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Startseite » Mit der Affäre am Coldplay-Konzert: wenn aus einer privaten Angelegenheit eine digitale Hinrichtung wird
Feuilleton

Mit der Affäre am Coldplay-Konzert: wenn aus einer privaten Angelegenheit eine digitale Hinrichtung wird

MitarbeiterBy MitarbeiterJuli 22, 2025
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Mit der Affäre am Coldplay-Konzert: wenn aus einer privaten Angelegenheit eine digitale Hinrichtung wird

Die ganze Welt verspottet ein fremdgehendes Liebespaar, das durch Zufall auf dem Grossbildschirm landete und aufflog. Die Häme im Netz erreicht eine neue Dimension.

Es dürfte nicht das erste heimliche Liebespaar gewesen sein, das zusammen ein Konzert besucht, sich verträumt der Musik hingibt, sich in der Menschenmenge an der Hand hält, sich innig umarmt, sorglos küsst. Und dabei jede Vorsicht vergisst, weil es nicht damit rechnet, dass die Affäre von irgendjemandem mitgeschnitten wird.

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Genau dies ist den zwei Angestellten eines amerikanischen Softwareunternehmens passiert: Er ist dort der CEO, sie die Personalchefin. Dies alles weiss man nur, weil am Konzert der Band Coldplay in Boston zufällig eine Kamera, eine sogenannte Kiss-Cam, auf das Paar schwenkte und es auf dem Grossbildschirm zeigte. Weil das an Konzerten inzwischen so üblich ist, waren auch viele Handy-Kameras angestellt. Sie haben den Moment auf Video festgehalten.

So konnte das Publikum im Sportstadion mit ansehen, wie sich ein Paar, das es offiziell nicht gibt, selber verrät. Überlebensgross ist ein grau melierter Mann zu sehen, der von hinten eine blonde Frau umarmt, beide wiegen sich. Versonnenes Lächeln, leuchtende Gesichter. Als sie sich auf der Leinwand erkennen, schlägt sie entsetzt die Hände vors Gesicht und dreht sich weg. Er geht in die Knie, versucht abzutauchen.

Der Coldplay-Sänger Chris Martin bekam die Szene mit und kommentierte: «Entweder haben sie eine Affäre, oder sie sind sehr schüchtern.» Er lag richtig: Beide sind offenbar verheiratet – mit einem anderen Partner, einer anderen Partnerin. Der CEO soll zwei Kinder haben.

Ohne Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte

Dies alles geht niemanden etwas an. Man mag das Fremdgehen moralisch verwerflich finden. Dennoch ist es die private Angelegenheit des Paars, das nach dem maximal peinlichen Auffliegen der Affäre nun auch die Konsequenzen zu tragen hat. Und mit ihnen ihre unbeteiligten Partner.

Doch Privatsphäre hin oder her, bald war das Video einer Konzertbesucherin online und ging viral. Damit konnte die Hetzjagd beginnen. Die beiden Überführten wurden identifiziert, und bald kursierten ihre Namen und der Name des Unternehmens, als gebe es keine Persönlichkeitsrechte.

Im Netz ergoss sich Häme über sie, die noch dadurch intensiviert wurde, dass es sich bei dem Mann um den Geschäftsführer einer hoch bewerteten Firma im Milliardenbereich handelt, also einen Mächtigen. Und sie, zwar ebenfalls in leitender Position, ihm unterstellt ist.

Die Freude über des anderen Unglück

Wie blöd kann man sein!, so lauten Tausende von Kommentaren: Eine Affäre hält man doch in den vier Wänden eines Hotelzimmers geheim. Man geht damit nicht an ein Konzert mit 60 000 Menschen, wo einem jederzeit ein Arbeitskollege oder der Nachbar begegnen könnte.

