Die Fallhöhe zwischen Trumps grandiosen, angeblich präzis berechneten Zöllen und der Realität ist enorm. Oder kann es sein, dass eine Insel, die nur von Pinguinen bewohnt wird, Amerika ausnimmt?
Amerika mag es bekanntlich gross, und Trump ganz besonders. Das zeigte sich auch am Mittwoch wieder bei der Verkündigung seiner neuen Zölle im Rosengarten vor dem Weissen Haus. Pompös wurde der «Liberation Day» ausgerufen, der für immer in Erinnerung bleibe als der Tag, an dem die amerikanische Industrie wiedergeboren worden sei. Pompös war auch die Tafel mit der Länderliste, die Trump in die Höhe hielt. Man fühlte sich an Moses erinnert, der mit den zehn Geboten, die er von Gott erhalten hatte, vom Berg Sinai herunterstieg und die Steintafeln seinem Volk präsentierte. Bloss waren diese etwas leichter zu verstehen.
Lesotho wird bestraft, weil es über Diamanten verfügt
Die Zölle wurden mit einer ominösen Formel berechnet, die zwar sehr seriös und kompliziert erscheint, aber bloss Trumps seltsame und eher banale Sicht auf den Aussenhandel spiegelt: Wer mehr in die USA exportiert als importiert, muss bestraft werden, weil er Amerika ausnimmt. Trump führte seine Rechenkünste vor versammeltem Publikum auch gleich vor und erklärte anhand seiner Riesentabelle, wie China, die EU oder Japan die USA über den Tisch ziehen. Die «reziproken» Zölle seien immer noch moderat und freundlich im Vergleich zur ausländischen Abzocke. «Wir werden Amerika wieder reich machen», versprach er triumphal in seiner fast einstündigen Rede.
Besonders deutlich wird die Fallhöhe zwischen der grandiosen Inszenierung und den abstrusen Fakten, wenn man sich einzelne Beispiele aus der kompletten Liste herauspickt, die 173 Länder aufführt. Die härtesten Zölle – 50 Prozent – treffen den Kleinstaat Lesotho im südlichen Afrika. Der Grund ist absurd: Lesotho exportiert vor allem Diamanten in die USA, ganz einfach, weil es sie in Lesotho gibt und in den USA kaum. Umgekehrt importiert Lesotho fast nichts aus den USA, weil es schlichtweg zu arm ist. Aber für dieses Ungleichgewicht wird es nun bestraft.
Noch unsinniger ist der Fall der Heard- und McDonald-Inseln. Ihnen werden Zölle von 10 Prozent aufgebrummt, weil sie angeblich ebenso hohe Zölle auf Importe anwenden. Der Witz ist, dass die abgelegenen Antarktisinseln unbewohnt sind. Lediglich Pinguine und Robben leben dort. Aber wer weiss? Man kann nicht vorsichtig genug sein.
Mit den Zöllen wird der Kaffee in den USA teurer
Ein anderes schwachsinniges Beispiel ist Indonesien. Neu verhängt Trump Zölle von 32 Prozent über Importe aus dem asiatischen Land. In der Tat erhebt Indonesien selbst hohe Steuern auf Kaffeeimporte. Dies ganz einfach, weil Indonesien einer der grössten Kaffeeproduzenten der Welt ist. Amerika kann das jedoch egal sein, weil es sowieso keinen Kaffee nach Indonesien ausführt. Einziger Effekt der Zollerhöhung: Der importierte Kaffee aus Indonesien, der nicht einfach durch heimische Produktion ersetzt werden kann, wird für die amerikanischen Konsumenten teurer.
Es stellen sich noch viele weitere Fragen, wie zum Beispiel: Warum ist Gibraltar auf der Liste, das kein eigener Staat ist, sondern zu Grossbritannien gehört?
Interessanter ist aber, was auf Trumps langer Liste fehlt: Russland. Es stimmt, dass der Handel wegen der Sanktionen geschrumpft ist. Aber er ist immer noch grösser als jener mit den McDonalds-Inseln oder der Ukraine, die mit Zöllen von 10 Prozent belegt wird. 2024 importierten die USA immerhin Waren im Wert von 3 Milliarden Dollar aus Russland; exportiert wurde nur wenig. Mit der Ukraine hingegen erzielten die USA einen Handelsüberschuss. Laut Trumps Logik müsste Russland bestraft werden und nicht die Ukraine. Möglicherweise spielen hier doch andere Faktoren eine Rolle als die vorgeschobene strenge Mathematik. Aber eben: Die imposanten Berechnungen, die Trump so publikumswirksam präsentierte, haben mehr mit Numerologie, Kabbala und sonstiger Zahlenmystik zu tun als mit Ökonomie.