Die vom US-Präsidenten verhängten Zölle und sein Sparkurs drohen die Weltwirtschaft in eine Rezession zu stürzen. Direkt betroffenen Unternehmen drohen Kursverluste. Anleger sollten auf Werte setzen, denen der Handelskrieg wenig anhaben kann. The Market stellt drei Kategorien vor.
US-Präsident Donald Trump hat am Mittwochabend einen Basiszoll von 10% auf alle Importe in die USA verkündet, gültig ab Samstag, den 5. April 2025. Für Importe aus der Europäischen Union gilt ein Zollsatz von 20%, für China 34% und für Japan 24%. Auf Importe aus der Schweiz fallen 31% an.
«Wenn Donald Trump Zölle von 20% oder mehr gegen die Europäische Union und andere grosse Wirtschaftsräume lange aufrechterhält, könnte das die Weltwirtschaft in die Rezession stürzen», sagt Ariel Bezalel, Manager des Jupiter Dynamic Bond Fund. Das würde stark fallende Aktienkurse bedeuten. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen könnte dann wieder auf 1,5 oder 2% sinken, von zuletzt knapp 2,7%, prognostiziert der Londoner Fondsmanager.
«Zölle sind wie Steuern. Sie schaden Konsumenten und Unternehmen», konstatiert Bezalel. Derzeit wachse die globale Geldmenge kaum, was die Kaufkraft der Konsumenten ohnehin schwäche. Es werde daher sehr schwierig für Unternehmen, höhere Preise durchzusetzen, um die Belastung durch die Zölle weiterzugeben.
Zur Belastung durch die Zölle kommt der Sparkurs der US-Regierung. Sie will das Haushaltsdefizit auf 3% des Bruttoinlandprodukts halbieren. Das sei aufgrund der bereits hohen Staatsverschuldung durchaus nötig, sagt Bezalel. «Das Problem ist, dass die US-Wirtschaft deshalb leidet, als hätte sie einen schweren Kater nach einer Party.» Finanzmarktveteran Jens Ehrhardt von DJE Kapital warnte in seiner jüngsten Kolumne für The Market ebenfalls, dass Trumps Zölle und der Sparkurs eine Rezession verursachen könnten.
Weltweit müssen die Anleger damit umgehen, dass Trump von der positiven Wirkung hoher Zölle für die US-Wirtschaft überzeugt ist. «Der US-Präsident ist ein echter Merkantilist und glaubt nicht an die Vorhersagen, wie schlimm das hier werden kann», sagte Chefökonom Michael Strain vom konservativen American Enterprise Institute gegenüber dem «Wall Street Journal». «Er muss seine Hand auf die heisse Herdplatte legen, bis er es nicht mehr erträgt. Die Frage ist, wie lange das dauern wird.» Auch Mario Papic, Chefstratege von BCA Research, prognostiziert im Interview mit The Market eine Abkehr Trumps von seiner Zollpolitik binnen sechs oder zwölf Monaten. Doch auch das würde einen ausgedehnten Handelsstreit bedeuten, mit unsicherem Ende.
Die Masse der Investoren agierte bis kurz vor Trumps jüngsten Ankündigungen noch allzu sorglos, was die Folgen des neuen US-Protektionismus anbelangt, besonders mit Bezug auf Europa. Zwar hatten sich besonders durch Zölle gefährdete europäische Aktien per Ende März 9% schwächer entwickelt als der Gesamtmarkt. Die Underperformance gefährdeter US-Titel war jedoch fast doppelt so hoch (17%). Zollsensiblen europäischen Aktien drohen weitere Kursverluste, warnt UBS-Stratege Gerry Fowler.
Zollsensible europäische Aktien könnten noch tiefer fallen
In den USA sind die Analystenprognosen bereits gesunken, besonders für die vermutlich stärker von Zöllen betroffenen Sektoren wie langfristige Konsumgüter, Einzelhandel und Automobilbau, schätzt UBS-Analyst Fowler. In Europa dagegen kletterten die Analystenprognosen zuletzt sogar. Nicht einmal in den am stärksten exponierten Branchen Automobilbau, Pharma und Luxusgüter ging die Gewinnerwartung insgesamt zurück. Die Prognosen seien vermutlich zu hoch, warnt Fowler.
