Mit abgefrorenen Fingern hatte der gelernte Physiker und Autor im Lager seine Romane geschrieben. Die atemberaubenden Werke erscheinen jetzt in deutscher Übersetzung.
Als Georgi Demidow 1987 starb, musste er sich selbst für einen Autor ohne Werk halten. Der russische Geheimdienst hatte im Sommer 1980 ein Kommando losgeschickt, um die Manuskripte des damals 71-Jährigen zu konfiszieren. Selbst seine Schreibmaschinen nahm man mit. Ein Akt der Auslöschung, der in der damaligen Sowjetunion Signalcharakter hatte.
Demidow war ein unbequemer Zeitzeuge. Seine Romane erinnerten an den grossen Terror Stalins in den dreissiger Jahren. Was da als Literatur daherkam, gründete auf eigenen Einblicken in die grausamen Methoden der diktatorischen Justiz. Vierzehn Jahre lang war der gelernte Physiker im sibirischen Gulag an der Kolyma inhaftiert gewesen. Mit erfrorenen Fingern schrieb er im Lager an seinem Werk.
Dass dieses Werk weder vernichtet noch verschollen ist, hat Georgi Demidow nicht mehr erfahren. Im Tauwetter von Gorbatschows Perestroika wurde es an die Tochter des Schriftstellers zurückgegeben. Nach und nach erscheint es jetzt in deutscher Übersetzung und erweist sich als wichtiger Kompass in Zeiten von Putins russischer Diktatur.
Das Irrationale der Macht bringt Monster der Rationalisierung hervor. Bisweilen erschreckend klein erscheint der Unterschied zwischen der politischen Allmacht des berüchtigten Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD) der dreissiger Jahre und Putins modernen Methoden zur Ausschaltung Andersdenkender.
Wundmale der Folter
In Georgi Demidows gerade übersetztem Roman «Zwei Staatsanwälte» geht es dem Titel gemäss um juristische Angelegenheiten, auf der menschlichen Ebene aber um Moral. Der junge Staatsanwalt Kornew ist nach Abschluss seines Studiums auf einen wenig interessanten Posten gesetzt worden. Er ist für die Inspektion der Gefängnisse zuständig.
Während von ihm erwartet wird, dass er dieser Pflicht im Sinne der Staatsmacht nachkommt und sich also nicht in die Angelegenheiten der Gefängnisse einmischt, tut er genau das Gegenteil. Als Idealist, der an ein selbstoptimierendes Voranschreiten der sozialistischen Gesellschaft glaubt, ist er irritiert, als er eines Tages einen mit Blut geschriebenen Beschwerdebrief eines Häftlings in die Hand bekommt. Es geht darin um die unmenschlichen Bedingungen im Gefangenenlager.
Absender ist ein gewisser Stepnjak, einer der Helden der Revolution, dem jetzt konterrevolutionäre Umtriebe vorgeworfen werden. Kornew gelingt es wider Erwarten, bis in Stepnjaks Zelle vorgelassen zu werden. Der Häftling ist mit Wundmalen der Folter übersät. Was dann geschieht, läuft ein bisschen nach dem Muster «Wenn das der Führer wüsste!» ab. Die Naivität und der Idealismus des Parteimitglieds Kornew führen zu Verwicklungen.
Weil er nicht glauben will, dass der Umgang mit politisch Verdächtigen auf Geheiss des Genossen Stalin so grausam ist, glaubt er an eine eigenmächtige Vorgangsweise des lokalen NKWD. Er sieht es als seine Berufs- und Bürgerpflicht, unverzüglich den Generalstaatsanwalt Wyschinski zu informieren. In der Fiktion des Romans empfängt diese auch real existierende und gefürchtete Figur der sowjetischen Rachejustiz den jungen Rechtspfleger.
Wie bei Kafka taumelt da einer durchs Labyrinth undurchschaubarer Gesetze. Schöpft in seinem Glauben an den Sieg des Guten Hoffnung und bangt gleichzeitig um seine Existenz. Der Boden, der dem Staatsanwalt schliesslich unter den Füssen weggezogen wird, ist ein Schachbrett, er selbst darauf nur eine unbedeutende Figur. Die Erzählung in Georgi Demidows Roman ist parabolisch, weil sie die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Allgegenwärtigkeit des Bösen zeigt.
Eine Art Selbstporträt
Zugleich ist der Roman auch so etwas wie ein juristischer Kommentar. Akribisch werden die Methoden eines Systems geschildert, das den Menschen ganz prinzipiell unter Verdacht stellt und sich diesen Verdacht vom Betroffenen selbst erhärten lässt: durch erzwungene Geständnisse. Wo einer gesteht, können die Akten geschlossen werden, und es schliessen sich die Gefängnistüren hinter dem Delinquenten. Georgi Demidow hat das selbst erlebt. Die Figur des Gefangenen Stepnjak könnte eine Art Selbstporträt sein, aber auch anderswo ist der bis heute noch kaum bekannte russische Autor verewigt. In den Büchern des Kolyma-Lagerkollegen Warlam Schalamow.
Thomas Martin und Irina Rastorgujewa haben Demidows Kurzroman vom Russischen in ein schneidend scharfes Deutsch übertragen. In etwas, das dem alle Gefühle brechenden Staunen des Staatsanwaltes Kornew entspricht. Das Nachwort zum Roman ist äusserst instruktiv, weil es die komplizierten Mechanismen der stalinistischen Rechtsprechung erklärt.
Und es setzt die Gegenwart der Putinschen Diktatur in Verbindung mit dem grossen Terror. 2024 wurde der Neuntklässler Arseni Turbin ohne Beweise und ohne Geständnis durch das Moskauer Militärgericht zu fünf Jahren Haft in einer Strafkolonie verurteilt, weil er angeblich auf Flugblättern die Meinung vertreten hatte, dass man in Putins Russland seine Meinung nicht frei vertreten dürfe.
Georgi Demidow: Zwei Staatsanwälte. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Thomas Martin und Irina Rastorgujewa. Galiani-Verlag, Berlin 2025. 240 S., Fr. 33.90.