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Vor hundert Jahren wird die Tiergarten-Gesellschaft gegründet. Der Weg bis zur Eröffnung des Zoos Zürich ist holprig.
1925 erhält die Stadt Zürich ein Geschenk und ein Problem. Das Geschenk sind drei lebende Braunbären, je eine halbe Tonne schwer. Überreicht von der Holzhandel AG Dietikon. Die Bären sind zwar schön anzuschauen, aber nach Hause mitnehmen möchte sie dann doch keiner der Herren Stadträte. Wohin damit also?
Einmal mehr wird offensichtlich: Der Stadt Zürich fehlt, was der ewige Rivale Basel seit fast 50 Jahren hat: ein Zoo.
Das soll sich nun ändern. Vor 100 Jahren, am 3. April 1925, gründen 200 Tierfreunde im Schwurgerichtssaal in Zürich eine Tiergarten-Gesellschaft – nicht ahnend, welche Hürden noch auf sie zukommen würden bis zur Eröffnung des Zoos.
Exotische Vögel für einen kranken Buben
Eine entscheidende Rolle spielt ein gewisser Hans Steiner, der eigentlich Juanito heisst, in Barcelona geboren wurde und der Zürichs erster Zoo-Direktor werden wird.
Steiner kommt 1889 in Barcelona auf die Welt, sein Vater ist ein Schweizer Kaufmann, die Mutter gehört einer spanischen Textildynastie an. Ein Vorfall in der Kindheit weckt Steiners Interesse an Tieren.
Als er vier Jahre alt ist, erkrankt Steiner an Scharlach. Der Bub werde wieder gesund, wenn er die nächsten Wochen Bettruhe halte, sagt der Arzt zur Mutter. Sie müsse sich etwas überlegen, damit der Bub still liegen bleibe.
Die Mutter kauft auf der Flaniermeile La Rambla eine Voliere mit exotischen Vögeln und hängt sie dem Sohn übers Bett. Hans Steiner sei tatsächlich still liegen geblieben und wieder gesund geworden, erzählt heute seine Tochter Regula Renschler. Sie sitzt in ihrem Wohnzimmer in Basel, vor sich einen Stapel Ordner und Bücher.
Sie hat unzählige Notizen, Fotos und Erinnerungen ihres Vaters archiviert. Auch detailgetreue Zeichnungen von Vögeln hat sie aufgehoben. Vögel seien seine Lieblingstiere geblieben. «Unsere ganze Waschküche war voll mit Prachtfinken. Er hat den Raum in eine Voliere umgebaut», erinnert sich Renschler.
1900 kam die Familie in die Schweiz, vor allem wegen der Ausbildung der Kinder. Hans Steiner sei damals elf Jahre alt gewesen, erzählt seine Tochter. Die Familie wohnt in einer Villa in Unterstrass. Der Vater ist Freimaurer und gut vernetzt. Die Mutter hat Mühe, sich in Zürich zurecht zu finden, weil sie kein Deutsch spricht.
Auch Hans Steiner spricht anfänglich Deutsch mit spanischem Akzent. So richtig nach Zürich gepasst habe der Vater nicht, erzählt Renschler und sucht nach einem Klassenfoto aus der Zeit. Steiner ist der einzige, der Wollpullover und Jacke trägt, die anderen Buben sind geschniegelt, tragen Anzug und schauen konzentriert zum Fotografen. Steiners Blick schweift in die Ferne.
1908 beginnt Steiner ein Ingenieurstudium an der ETH – weil er es dem älteren Bruder gleichtun will. Bei einem Anlass kommt er mit einem Zoologie-Professor ins Gespräch. Das bringt ihn dazu, Zoologie zu studieren. Dann bricht der erste Weltkrieg aus. Steiner muss einrücken, und, was ihn am meisten schmerzt: seine Vögel zurücklassen. In sein Tagebuch schreibt er später: «Es war ein trauriger Tag, an welchem ich mit den kläglichen Resten der einst stolzen Vogelschar nach der Volière am Utoquai wanderte, wo ich sie unterzubringen gedachte.»
Nach dem Krieg wird Steiner Professor am Zoologischen Institut der Universität Zürich und weibelt für die Gründung eines Zoos in der Stadt. Bald findet er Gleichgesinnte. Doch ausser einander haben sie damals wenig: Ihnen fehlen Kapital, Standort und Tiere.
