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Startseite » Ein Schweizer Literaturpreis gerät zwischen die Fronten des Ukraine-Krieges
Feuilleton

Ein Schweizer Literaturpreis gerät zwischen die Fronten des Ukraine-Krieges

MitarbeiterBy MitarbeiterJuni 11, 2025
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Ein Schweizer Literaturpreis gerät zwischen die Fronten des Ukraine-Krieges

Gutes zu tun, gehört zum Schwierigsten. Das müssen ausgerechnet die Begründer einer literarischen Auszeichnung für russischsprachige Autoren erfahren.

Vor etwas mehr als einem Jahr hat der in der Schweiz lebende russische Schriftsteller Michail Schischkin zusammen mit Schweizer Slawisten den Literaturpreis Dar gegründet. Er sollte dazu dienen, russischsprachige Autoren zu fördern, unabhängig von Wohnort und Staatsangehörigkeit, wie es auf der Website des Preises heisst. Mit der Auszeichnung solle eine neue Kultur geschaffen werden, die der Welt zeigen könne, dass Russland nicht nur von Putin und seinen Getreuen vertreten werde. Der Preis unterstützt darum ganz explizit die Übersetzung der von einer Jury beurteilten Werke.

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Das klingt gut und vernünftig. Und im Mai wurde die erste Preisträgerin der Auszeichnung bekanntgegeben. Doch nun hat sich das Blatt schlagartig gewendet. Was sich als Absicht schön und hehr anhörte, macht nun den Anschein eines Debakels. Wie die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» («FAS») an Pfingsten berichtete, hat die Preisträgerin Maria Galina die Entgegennahme des Preises abgelehnt. Und schlimmer noch: Auf der Shortlist befand sich mit Denis Besnossow ein Autor, dem von der russischen Dichterin Galina Rymbu vorgeworfen wird, Verbindungen zum «Genozid und zur Entführung ukrainischer Kinder» zu haben.

Jeder ist verantwortlich

Schaut man genauer hin, sehen die Dinge etwas komplizierter aus. Besnossow war bis zu seiner Emigration im Herbst 2022 Vizedirektor der Russischen Staatlichen Kinderbibliothek. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er in dieser Funktion entfernt mit der Indoktrinierung entführter ukrainischer Kinder in Berührung gekommen ist. Belastbare Indizien für eine Beteiligung indessen wurden bisher nicht beigebracht. Er selber hält sich für unschuldig, wie er der «FAS» versicherte, auch wenn er festhält, dass die Verantwortung bei jedem selbst liege, da jeder direkt oder indirekt Teil des Systems sei.

Michail Schischkin hält auf der Website des Literaturpreises fest, dass die Schuldigen dieses Verbrechens bestraft werden müssten. Doch die Ermittlungen führe der ukrainische Staat, nicht die Preisjury. Anders und nicht weniger kompliziert liegen die Dinge im Falle der Preisträgerin Maria Galina. Die in Odessa lebende russische Autorin hatte sich mit ihrem Buch «Neben dem Krieg. Odessa» für den Preis beworben. Umso überraschender ihre Ablehnung, die sie mit dem Hinweis begründete, sie wolle nicht die Sprache des Aggressorlandes unterstützen.

Schischkin bedauert die Entscheidung, wenn er sie auch versteht. Ohnehin hat sich für ihn die Zielsetzung des Preises längst erfüllt, obgleich er nicht vergeben werden konnte. Die Gewinnerin wie auch die Kandidaten auf der Shortlist erhielten Medienaufmerksamkeit und konnten wichtige Kontakte zu Verlagen im Westen knüpfen. Der Preis werde fortgeführt, Jury und Sponsoren machten weiter, teilt Schischkin auf Anfrage mit.

Mit der Blamage ist schon viel gewonnen

Dem Preis konnte im Jahr seiner ersten Verleihung eigentlich nichts Besseres passieren als dieses vermeintlich ernüchternde Ergebnis. Denn in Wahrheit spiegelt sich sowohl im Rückzug der Preisträgerin wie auch in den Anschuldigungen gegenüber Besnossow nichts anderes als die desolate Lage, in der sich alle regimekritischen Autoren Russlands befinden, gleichgültig, ob sie sich ganz, halb oder spät erst von Putin distanziert haben.

Was immer sie zuvor und seither gemacht haben: Es wird sich kaum einer finden, dem nicht – sei es mit schwachen Indizien, sei es mit übler Nachrede – irgendeine noch so entfernte Verantwortung für irgendwelche Vergehen vorgeworfen werden könnte. Und wer den Preis annimmt, wird dann erst recht Stärke beweisen müssen, denn er muss mit Repressalien rechnen. Das gilt umso mehr für Autoren wie Maria Galina, die im näheren Einzugsgebiet Russlands leben.

Heisst das, der Preis soll besser eingestellt werden? Im Gegenteil. Er muss weiterhin verliehen werden. Denn selbst wenn sich die Jury damit auch in Zukunft blamieren sollte, so ist ausnahmsweise damit schon viel gewonnen.

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