Es ist daher zu früh, nach Schnäppchen bei Titeln zu suchen, die wegen der neuen Zölle bereits zu stark abgestraft wurden. Eher sollten Anleger stark gefährdete Aktien meiden.
Zollfrei anlegen, lautet die Strategie der Stunde, um wenigstens die direkten Auswirkungen auf besonders exponierte Unternehmen zu vermeiden. The Market stellt kaufenswerte Aktien vor, die nicht direkt von US-Zöllen bedroht sind. Darunter sind Titel, die wir in den vergangenen Wochen und Monaten empfohlen haben und weiterhin für aussichtsreich halten.
Die gegen US-Zölle abgesicherten Unternehmen werden in drei Kategorien eingeteilt. Diejenigen, die kaum Geschäft in den USA betreiben. Solche, die in den USA für den lokalen Markt produzieren. Und schliesslich Dienstleister, deren Tätigkeit nicht in den Zielbereich des neuen US-Protektionismus fällt.
Wer in nur einer Wirtschaftsregion tätig ist, den lassen die direkten Auswirkungen von Zöllen unberührt. Das deutsche Immobilienportal Scout24 ist Marktführer auf dem Heimatmarkt und ausserdem noch in Österreich tätig. Handelsschranken muss es daher nicht fürchten. Der kräftige Anstieg der Zinsen seit der deutschen Finanzwende könnte die Finanzierung von Immobilienkäufen erschweren, Scout24 vermittelt jedoch auch Mietwohnungen, die gefragt bleiben dürften. Die Geschäftsführung bekräftigte am 27. März bei Vorlage der finalen Jahreszahlen die Prognose für das Umsatzwachstum von 12 bis 14% für 2025, bei einer um bis zu 0,5 Prozentpunkte steigenden Betriebsgewinnmarge auf Stufe Ebitda. 2024 betrug die Ebitda-Marge aus gewöhnlicher Geschäftstätigkeit 61,5%.
Das grösste Risiko für Scout24 besteht darin, dass Plattformbetreiber aus anderen Ländern auf den deutschen Markt vordringen und einen Preiskampf um Marktanteile anzetteln könnten. So, wie es der US-Konzern CoStar derzeit in Grossbritannien vormacht und Marktführer Rightmove unter Druck setzt. «Es ist noch nicht bewiesen, dass die Strategie bei CoStar funktioniert und gut ausgeht für ihre Aktionäre», sagte der Ende Februar ausgeschiedene Scout24-CEO Tobias Hartmann in der Fragerunde zur Bilanzpressekonferenz am 26. Februar.
Auch könnte das Management um den neuen CEO Ralf Weitz sich genötigt sehen, seinerseits eine teure Auslandexpansion zu wagen, um im Vergleich mit in mehreren Ländern tätigen Rivalen wie CoStar und der australischen REA nicht ins Hintertreffen zu geraten. Wenn in Frankreich eine Immobilienplattform auf den Markt komme, «wäre es unsere Pflicht, das anzusehen», sagte Hartmann.
Finanzchef Dirk Schmelzer stellte jedoch klar, dass Scout24 in einem solchen Fall sehr auf die angemessen Bewertung des Kaufobjekts achten würde. Trotz dieser Risiken durch eine zunehmende Internationalisierung des Geschäfts hält The Market Scout 24 für attraktiv.
Keinerlei US-Geschäft betreibt auch der Wind- und Solarparkentwickler PNE. Er hat 2024 ausreichend lange vor dem Wahlsieg Trumps sein Nordamerikageschäft verkauft. The Market hat den Spezialisten für erneuerbare Energie aus Cuxhaven vor einem Jahr empfohlen, als die Aktien bei 13 € standen. Zuletzt waren sie für gut 14 € zu haben.
