In seinem neuen Buch räumt der Umweltwissenschafter Vaclav Smil mit Mythen über die Ernährung auf – und vermittelt Wege in eine nachhaltige Zukunft.
Eines vorweg: Das neue Buch von Vaclav Smil «Wie die Ernährung der Welt wirklich funktioniert» ist kein Ratgeber dafür, ob wir Hühnerfleisch oder Blaubeeren essen sollten oder ob Milch oder Nudeln schädlich sind. Der 82-jährige Umweltwissenschafter und Autor zahlreicher Sachbücher behandelt vielmehr die drängende Frage, wie eine globale Ernährung künftig funktionieren könnte. Und zwar so, dass alle Menschen genügend Nährstoffe bekommen, satt werden und zugleich die Umweltbelastung durch unsere Ernährung reduziert wird.
Er wolle eine Analyse grundlegender Zusammenhänge präsentieren, schreibt er im Vorwort. Das Buch ist tatsächlich sehr grundlegend geworden. Smil benötigt fünf lange Kapitel über die Entwicklung der Landwirtschaft seit der Jungsteinzeit und darüber, warum die Menschen von all den zur Verfügung stehenden Tieren und Pflanzen nur sehr wenige domestiziert haben. Das ist viel Bildung und wenig Unterhaltung. Dafür gibt es zahlreiche Zahlen und Fakten.
Smil räumt dabei auch mit vielen Mythen auf. So widerlegt er den Irrglauben, dass Weizen ein Killer sei oder frühe Jägerkulturen glücklich und gesund gewesen seien. Er zeigt vielmehr auf, dass erst eine stabile Ernährung, ermöglicht durch Landwirtschaft und Tierzucht, die Grundlage für die Fortschritte in Technologie wie Kultur war.
Keine Zunft ist vor der Kritik Smils sicher. Den Ökonomen wirft er vor, dass sie die wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft als zu niedrig einstuften. Bei den üblichen Berechnungen zur Wertschöpfung werde lediglich der unmittelbare Beitrag von Säen, Ernte, Füttern und Schlachten einbezogen.
Den Ökojüngern zeigt er auf, dass die Umstellung der Weltbevölkerung auf eine rein vegane Lebensweise erstens unrealistisch, weil nicht massentauglich, und zweitens schlecht für die Umwelt sei. Eine Welt mit ausschliesslich Biolandbau und ohne jeden synthetischen Dünger könne die Menschheit jedenfalls nicht ernähren.
Auch diverse Ernährungsregeln und spezielle Diäten entlarvt er. Ein Beispiel: Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Lebenserwartung in den USA, Kanada, Europa, Japan und Australien synchron gestiegen. Notabene obwohl in diesen Ländern ganz unterschiedliche Essgewohnheiten herrschten. In vielen der aufgezählten Länder sei dabei auch der Fleischkonsum teilweise massiv angestiegen – obwohl er oft als gesundheitsschädlich etikettiert werde. Faktoren wie Gesundheitsvorsorge, generell die moderne Medizin oder eine sinkende Raucherquote hätten viel grössere Auswirkungen auf ein langes Leben als der Fleischkonsum, schreibt Smil.
Bei all der Sachlichkeit überrascht es dann auch nicht, dass Smil im Schlusskapitel nicht mit der revolutionären Superlösung für die ausreichende und zugleich umweltverträgliche Ernährung aller Menschen aufwartet. Er zählt vielmehr viele Stellschrauben auf. Am vordringlichsten sei eine Minimierung des Nahrungsmittelschwunds, angefangen beim Verlust von Ernten bis hin zum Wegwerfen essbarer Lebensmittel. Zudem die Reduktion des Fleischkonsums in den wohlhabenden Ländern.
All die präsentierten Lösungsansätze mögen nicht fancy sein. Aber Smil macht gerade dadurch Hoffnung, dass sein grosses Ziel durch viele realistische Veränderungen erreichbar ist. Denn radikale Veränderungen sind meist nicht umsetzbar – und auch nicht zielführend.
Vaclav Smil: Wie die Ernährung der Welt wirklich funktioniert. Verlag C. H. Beck, München 2025. 223 S., Fr. 39.90.
Ein Artikel aus der «»