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Startseite » Als Tokio Hotel den Emo-Sound cool machte
Feuilleton

Als Tokio Hotel den Emo-Sound cool machte

MitarbeiterBy MitarbeiterAugust 15, 2025
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Als Tokio Hotel den Emo-Sound cool machte

Chris Pizzello / AP

Tokio Hotel löste Begeisterung und Ablehnung zugleich aus. Vor zwanzig Jahren stürmte die Band mit «Durch den Monsun» über Nacht an die Spitze der Charts. Der Song machte die vier Schüler aus Magdeburg zum grössten Jugendphänomen der 2000er Jahre.

Popkulturelle Momente zeigen deutlich, wie schnell die Zeit vergeht. Vor zwanzig Jahren begann der Hype um die Band Tokio Hotel. Am 15. August 2005 erschien ihre erste Single «Durch den Monsun». Das Lied erzählt von der Sehnsucht nach einer geliebten Person. Und von der Hoffnung, sie trotz allen Hindernissen zu erreichen.

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Die vier Musiker aus Magdeburg waren kaum älter als ihre Fans, die auf Schulhöfen und in Kinderzimmern jede Zeile mitsangen. «Ich muss durch den Monsun, hinter die Welt. Ans Ende der Zeit, bis kein Regen mehr fällt.» Ein Refrain, der sich ins kollektive Gedächtnis brannte.

Das Debütalbum «Schrei» verkaufte sich über 1,5 Millionen Mal und gilt als Meilenstein des deutschen Teenie-Pop-Rocks. Tokio Hotel machte deutschsprachigen Rock massentauglich.

Der Sänger prägte die Band

Bis zum Sommer 2005 waren sie normale Schüler, die gerne Musik machten: Der Sänger Bill Kaulitz, damals 15 Jahre alt, prägte mit androgynem Stil, Eyeliner und schwarzer Emo-Frisur das Bild der Band. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder Tom, der Gitarrist mit Lippenpiercing und Dreadlocks. Dazu kamen der Bassist Georg Listing und der Drummer Gustav Schäfer.

Ihr Debütsong veränderte alles. «Durch den Monsun» wurde innerhalb weniger Wochen von einer Spätsommer-Single zu einem landesweiten Phänomen. Die Band polarisierte. Die einen hassten sie, die anderen liebten sie. Etwas dazwischen gab es nicht.

Fans strömten zu den Konzerten und füllten die Hallen. Eingefleischte Rockfans verachteten sie, nannten sie «kommerziell» und gekünstelt. Bills Auftreten provozierte. Sein Look löste Spott und Hass aus. Tokio Hotel und ihr Management nutzten die Aufmerksamkeit geschickt. In Interviews beantworteten sie kritische Fragen direkt. Bill sagte 2007 zum Spiegel: «Es gibt Leute, die gleich sagen: Eure Musik ist scheisse. Das war schon vor Jahren mit unserer früheren Band so. Aber da ist uns über die Jahre ein dickes Fell gewachsen.»

Das Musikfernsehen steigerte den Hype um Tokio Hotel. «Durch den Monsun» lief auf MTV und Viva in Dauerschleife. Die Band gab fast täglich Interviews und trat im Fernsehen auf. Jugendzeitschriften wie «Bravo», «Yam!» und «Popcorn» lieferten die passenden Titelgeschichten. Poster schmückten Millionen Jugendzimmer in Deutschland. Tokio Hotel war überall. Und egal, wo die vier Jungs erschienen, belagerten Fans die Hotels, drängten sich die Teenager an die Absperrgitter.

Verfolgt von Fans

Tokio Hotel wurde in einer Zeit berühmt, die von Casting-Shows geprägt war. Bei «Deutschland sucht den Superstar» war gerade die zweite Staffel zu Ende gegangen. An die Siegerin Elli Erl erinnert sich heute kaum jemand mehr. Doch damals schalteten jeweils Millionen Zuschauer ein, um zuzusehen, wie Dieter Bohlen bei RTL den nächstbesten Sänger zu finden versuchte. Das Pendant «Popstars» auf Pro Sieben hatte mit den «No Angels» und «Bro’Sis» bereits erfolgreiche Bands geformt. Die Sendungen brachten Stars im Akkord hervor. Deren Songs aber waren eintönig und die Biografien austauschbar. Die Geschichte von Tokio Hotel begann anders, in den Proberäumen einer Schule in Sachsen-Anhalt.

Der Hype wuchs für die vier Teenager ins Unerträgliche. Fans verfolgten vor allem Bill und Tom auf Schritt und Tritt, drangen in ihr zu Hause ein. 2010 zogen sie sich in die USA zurück und leben seither in Los Angeles. Dort waren sie auch bekannt, aber sie hatten dennoch mehr Privatsphäre. Zudem hatte der Umzug strategische Gründe. Tokio Hotel wollte international arbeiten, englische Songs aufnehmen und Kontakte in der amerikanischen Musikszene knüpfen.

Elektro statt Emo-Sound

Mit den Jahren ebbte die Teenie-Hysterie ab. Die Medien berichteten weniger. Heute stehen die 35-jährigen Zwillinge wieder stärker im Rampenlicht. Bill veröffentlichte seine Memoiren «Career Suicide» (Ullstein-Verlag) und sass als Gast mehrfach in der Jury von «Germany’s Next Topmodel». Im vergangenen Jahr machte er seine Beziehung zu einem Mann öffentlich. Zu Beginn seiner Karriere untersagte das Management ein Coming-out. Tom heiratete 2019 das Supermodel Heidi Klum. Schon als Teenager habe er für sie geschwärmt, schrieb die «Bravo» 2007.

Musikalisch haben sie sich weiterentwickelt. Statt Emo-Sound haben sie in den vergangenen Jahren vor allem einen elektronischen Stil eingeschlagen. Die letzten Alben waren kommerziell erfolgreich, aber international weniger durchschlagend als ihre frühen Werke.

Auf Netflix lassen die Kaulitz-Zwillinge in einer eigenen Reality-Doku-Soap zudem Einblick in ihr Leben zu. Es erzählt ihre Brüdergeschichte und wie sie den Wahnsinn des Ruhms meisterten. Bill denkt gross, will alles und lebt gern verschwenderisch. Tom bremst ihn und legt Kontoauszüge auf den Tisch. Bill zeigt «alles», Tom nicht.

Das zeigt sich auch im wöchentlichen Podcast, den die beiden aufnehmen. Dort redet Bill frei, euphorisch, fast ekstatisch. Ein Beispiel aus der aktuellen Folge: «Ich liebe Vollnarkosen.» Tom bleibt ruhig und nüchtern. «Ich habe vor einer Vollnarkose immer Angst. Die Vorstellung, einfach weg zu sein und vielleicht nicht mehr zurückzukommen . . .» Bevor er den Gedanken beenden kann, fällt ihm Bill ins Wort. Und Tom erinnert Bill schliesslich daran, dass er ihn das letzte Mal im Rollstuhl aus der Zahnarztklinik schieben musste und sich Bill zwei Tage lang von der Narkose erholen musste.

Zum 20-Jahre-Jubiläum von «Durch den Monsun» spielt Tokio Hotel am Freitag eine ausverkaufte Show in Berlin. Sie bewegen noch immer Massen. Doch keines der sechs späteren konnte ihren Erstling übertreffen. Bis heute verbindet man die Band mit dem Monsun. Auch nach 20 Jahren hallt das Echo des Songs nach.

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