New York, 1998: Amerika steht glänzend da, Brooklyn sieht aus wie ein Set aus «Sex and the City». Doch die Katastrophen lauern. Darren Aronofskys neuer Film stellt das Gangster-Genre vom Kopf auf die Füsse.
Wollte man sich einen Posterboy ausdenken für das urbane, sich feminisierende und liberalisierende Kinopublikum, dann wäre es Austin Butler. Ein Milchgesicht, aber cool und sexy, eine späte Spielart von James Dean. Schön, empfindsam und dabei auf vertrackte Weise viril. Butler ist der Mann, vor dem man keine Angst haben muss, weil sein Gesicht nicht aussieht wie eine geballte Faust (Charles Bronson und Co.) oder wie aus Eiche geschnitzt (Clint Eastwood). Und vor dem man doch die Töchter (und womöglich die Söhne) verstecken will, weil sein schmachtender Blick, kombiniert mit dem aasigen Lächeln, einfach unwiderstehlich ist.
In der Besetzung liegt der Kniff für diesen schrillen, vor Gewalt, Humor und Tempo dampfenden Film. Denn Butlers Gesicht ist die Leinwand, auf der der Regisseur Darren Aronofsky («Requiem for a Dream», «Black Swan») seine Idee eines zerrissenen Amerika abzeichnet.
Spielort ist New York, das Jahr ist 1998. Noch steht Amerika glänzend da. Bill Clinton hat die Sache im Griff, aussenpolitisch vor allem: Nato-Osterweiterung, Friedensvertrag PLO-Israel, Friedensvertrag für Bosnien-Herzegowina. Alles Erfolge Clintons und der Boomer-Generation, die ab jetzt das Sagen hat. Auch im Land beste Perspektiven: steigende Wachstumsraten, sinkende Arbeitslosigkeit. Der Laden läuft, auch wenn die Katastrophen nicht mehr lange auf sich warten lassen – vom moralisch-politischen Debakel Monica Lewinsky bis zum GAU von 9/11.
Mobster und korrupte Cops
Aronofsky zeigt den Riss, der durch diese Erfolgskulisse geht und hinter dem bereits jene Probleme aufscheinen, mit denen sich das Land bis heute herumschlägt. Es führt ein direkter Weg von Rudy Giulianis Null-Toleranz-Haudegentum zu den Black-Lives-Matter-Protesten. Giuliani beginnt 1998 seine zweite Amtszeit als New Yorker Bürgermeister, er wird zu Beginn des Films gleich erwähnt.
In Brooklyn, wo Hank (Butler) als Barman jobbt, hasst man den Law-and-Order-Mann, der Schwarzfahrer und Sprayer ins Gefängnis schickt und Schwarze mit rigiden Kontrollen drangsaliert. Noch mehr hasst man die Yuppies, die Brooklyn so lange gentrifizieren werden, bis Park Slope aussieht wie ein Set aus «Sex and the City». Hank staunt mit grossen Augen in diese wilde City-Welt hinein, ein Landei und «small-town boy», der täglich seine Mutter anruft und seiner verpatzten Baseball-Karriere nachtrauert.
Mit der Zeit wird dieses schöne Jungengesicht immer ramponierter werden, weil sich russische und jüdische Mobster plus korrupte Cops daran zu schaffen machen. Irgendwann sind sie alle hinter ihm her und hetzen ihn durch die Stadt. Organisierte Verbrecher sind nachtragend, wenn man ihnen die Drogen-Millionen abzwackt.
Nur mal kurz die Katze hüten
Das Ganze ist natürlich ein Versehen: Das Geld hat Hanks Nachbar geklaut, ein aus England stammender Spätpunk mit Johnny-Rotten-Appeal (Matt Smith). Hank hatte eigentlich nur dessen Katze gehütet, aber in der Katzentoilette war ein Schlüssel versteckt und der . . ., aber das ist alles Teil der rasanten Handlung und wird deshalb hier nicht gespoilert.
Aronofsky will das Gangster-Genre nochmals vom Kopf auf die Füsse stellen, weg von Verbrechern, die sich am Gesetz, vor allem aber an der moralischen Zerknirschung abarbeiten (siehe Michael Manns «Heat» und von da an alles von Martin Scorsese), hin zu Action und Gewalt, in der ein Faustschlag nicht unbedingt eine Metapher und eine Gewehrsalve kein politisches Statement ist.
Zugleich präsentiert er mit seinem exzellenten Hauptdarsteller ein Bild von Männlichkeit, das von der Gewaltausübung erst erschüttert, dann befähigt, wenn nicht geläutert wird. Butler absolviert die Stationen dieses filmischen Entwicklungsromans – von Schlägereien und Verfolgungsjagden über Shoot-outs bis zur Bekanntschaft mit so herzigen wie gewalttätigen Chassidim – mit Bravour.
Schlüpfrige Coolness
Ein bisschen schlüpfrige Coolness aus seiner Hauptrolle in «Elvis» (2022), dazu ein Quentchen Härte von seinem Part als extraterrestrischer Nazi-Fürst in «Dune 2» (2024) und dazu jene Mischung aus Nervosität und Taktgefühl, die einen harten Hund erst richtig sexy macht – mit Timothy «Ja, ich bin schon volljährig!» Chalamet wäre das nicht gegangen.
Auch die kleineren Rollen sind exzellent besetzt: Zoë Kravitz gibt die lasziv-patente Krankenschwester (mit dramaturgisch motiviertem, sehr frühem Abgang). Matt Smith spielt den britischen Abzocker-Dealer mit der Schnoddrigkeit eines, nun ja, britischen Abzocker-Dealers. Und Liev Schreiber und Vincent D’Onofrio als den Schabbes ehrende Mobster strahlen so viel Charme aus, dass man ihnen sogar die berufsbedingt unschönen Morde nachsehen möchte.
Läutet dieser Film womöglich eine Renaissance der Gangsterkomödie ein? Anders gefragt: Bekommt Quentin Tarantino, dessen Gewaltästhetik lange stilprägend war als postmoderne Überblendung von Schrecken und Humor, auf seine älteren Tage nochmals Konkurrenz? Wenn sie so aussieht, dann gerne.
Im Kino.