. Er wird nicht nur wegen seiner Qualitäten als Angreifer fehlen.
Manche Karrieren grosser Fussballer lassen sich mit einigen wenigen Schlagworten umreissen. Loyalität, Eigenständigkeit, Gewitztheit und unbändiger Einsatz: Mit all diesen Begriffen lässt sich der Fussballer Thomas Müller beschreiben, der 25 Jahre lang für den FC Bayern München spielte. Im Alter von zehn Jahren stiess er zum Verein. Man kann auch mit Fug und Recht behaupten, dass der FC Bayern sein Leben als Fussballer bestimmt hat – aber auch, dass er die Bayern geprägt hat wie wenige andere Fussballer zuvor. Kein Mitläufer, sondern stets einer, der vorangeht, vor allem dann, wenn es ungemütlich wird. Charakter: Auch das wäre ein Begriff, der zu Thomas Müller passt.
Müller ist den Bayern zu teuer
Und so kam es, dass es für manche Fans vermutlich ausserhalb des Vorstellungshorizonts lag, dass ein solcher Mann den Verein einmal verlässt, ja noch schlimmer: ihn verlassen muss – nach 16 Jahren als Profi, nach 742 Einsätzen für die Bayern, die ihn zum Rekordspieler der Münchner machen.
Nun ist offiziell, dass die Bayern den Vertrag mit ihrem Evergreen nicht verlängern werden. Zu teuer sei er mit seinen 17 Millionen Euro Gehalt inklusive Prämien, ein Salär in dieser Höhe ist bei einem 35-Jährigen, der nicht mehr zum Stamm zählt, überaus stattlich. Müller informierte die Fans via Instagram, er merkte auch an, der Klub habe «sich bewusst dafür entschieden, mit mir keinen neuen Vertrag zu verhandeln».
Die Bayern, die die Trennung in einer E-Mail von epischer Länge ebenfalls verkündeten, müssen sparen. Der Manager Max Eberl hat den Auftrag erhalten, die Kosten zu senken. Doch ist die Frage legitim, ob es hier den Richtigen trifft, wo es teure Mitläufer wie die beiden Aussenstürmer Serge Gnabry und Leroy Sané gibt. Und ob eine weitere Saison mit Müller nicht auch dann ihren Wert gehabt hätte, wenn er nicht dauerhaft zum Einsatz gekommen wäre.
Dass ihm eine Menge an den Bayern lag, braucht Müller nicht sonderlich zu belegen. Nichts konnte ihn vom Verein seiner Jugend wegbringen. Man braucht sich ja bloss daran zu erinnern, wie es war, als er bei den Bayern debütierte. Unglücklich unter Jürgen Klinsmann, doch dann kam Louis van Gaal, ein äusserst strenger Niederländer, der allerdings keinen starren Blick auf den Fussball hat.
Müllers Talent, die Lauf- und Passwege seiner Kollegen zu antizipieren, in Lücken zu stossen, von denen die Gegenspieler Sekundenbruchteile zuvor noch gar nicht ahnten, dass sie sich auftun würden, war einzigartig. Und es schmiegte sich ideal in die Vorstellung van Gaals, der stets ein Prediger des flexiblen Positionsspiels war. Der Trainer, der bereit ist, alles zur Disposition zu stellen, griff gar zum Absolutum: «Müller spielt immer.» Müller selbst sagte vor einigen Jahren im Interview über das Verhältnis zu seinem Mentor: «Louis van Gaal und ich haben eine Beziehung, die über das hinausgeht, was zwischen einem Spieler und einem Trainer normal ist.»
Ein Trainer nannte ihn «Radio Müller»
Derart apodiktisch sind Trainer, erst recht solche von Rang, selten. Denn sie wissen, dass Konkurrenz innerhalb des Teams Voraussetzung für leistungsfördernde Reibung ist. Einen Freibrief nach van-Gaalscher Art genoss Müller auch unter Jupp Heynckes.
Der allseits geschätzte Offensiv-Allrounder wurde zu einem Sprachrohr der Mannschaft. Auf dem Feld, weswegen ihm der ehemalige Bayern-Co-Trainer Hermann Gerland den Namen «Radio Müller» anheftete, aber auch nach dem Schlusspfiff. Gut kam vor allem seine Art an, die unbefangen wirkte, frei vom Jargon der Fussball-Nerds, die immer mehr darstellen wollen, als sie eigentlich sind. Seine (in den letzten Jahren allerdings merklich abgeflachte) Vorliebe für derbe Spässe führte bisweilen dazu, dass von vielen Leuten nahezu alles als lustig empfunden wurde, was Müller von sich gab, mochte er auch bloss einen guten Abend wünschen.
Unter Pep Guardiola allerdings durchlebte er durchaus schwierige Zeiten. Damals wollte ihn van Gaal, der alte Förderer, unbedingt zu Manchester United holen, wo schon ein anderer Protégé des Niederländers spielte: Müllers Bayern-Kumpel Bastian Schweinsteiger, der ebenfalls mit Guardiola nicht sonderlich gut zurechtkam.
Doch Müller blieb bei den Bayern, ein Titel-Sammler, der sich 2020 zu einem letzten Hoch aufschwang, als er zu den Stützen beim Champions-League-Titel zählte. Nicht anders ist es 2013 gewesen, als die Bayern die Niederlage aus dem Vorjahr gegen den FC Chelsea im Elfmeterschiessen überwanden und sich den Titel gegen Borussia Dortmund sicherten.
Die Demütigung gegen Chelsea vor eigenem Publikum war vor allem für Müller Stimulans. Er hatte gegen Chelsea getroffen, war aber kurz vor dem Ende ausgewechselt worden, bevor die Londoner ausglichen. Geradezu manisch redete Müller auf die Kollegen vor dem Shoot-out ein, verzweifelt, nicht selbst antreten zu können.
Er ist der Dauerbrenner der Weltmeister-Generation
Schon in seinem Auftreten zeigte sich: Er war stets eine treibende Kraft. Und er war es vor allem in den Jahren von 2010 bis 2014, als er mit Deutschland Weltmeister wurde. Sicher, die Bayern-Fraktion war in diesen Jahren prägend. Mit Manuel Neuer, dem Torhüter, Philipp Lahm, dem Captain und Aussenverteidiger, und Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld. Vor allem aber war es Müller, der in Brasilien wie schon zuvor bei der Weltmeisterschaft in Südafrika mit jeweils fünf Toren seine Qualitäten als Vollstrecker bewies. Mit seiner offensiven Kommunikation vertrat er auch dann noch die Mannschaft, als Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger ihre Karrieren als Nationalspieler schon längst beendet hatten.
Fürsprecher fanden sich vor dem drohenden Ende ohne Mühe. Louis van Gaal bedauerte gegenüber Sky: «Leider spielt Müller nicht mehr immer!» Er wünscht ihm den bestmöglichen Abschied.
Nicht anders verhielt es sich mit dem ehemaligen Mannschaftskollegen Franck Ribéry, der den Entscheid der Bayern ebenso wenig nachvollziehen kann wie der legendäre Bayern-Torhüter Sepp Maier, der gegenüber Sport 1 ein «ziemlich bitteres Ende» attestiert. Solch ungewöhnliche Solidarität über Generationen hinweg verdeutlicht, um was für einen Spieler es sich bei Thomas Müller handelt. Einen wie ihn werden sie in den nächsten Jahrzehnten so schnell nicht in München haben.
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