Am 4. August gedenken viele Libanesen jeweils der Opfer der Explosion im Hafen von Beirut vor vier Jahren. Damals waren Hunderte ums Leben gekommen. Jetzt droht der Stadt allerdings noch Schlimmeres.
Wie jedes Jahr am 4. August ist Elias Malouf von Zahle, seiner Heimatstadt in der Bekaa-Ebene, quer über die Berge nach Beirut gefahren. Jetzt steht er in der glühenden Nachmittagssonne im Zentrum der libanesischen Hauptstadt und hält ein gerahmtes Porträt seines Sohnes Georges in den Händen.
«Er war beim Militär, genauso wie ich», erzählt der 64-jährige pensionierte Soldat mit der randlosen Brille über den freundlichen jungen Mann auf dem Foto. «Er arbeitete im Hafen und wollte heiraten. Aber dann kam der 4. August 2020.»
Damals, vor genau vier Jahren, explodierten im Hafen von Beirut Hunderte Tonnen schlecht gelagertes Ammoniumnitrat. Die gewaltige Explosion beschädigte weite Teile der Stadt, verletzte Tausende und tötete über 200 Menschen – unter ihnen Maloufs Sohn Georges. «Er war damals genauso alt wie Jesus einst bei der Kreuzigung», sagt sein Vater.
Keine gute Zeit für Gerechtigkeit
Zur Rechenschaft gezogen wurde im korrupten Libanon bis heute niemand. Seither versammeln sich die Angehörigen der Opfer immer am 4. August zu einer Mahnwache. Im Gegensatz zu den vorherigen Jahren sind diesmal nur wenige hundert Teilnehmer gekommen. Sie stehen in Gruppen auf dem Märtyrerplatz und halten die Bilder ihrer Liebsten hoch, die sie verloren haben.
«Wir wollen endlich Gerechtigkeit, damit unsere Wunden heilen können», sagt Malouf. Doch offene Wunden verheilen in Beirut zurzeit nur schlecht. Ganz im Gegenteil, bald könnten sogar neue aufgerissen werden. Denn über der libanesischen Hauptstadt hängt das Damoklesschwert des Krieges.
Erst vor ein paar Tagen hat die israelische Armee hier Fuad Shukr getötet – einen hohen Kommandanten des Hizbullah. Die mit Iran verbündete Schiitenmiliz, die im Oktober zur Unterstützung der Hamas einen Grenzkrieg mit Israel vom Zaun gebrochen hat – und dabei jüngst auf den Golanhöhen mutmasslich 12 Kinder getötet haben soll –, droht deshalb mit blutiger Rache.
Weil fast zeitgleich auch noch der Hamas-Chef Ismail Haniya in Teheran Opfer eines Anschlages wurde, fürchten viele Libanesen nun, dass der bisher begrenzte Schlagabtausch in einen grossen Krieg münden und Beirut in einem Feuersturm versinken könnte. «Es sind Verbrecher, die uns in den Abgrund reissen», sagt Malouf. «Aber wir können nichts dagegen tun.»
Eine Mischung aus Anspannung und beginnender Panik
Beirut hat in den letzten Jahren immer wieder schwere Zeiten durchgemacht. Neben der Explosion im Hafen setzten eine katastrophale Wirtschaftskrise, ein gescheiterter Volksaufstand und die Corona-Pandemie der geschundenen Stadt zu. Es ist, als wäre der Ort verflucht: Jedes Mal, wenn er sich von einem Nackenschlag erholt, folgt sogleich der nächste.
Die Beiruter trugen das bisher zumindest nach aussen hin mit stoischer Gelassenheit. Aber jetzt scheint das Mass voll zu sein. Über der Stadt hängt eine Mischung aus extremer Anspannung und beginnender Panik. Ausländische Botschaften fordern ihre Staatsbürger auf, sofort das Land zu verlassen. Immer wieder machen unbestätigte Gerüchte über bevorstehende Evakuierungen die Runde.
Am Flughafen versuchen inzwischen auch viele Libanesen auf einen der wenigen verbliebenen Flüge zu gelangen, die nicht gestrichen wurden. Und wie überall, wo Krieg droht, tauchen auch in Beirut jene dubiosen amerikanischen Sicherheitsfirmen auf, die damit werben, jeden, der wolle, notfalls sogar unter Beschuss sicher ausser Landes zu bringen.
Diejenigen, die bleiben, versuchen den Stress irgendwie zu verdrängen. Sie fahren in die Berge und an den Strand, wo alles friedlich scheint wie immer. Oder sie feiern rauschende Partys und bestellen in den Bars von Beirut einen Drink nach dem anderen, als liesse sich der drohende Horror zumindest kurzzeitig einfach wegtrinken.