PNE profitiert vom steigenden Strombedarf in vielen Ländern sowie von der Elektrifizierung der Wirtschaft und des Verkehrs. Ein Hindernis waren Meinungsverschiedenheiten zwischen der Unternehmensführung und dem grössten Aktionär, dem Infrastrukturfonds Morgan Stanley Investment Management. Der langjährige CEO Markus Lesser verliess im Juli 2024 vor Ablauf seines Vertrags das Unternehmen. Dem Vernehmen nach hätte er gerne mehr investiert, doch Kapitalerhöhungen würden den Grossaktionär verwässern oder zu weiteren Aktienkäufen nötigen.
Nun kündigt sich ein Eigentümerwechsel an: Der Fonds hat Goldman Sachs beauftragt, in der Private-Equity-Branche das Interesse am Aktienpaket im Wert von mehr als 500 Mio. € zu erkunden, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am 27. März mit Verweis auf zwei mit den Plänen vertraute Insider. PNE könne im Herbst einen neuen Mehrheitseigentümer bekommen, hiess es weiter. Der neue CEO Heiko Wuttke hat bei der Bilanzvorlage am 27. März für 2025 eine Steigerung des Ebitda auf 70 bis 110 Mio. € angekündigt, nach 69 Mio. € 2024.
Flexibilität bei der Finanzierung bringt die Möglichkeit, fertiggestellte Wind- oder Solarparks zu verkaufen, statt sie in den eigenen Bestand zu übernehmen. Für das eigene Portfolio hat Wuttke die Ziele bereits etwas gesenkt. PNE plant bis Ende 2027 ein Eigenbetriebsportfolio aus Windparks und PV-Anlagen mit einer Gesamtleistung von etwa 1,1 Gigawatt, hält perspektivisch aber am vorigen Ziel von 1,5 Gigawatt fest. Zudem strebt sie bis 2027 einen Ebitda in Höhe von 140 Mio. € an, eine Verdopplung zum Wert von 2024. Gemessen an den Schätzungen für 2027 beträgt das Verhältnis von Unternehmenswert zu Ebitda 14, das Kurs-Gewinn-Verhältnis 26 (im Vergleich zu 21 und 68 anhand des Durchschnitts des geschätzten Gewinns für 2025 und 2026).
Ein aussichtsreiches Schweizer Unternehmen, dem US-Zölle wenig anhaben können, ist Aryzta. Der Grossbäcker erzielte 2024 nur 11% des Umsatzes ausserhalb Europas, und dies im Nahen Osten, in Asien sowie in Australien. Das Nordamerikageschäft hat er 2021 verkauft. Die Titel sind unter den elf Favoriten von The Market für 2025.
Der Schweizer Sanitärtechnikhersteller Geberit erwirtschaftet nur gut 3% des Umsatzes auf dem amerikanischen Kontinent. The Market hat die Aktien erst Ende März empfohlen. Nicht in den USA aktiv, sondern nur in wenigen europäischen Märkten ist auch der Versicherer Baloise, den The Market weiterhin als Kauf einschätzt.
Ebenfalls kaum in den Vereinigten Staaten exponiert sind Rheinmetall und Hensoldt (4 und 2% US-Umsatzanteil). Allerdings müssen Anleger nach dem rasanten Kurs- und Bewertungsanstieg genau beobachten, ob es Anzeichen für einen Bruch des noch immer starken Kursmomentums gibt. Der Kurs-Chart von Rheinmetall legt nahe, dass die Gefahr von Rückschlägen besteht, trotz des auch langfristig starken Trends zur Wiederaufrüstung Europas. Solche Kursrücksetzer könnten Einstiegschancen bieten.
Der weltgrösste Nahrungsmittelkonzern Nestlé ist ein Beispiel für die zweite Kategorie geschützter Unternehmen. «Wir produzieren dort, wo wir verkaufen», sagte CEO Laurent Freixe am Rande der Bilanzpressekonferenz am 13. Februar. «90% von dem, was wir in den USA verkaufen, werden in den USA hergestellt und sind somit immun gegen Zölle.» Das Geschäft ist wenig konjunktursensitiv. Seit Jahresanfang zeigt sich bereits, dass gerade solche Aktien in unsicheren Zeiten von den Anlegern zunehmend präferiert werden.