Um an Kapital zu kommen, werben Steiner und seine Mitstreiter in der ganzen Stadt. Sie halten Filmvorträge, verteilen Postkarten und eine eigene Zeitschrift. Sie hängen Plakate auf – unter anderem im Schaufenster des Warenhauses Jelmoli. Am Seenachtsfest organisieren sie einen Gondelkorso mit selbstgebastelten Tierfiguren. Doch ein Sturm lässt die Figuren kentern – sie versinken im See. Mehr Aufmerksamkeit bringt der Tiergarten-Gesellschaft eine aus heutiger Sicht unmenschliche Attraktion.
Auf dem Sechseläutenplatz veranstaltet sie zusammen mit einer Tierhandelsfirma aus Hamburg vier Wochen lang eine Indienschau, einen Menschenzoo. «Gezeigt wurde ein Inder-Dorf mit diversen Tieren wie Elefanten, Kamelen, Zebras und Affen. Von den letzteren konnten drei entweichen und mussten in mühsamer Arbeit wieder eingefangen werden. Einer hatte sich in die Druckereisäle der NZZ verirrt, der andere in einen Restaurant», schreibt Bernhard Ruetz im Buch «Pioniere».
Zumindest die Aufmerksamkeit ist der Tiergarten-Gesellschaft nun gewiss. Ganz Zürich spricht über sie. Und zwei Jahre nach der Gründung ist der Tiergarten-Verein einer der grössten Vereine der Stadt. Er zählt 2800 Mitglieder.
Doch es fehlt weiterhin ein Standort. In Betracht gezogen werden etwa das Werdhölzli, das Albisgütli oder die Waid. Der eine Standort ist zu klein, dem anderen fehlt Anschluss an den öffentlichen Verkehr.
Dann kommt ein unschlagbares Angebot: Die Tiergarten-Gesellschaft kann das Restaurant Säntis plus 30 000 Quadratmeter Land am heutigen Standort des Zoos auf dem Zürichberg kaufen. Preis: 200 000 Franken. Ein Sympathisant schenkt nochmals so viel angrenzendes Land dazu. Und die Stadt stellt weitere 20 000 Quadratmeter zur Verfügung. Im Oktober 1928 erfolgt der Spatenstich. Was nun noch fehlt: Tiere.
Eine Delegation um Steiner reist nach Hamburg, um dort bei einem Importeur Tiere zu kaufen. Ein Tier fällt ihnen sofort auf. Es heisst Karline, ist ein Zwerg-Nilpferd, 3 Monate alt, 32 Zentimeter hoch und 53 lang, und sehe ein bisschen so aus wie ein Schweinchen, schreibt Steiner in ein Journal. Karline soll in Zürich zum Publikumsliebling werden. Dazu sichert sich die Delegation unter anderem einen Löwen, 3,5 Jahre alt, mit Namen Pollux. Die Firma Jelmoli bezahlt. Von Tierfreunden aus Mumbai wird ein indischer Panther geschenkt. Und aus Russland ein wild eingefangenes sibirisches Schneeleoparden-Paar importiert.
Von Auslandschweizern wird zudem eine Elefantenkuh mit Baby gestiftet. Dazu kommen Malaien-, Kragen- und Lippenbären, Geschenke der Schweizerischen Volksbank. Und dann sind da natürlich noch die drei Braunbären der Holzhandel AG Dietikon, die bisher in einer Menagerie auf dem Üetliberg lebten.
Ein Zoo-Direktor im 50-Prozent-Pensum
Schon die Ankunft am Hauptbahnhof Zürich ist ein Ereignis: Hunderte Schaulustige versammeln sich, einige geleiten die Tiere bis zum Zoo. Am 7. September 1929 eröffnet Steiner gemeinsam mit dem damaligen Stadtpräsidenten Emil Klöti den Zoo Zürich. Steiner ist nun in einem 50-Prozent-Pensum Zoo-Direktor – und Teil eines damals überschaubaren Teams aus einem Inspektor, einem Kassier, acht Tierwärtern, einer Putzfrau und jeweils sonntags ein bis zwei Hilfswärtern. So steht es in der Chronik des Zoos.
Schon im ersten Jahr ist der Zoo ein Erfolg: 371 448 Besucher kommen, 337 767 Franken und 40 Rappen werden eingenommen.
Heute, fast hundert Jahre später, ist der Zoo Zürich längst eine Institution. Mit mehr als einer Million Besucher pro Jahr ist der Zoo Zürich eines der beliebtesten Ausflugsziele der Schweiz. 549 Personen arbeiten für den Zoo und die angegliederten Restaurants. Dazu kommen 334 Freiwillige. Mit Tickets werden jährlich mehr als 20 Millionen Franken eingenommen.
Braunbären jedoch sucht man heute im Zoo vergebens. Das letzte Tier starb 1983. Danach wurde die Haltung aufgegeben.