Über Krieg und Frieden entscheidet nur der Hizbullah
Ein paar Kilometer entfernt dröhnen zeitgleich die Kriegstrommeln. Denn am Donnerstag, nur drei Tage vor der Veranstaltung für die Hafenopfer, gedenkt auch der Hizbullah seiner Toten. In einer riesigen Halle in der Schiitenvorstadt Dahiye im Süden Beiruts stehen Männer in Kampfanzügen Spalier, während der Sarg des bei dem israelischen Angriff getöteten Fuad Shukr hereingetragen wird.
Angst vor einem Krieg ist hier kaum zu spüren. Ganz im Gegenteil: Das Publikum scheint sich an den Rachephantasien regelrecht zu berauschen. Als Hassan Nasrallah, der Chef der Miliz, in einer Rede Vergeltung ankündigt, springen Hunderte schwarzgekleidete Männer von ihren Sitzen auf und rufen: «Sayed, wir folgen dir!»
Der Hizbullah hat in Libanon längst mehr als nur einen Parallelstaat errichtet. Er beherrscht das Land inzwischen vollkommen und lässt selbst die offizielle Beiruter Regierung über seine Absichten im Dunkeln. Ausgerechnet jene Truppe, die von vielen Libanesen auch für die Explosion im Hafen mitverantwortlich gemacht wird, entscheidet jetzt über Krieg und Frieden.
Später, als der Sarg von Shukr durch die Strassen von Dahiye zum Friedhof getragen wird, drängen Hunderte heran, um ihn zu berühren. Frauen werfen Reis von den Balkonen. Dann gibt es plötzlich ein Gerangel: Ein Kämpfer in Tarnuniform ist inmitten der Hysterie ohnmächtig geworden. Seine Kameraden tragen ihn weg und schütten ihm Wasser ins Gesicht.
Die Tänzerinnen sind der Stolz Libanons
Shukrs Beerdigung ist aber nicht die einzige grosse Veranstaltung an diesem Tag. Am Donnerstagabend treten auch die Mayyas in Beirut auf. Die Frauentanzgruppe hat vor zwei Jahren in Los Angeles die berühmte Castingshow «America’s Got Talent» gewonnen. Seither sind die Tänzerinnen der Stolz Libanons.
Mit ihren bildgewaltigen Choreografien stehen sie für ein Land, das mehr sein will als nur ein gescheiterter Staat, der dauernd Horrornachrichten produziert. «Die, die Krieg führen, machen keine Pause», sagt der Mayyas-Choreograf Nadim Cherfan kurz vor der Show zu Lokaljournalisten. «Warum sollen wir es dann tun?»
Nun warten rund achttausend Zuschauer auf extra errichteten Stahlrohrtribünen darauf, dass die Mayyas zum ersten Mal seit ihrem grossen Triumph in Libanon zu sehen sind. In jeder anderen Stadt der Welt wäre so eine Veranstaltung unter den gegebenen Umständen wohl abgesagt worden. In Beirut nicht.
Auf der Bühne geht es dann immer wieder um Beirut, diese verwundete Stadt. Sie wird von einer jungen Tänzerin in einem schlichten Kleid verkörpert. Am Ende tanzt sie gemeinsam mit dem Rest des Ensembles vor einer Videoleinwand, auf der ein gewaltiger Feuervogel zu sehen ist. Es ist der Phoenix, jene unsterbliche Kreatur aus der griechischen Mythologie, die sich aus der Asche in die Lüfte erhebt.
«Beirut erhebt sich nicht aus der Asche»
Nach der Explosion im Hafen war das Bild des Phoenix immer wieder bemüht worden, um Beiruts Überlebenswillen zu symbolisieren. Vier Jahre später, angesichts des drohenden Krieges, können viele Libanesen damit nichts mehr anfangen. «Beirut erhebt sich nicht aus der Asche», sagt Malouf, der ehemalige Soldat, der seinen Sohn bei der Explosion verloren hat. «Beirut bleibt Asche.»
Inzwischen sind weitere Leute auf dem Märtyrerplatz eingetroffen. Kurz darauf setzt sich der Zug in Bewegung, in Richtung Hafen, wo die Katastrophe vor vier Jahren stattgefunden hat. Frauen und Männer, Junge und Alte halten Bilder der Opfer empor, deren Tod bis heute nicht gesühnt wurde. Es ist ein Marsch der Würde und der Trauer – aber auch der Machtlosigkeit.