Das Sich-Ergötzen an den Fehltritten anderer mag menschlich sein, aber in diesem Fall ist eine neue Dimension erreicht. Gierig stürzen sich die User, aber auch Boulevard-Medien auf den «Skandal». Sie bringen familiäre Details in Erfahrung, recherchieren die Personen, die am Konzert neben dem Paar standen, gleichen mit entsprechender Software ihre Gesichter ab, um ihnen eine Rolle bei der ganzen Affäre zuzuteilen.

So wurde eine Frau, die am Konzert neben dem Liebespaar zu sehen ist, ebenfalls als Mitarbeiterin der Firma identifiziert. Mit Name, aber fälschlicherweise. Auch sie wurde beschimpft und verhöhnt, dass sie für ein solch verkommenes Unternehmen arbeite. Wie sie denn zu ihrem Job gekommen sei, wurde süffisant gefragt.

Die «Bild»-Zeitung rechnete aus, wie viele Millionen der CEO bei einer Scheidung seiner Frau zahlen müsste. Diese hat angeblich schon alles in die Wege geleitet und ihren Namen in den sozialen Netzwerken abgeändert, wie man in weiteren Artikeln erfährt.

Das Arbeitsrecht und die Liebe

Neben der Vernichtung als Privatmensch ist auch der berufliche Preis hoch, den die Fremdgänger zahlen. Der CEO ist inzwischen zurückgetreten. In einem Statement des Unternehmens heisst es: «Unsere Führungskräfte müssen Vorbilder sein. Dieser Anspruch wurde nicht eingehalten.»

Wenn die Affäre also jemanden zu interessieren hat, dann aus arbeitsrechtlichen Gründen den Arbeitgeber. In vielen amerikanischen Firmen sind Liebesbeziehungen am Arbeitsplatz verboten. Umso mehr, wenn es sich dabei um ein Machtverhältnis handelt: Als HR-Chefin könnte sie ihm ihre Stelle verdanken. Das wäre auch in der Schweiz ein Problem. Hier wird jedoch toleriert, wenn sich Arbeitskollegen auf gleicher Stufe oder aus unterschiedlichen Abteilungen ineinander verlieben, solange dies ihre Leistung nicht beeinträchtigt.

Denn Tatsache ist, dass der Arbeitsplatz noch immer zu den wichtigsten Partnerbörsen gehört. Nirgendwo sonst verbringt man so viel Zeit miteinander. Die Liebe hält sich nicht an das Arbeitsrecht.

Grosse Heuchelei

Das entschuldigt noch nicht seine Missachtung. Aber viele, die jetzt so erbarmungslos über den Fehler der beiden Regelbrecher richten, müssten einmal in sich gehen und sich fragen, ob sie sich immer korrekt verhalten haben. Wie es für sie wäre, wenn in satirischen Memes und mit KI-generierten Videos die erschreckte Reaktion der Ertappten nachgeahmt würde. Man mag das lustig finden. Letztlich zeugt es von Heuchelei.

Auch der Coldplay-Sänger Chris Martin witzelte beim nächsten Konzert noch einmal über den Vorfall, bevor die Kiss-Cam ins Publikum schwenkte: «Wenn ihr euch noch nicht geschminkt habt, macht das jetzt.» Liam Gallagher von Oasis spielte darauf an bei einem Konzert in Manchester: Turteltauben im Saal müssten nichts befürchten, sagte er, bei ihnen gebe es keinen «hinterhältigen Coldplay-Kamera-Scheiss». Sollten die Konzertbesucher Affären haben – «das geht uns nichts an».

Die Konzertbesucherin, die den Moment auf der Kiss-Cam gefilmt und online gestellt hat, bereut dies inzwischen ebenfalls, wie sie in einem Interview sagte. Es plagten sie Schuldgefühle.

Nun erheben sich sogar Stimmen, die die Reaktion der Ertappten loben. So schreibt eine Autorin in der «New York Times»: In der Ära Trump und einer Zeit der Schamlosigkeit zeuge der Wunsch, im Boden zu versinken, immerhin von einem Schamgefühl.

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