Ein Geschäft mit weitgehend lokaler Wertschöpfung ist auch der Bau von grossen Produktionsanlagen. Beim deutschen Anlagenbauer Gea werden 93% des US-Umsatzes lokal erstellt. Die Kunden stammen aus den weniger konjunktursensiblen Branchen wie Nahrungsmittel, Getränke und Pharma. Seit der Empfehlung von The Market Ende Oktober ist der Aktienkurs von rund 46 auf fast 56 € gestiegen. Das KGV von 20 (Gewinn geschätzt für 2025) ist angesichts des erwarteten Gewinnwachstums von mehr als 8% pro Jahr bis 2028 und der auskömmlichen Ebitda-Marge von 15 vertretbar.
Der österreichische Anlagenbauer Andritz ist wie Gea kaum negativ von Handelsschranken betroffen. The Market hält die Titel weiterhin für attraktiv.
Das Ziel von Trumps Zollpolitik ist es, Industriearbeitsplätze in den USA zu schaffen. An Dienstleistern zeigt der US-Präsident bislang kaum Interesse. Alle Produkte, die er nicht anfassen kann, scheinen daher vorerst relativ sicher vor seinem Zollfuror.
In Deutschland gilt das zum Beispiel für den Konzertveranstalter und Ticketplattformbetreiber CTS Eventim. Seit The Market die Aktien Ende Mai 2024 empfohlen hat, ist der Kurs von gut 80 auf rund 95 € geklettert. Das KGV von 26 (Gewinn geschätzt für 2025) liegt deutlich unter dem Zehnjahresschnitt von 34. Das Management hat erst Ende März ein Wachstum zwischen 5 und 15% bei Umsatz und Ebit für 2025 avisiert. Auch der Hauptrivale Live Nation aus den USA berichtete kürzlich von einer ungebrochen starken Nachfrage nach Tickets für Klubkonzerte, Festivals und Theatervorstellungen.
Ausserhalb des Radius von Trumps Zollpolitik steht auch die Deutsche Börse. Da der Handelsplatzbetreiber von Turbulenzen am Finanzmarkt profitiert, weil die Handelsvolumen steigen, ist das Geschäft besonders krisenfest.
Für den Versicherer Talanx sind die USA der grösste Einzelmarkt, gemessen am Anteil des Versicherungsumsatzes von 2024 (24%). Zölle drohen gleichwohl nicht. Der Konzern, der 50,2% am Rückversicherer Hannover Rück hält, will den Jahresüberschuss bis 2027 um 30% auf 2,5 Mrd. € steigern. Die Dynamik kommt vor allem aus der Expansion in Lateinamerika. Schon vor dem jüngsten Zinsanstieg half das höhere Renditeniveau am Finanzmarkt: Das Kapitalanlageergebnis wuchs 88% auf 368 Mio. € (Rendite 2024: 2,6%, nach 1,6% für 2023).
Sollten sich die globalen Lieferketten neu ordnen, zählt der Schweizer Prüfkonzern SGS zu den potenziellen Gewinnern. «Zölle sind ein Nachfragetreiber», sagt Marc Strub, Fondsmanager bei Reichmuth & Co. «Sie führen oft zu Produktionsverlagerungen, zusätzlichen Prüfpflichten oder neuen regulatorischen Anforderungen.»
Handelsbarrieren erhöhen den Bedarf an Konformitätsprüfungen, Herkunftsnachweisen und Materialanalysen – genau hier bietet SGS umfassende Services wie Inspektionen, Zertifizierungen und Laborprüfungen. Dank der globalen Präsenz kann sie zudem schnell und lokal auf neue Vorgaben reagieren – ein klarer Vorteil gegenüber weniger breit aufgestellten Wettbewerbern. Den Warenprüfkonzern SGS hatte The Market im Februar empfohlen.