Er war intensiv, besessen und hochbegabt. Wann immer ein Filmstar mit Ecken und Kanten gefragt war, rief Hollywood bei ihm an. Nun ist der an Kehlkopfkrebs erkrankte Val Kilmer 65-jährig gestorben.
Zuerst wollte Val Kilmer in «Top Gun» (1986) gar nicht auftreten, weil ihm der Film kriegstreiberisch und seicht erschien. Aber dann rauschte er als Leutnant Tom «Iceman» Kazansky, der waghalsig-aufsässige Rekrut in einer Akademie für Spitzenpiloten, in den Hollywood-Olymp. «Top Gun» wurde neben «Wall Street» (1987) zu einem der prägenden Filme der Zeit. Die im Film zwischen Val Kilmer und Tom Cruise ausgespielte Rivalität führte zu legendären Szenen.
Kilmers Iceman nennt Mavericks (Tom Cruise) Flugstil «gefährlich», worauf Maverick antwortet: «Ich bin gefährlich», und sein Millionen-Dollar-Lächeln zeigt. Aber in Wahrheit ist es Iceman, von dem wirkliche Gefahr ausgeht. Er liegt immer auf der Lauer, den Konkurrenten im Blick, dreht einen Stift zwischen den Fingern, lässt einen Volleyball auf seinem Zeigefinger kreisen und reckt das Kinn gerade so hoch, um den Blick herablassend nach unten richten zu können. Iceman ist der geborene Widersacher.
Er war mehr als der ewige Zweite
Im berühmten Finale versöhnen sich die Konkurrenten mit einem bissigen Schlagabtausch: «You can be my wingman any time», sagt Iceman zu Cruise’ Maverick, der antwortet: «Bullshit. You can be mine.» Ein «wingman» war im militärischen Sprachgebrauch und auch später im Alltagsjargon der ewige Zweite, der einen Freund beim Anbahnen erotischer Abenteuer unterstützt.
Auf der Leinwand blieb Val Kilmer nicht lange der «wingman». Hollywood erkannte sein Potenzial und besetzte ihn in Hauptrollen grosser Filme, jedenfalls eine Zeitlang. «Top Gun» läutete die erfolgreichste Phase seiner Karriere ein und gab ein Muster vor: Val Kilmer wurde zu dem Mann, den man anrief, wenn ein Filmstar mit Ecken und Kanten gefragt war.
Das machte ihn zur Idealbesetzung für den Rockmusiker Jim Morrison in Oliver Stones Film «The Doors» (1991). Die Rolle füllte Kilmer nicht nur mit seinem eigenen Charisma und seiner Fähigkeit, komplexe Figuren zu gestalten. Er sang auch alle Konzertsequenzen selbst.
Mit «Batman Forever» (1995) bekam der Schauspieler eine weitere Traumrolle, die er annahm, ohne überhaupt das Drehbuch gelesen zu haben. Aber auch diese Arbeit machte ihn nicht glücklich. Er fühlte sich von dem starren Batman-Kostüm eingeengt, und die Maske verdeckte so viel von seinem Gesicht, dass er wenig von sich einbringen konnte. Er habe einfach nur agiert «wie ein Schauspieler in einer Seifenoper», sagte er später.
In Michael Manns «Heat» (1995) trat er in einer signifikanten Nebenrolle auf, ebenso wie zuvor in Tony Scotts «True Romance» (1993, nach einem Drehbuch von Quentin Tarantino). Da erscheint er traumgleich als Elvis Presley, der imaginäre, aber teuflische Gespräche mit dem Helden (Christian Slater) führt: Elvis als böser Einflüsterer – das hatte man weder vorher noch danach je gesehen.
Rache am Regisseur
Grosse Hoffnungen hatte Val Kilmer in die Arbeit an «The Island of Dr. Moreau» (1996) mit Marlon Brando gesetzt, den er verehrte – was man Kilmers Stil mit seiner Neigung zu Trotz und Arroganz immer ansah. Kilmer verübelte es dem Regisseur John Frankenheimer, dass er Brandos Ideen überging, und rächte sich, indem er seinerseits nur noch mit Mindesteinsatz arbeitete. Er hatte sich schon mit Joel Schumacher bei den Dreharbeiten zu «Batman Forever» angelegt, und auch andere wie der Regisseur Michael Apted wollten nicht mehr mit ihm arbeiten.
Val Kilmer war intensiv, besessen und hochbegabt – nur kein Teamplayer. 1992 schrieb der tonangebende Kritiker Roger Ebert anlässlich des Films «Thunderheart», in dem er Kilmer zuerst nicht erkannt hatte: «Wenn es eine Auszeichnung für den unbesungensten Hauptdarsteller seiner Generation gibt, Kilmer hätte sie verdient.»
Ein autobiografischer Dokumentarfilm, «Val» (2021), zeigt Kilmer von einer anderen Seite: Seit Kindertagen hatte er, der später auch als bildender Künstler arbeitete, sein eigenes Leben mit Videokameras dokumentiert. Aus diesem Tausende von Stunden umfassenden Material ging das Filmporträt hervor.
Bei seiner Entstehung war Kilmer, der 1959 in Los Angeles geboren wurde, in der Filmindustrie nur noch in der Erinnerung präsent, und seine Kinder kümmerten sich um die Publicity. Der von ihm selbst geschriebene Begleittext zu «Val» wurde von seinem Sohn Jack im Voiceover gesprochen. Kilmer konnte sich nach einer Erkrankung an Kehlkopfkrebs nur durch eine künstliche Ersatzstimme verständigen.
Tragischer Tod des Bruders
Frühe Traumata hatten diesen schwierigen Mann geprägt, dessen Geschichte oft als tragisches Scheitern erzählt wurde: Nach der Scheidung der Eltern wuchsen er und seine beiden Brüder beim Vater auf, mit dem Kilmer nie zurechtkam. Sein jüngerer Bruder ertrank im Teenageralter bei einem epileptischen Anfall im Whirlpool der Familie. Nach dem Tod des Bruders, dem er eng verbunden gewesen war, begann Kilmer seine Schauspielausbildung an der prestigereichen Juilliard-Akademie. Mit seinem älteren Bruder überwarf er sich nach dem Tod des Vaters.
Tom Cruise gab Kilmer Gelegenheit für eine Abschiedsvorstellung vom Hollywoodkino. Im «Top Gun»-Sequel «Maverick» verschaffte er Kilmer einen kurzen Auftritt als Admiral Tom «Iceman» Kazanski, der wie Kilmer an Kehlkopfkrebs leidet. Die Szene, in der Cruise und Kilmer noch einmal ihr grossartiges schauspielerisches Können bewiesen, gerät zum emotionalen Herzstück des Films.
«Ich bin überwältigt von der Liebe und Anerkennung für ‹Top Gun›», schrieb Kilmer nach der Premiere in Cannes im Mai 2022 und ergänzte einige Tage später unter einem Bild, das ihn mit Cruise zeigt: «36 years later . . . I’m still your wingman.» Drei Jahre später, im Alter von nur 65 Jahren, ist Val Kilmer in Los Angeles an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben.