Der SRF-«Literaturclub» hat prominenten Zugang bekommen: Ab jetzt gehört Gerhard Pfister zur Kritikerrunde. In der ersten Sendung empfiehlt er Joël Dicker. Und macht dann doch ein bisschen Politik.
Gerhard Pfister hat die Kommissionsakten zur Seite gelegt und zum Roman gegriffen: In seine erste Sendung beim SRF-«Literaturclub» am Dienstagabend bringt er Richard Powers’ «Das grosse Spiel» mit. Ab jetzt wird der Nationalrat und Parteipräsident der Mitte in der Kritikerrunde mindestens zweimal im Jahr über Bücher sprechen. «Restlos begeistert» sei er von Powers’ Buch, sagt er: diesem amerikanischen Roman über den «letzten wilden Ort auf unserer Erde, den Ozean». Pfister hat gerade selbst auf einen Platz an einem wilden Ort verzichtet.
Hätte man in Bundesbern ein Quiz gemacht, welchem Gremium Gerhard Pfister als Nächstes beitreten würde – die meisten wären als Verlierer daraus hervorgegangen. «‹Literaturclub›-Sessel statt Bundesratssitz», sagt denn auch die Moderatorin Jennifer Khakshouri, als sie Pfister vorstellt. Dann schiebt sie nach, man habe sich darüber unterhalten und entschieden, in der Sendung nicht über Gerhard Pfisters Alltag als Mitte-Präsident zu sprechen.
Der Faktor Prominenz
«Wir haben Gerhard Pfister als prominenten Literaturexperten angefragt, nicht als Politiker», sagt Markus Gasser, Angebotsverantwortlicher Literatur bei SRF, auf Anfrage. Den Ausschlag hätten Pfisters «Literatur-Fachkompetenz und seine dezidierte Lust, Teil der Kritikerrunde zu werden», gegeben. «Dazu kommt der Faktor Prominenz, den Gerhard Pfister ebenfalls hervorragend verkörpert.»
Worauf es im Zürcher Papiersaal ankommt, wo der «Literaturclub» vor Publikum aufgezeichnet wurde, fasst Pfister dann in der ersten Sendung ganz gut selber zusammen: «Ich bin ein Vielleser, ich bin ein Gernleser.» Zudem ist Pfister promovierter Germanist, er doktorierte über den Schriftsteller Peter Handke. Beste Voraussetzungen also. Erst funkte dann aber eben doch die Politik dazwischen.
Zeit zum Lesen finde er normalerweise genug: «Wir Politiker fahren viel Bahn, da hat man Zeit. Ich schaue aber auch viel Netflix», sagt Pfister. In der letzten Zeit sei er allerdings weder zum Viel- noch zum Genaulesen gekommen. «Ich frag jetzt nicht, warum, weil wir ja abgemacht haben, dass wir nicht über das Warum sprechen», sagt die Moderatorin vielsagend.
Sorgen um die Demokratie
«Schauen Sie Fernsehen, dann wissen Sie es», antwortet Pfister knapp. Der Grund für Pfisters begrenzte Lesezeit war nicht eine spannende Netflix-Serie. Die Mitte rang um ein Bundesratsticket für die Nachfolge von Verteidigungsministerin Viola Amherd. Nun sind zwei Namen notiert, Pfister hat im Zug wieder Zeit zum Lesen. Und fühlt sich sichtlich wohl im Kritikersessel.
«Spannung, Spannung, Spannung», so fasst Pfister Joël Dickers neuen Roman «Ein ungezähmtes Tier» zusammen. Das Buch gefällt ihm. Und als Realpolitiker sieht er auch das Potenzial von Dickers Romanen: «Ein niederschwelliger, guter Zugang zur Kultur. Wer das liest, hat dann vielleicht auch einmal Lust auf etwas Komplexeres.»
Auch bei den Buchtipps am Ende der Sendung schimmert der Politiker durch. Pfister bringt nicht Belletristik mit, sondern ein Sachbuch: Volker Ullrichs «Schicksalsstunde einer Demokratie. Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik». Ullrich zeige, «dass Geschichte immer offen ist», sagt Pfister. Und dass es Menschen mit bestimmten Verantwortungen gebe, die verhindern könnten, dass aus einer Republik wie jener zu Weimar eine Diktatur werde.
«Wer sich Sorgen macht um die Demokratie heute», so Pfister, «der kann hier sehen, wie man vielleicht etwas hätte tun können, damit die Demokratie in Deutschland eben nicht im ‹Dritten Reich› aufgegangen wäre. Hochfaszinierend, sehr lehrreich und gut erzählt», so lautet sein Résumé.
Dann ist die Sendung auch schon zu Ende. Ein wilder Ort ist der «Literaturclub» des SRF wirklich nicht. Aber als Übergang in die Rente vielleicht genau richtig.