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Feuilleton

Auf der einen Seite demonstrierende Staatsverweigerer, auf der andern Seite übereifrige Polizisten – im Wiener «Tatort» kommt es zum grossen Remmidemmi

MitarbeiterBy MitarbeiterJuni 1, 2025
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Auf der einen Seite demonstrierende Staatsverweigerer, auf der andern Seite übereifrige Polizisten – im Wiener «Tatort» kommt es zum grossen Remmidemmi

Der neue Fall für die Ermittler Fellner und Eisner beweist, dass das öffentlichrechtliche Fernsehen zur Intelligenz fähig sein kann.

Es muss kein schlechtes Zeichen sein, wenn die Kommissarin noch am Ende eines «Tatorts» fragt: «Hinter wem sind wir eigentlich her?» Das Staatsverweigerer-Drama «Wir sind nicht zu fassen!» ist grosses Kino mit subtiler Handlung. Hier ist nichts ist, wie es scheint. Und so haben sich die Ermittler Fellner und Eisner (Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer) durch einen Fall zu kämpfen, der in jeder Hinsicht Grenzen sprengt.

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Seit Wochen marschieren Demonstranten durch Wien. Es sind Zehntausende. Aus unterschiedlichsten Gründen sind sie mit der Obrigkeit unzufrieden. Von ganz links bis ganz rechts ist alles da. Impfgegner sind dabei, Verschwörungstheoretiker und Anti-Queer-Aktivisten. Ausserdem gibt es noch ein lautstarkes Grüppchen, das behauptet, Österreich werde längst von der Polizei regiert.

Platzwunde am Hinterkopf

Während einer der Demonstrationen bricht ein junger Protestierer zusammen. Er hat eine massiv blutende Platzwunde am Hinterkopf. Bei der heillos überforderten Polizei sitzen die Schlagstöcke locker, und damit hätte man eigentlich schon einen klassischen Fall autoritärer Gewalt. Todesfolge inklusive.

Natürlich ist die Sache nicht so einfach. Sie ist auf beunruhigende Weise kompliziert. Dieser «Tatort» beweist, dass das öffentlichrechtliche Fernsehen zur Intelligenz fähig sein kann. Munter kalauernd wie schon lange nicht mehr, bewegen sich Fellner und Eisner durch diverse Milieus.

Das Opfer, der junge Jakob Volkmann (Tilman Tuppy), stammt aus gutem Haus, hat sich aber in den letzten Jahren Verschwörungstheoretikern angeschlossen. Er war Teil einer Organisation, die sich Kapo nannte, Kampfbereite ausserparlamentarische Opposition.

Der Trick dieser Staatsverächter: Sie haben keine erkennbare Führungsstruktur. Bei ihren Nachforschungen tappen die beiden Kommissare nicht allein im Dunkeln. Wie sich herausstellt, ermittelt auch der Staatsschutz gegen die Gruppe. Und der Polizeipräsident lässt sich zu einer wenig präsidialen Formulierung hinreissen: «Der Regierung geht der Arsch auf Grundeis.»

Potenzielle Parlamentsstürmer nach amerikanischem Vorbild könnten da unterwegs sein. QAnon auf Österreichisch: Eine Gruppe, die sich Libertalia nennt und in Wien vielleicht den grossen europäischen Aufstand probt. Als der geheime Ober-Kapo der Kapo ins Bild kommt, ein staatenloser ehemaliger Fremdenlegionär, sagt er den schönen Satz: «Was täte man im schönen Österreich ohne den Konjunktiv?»

Wer ist Täter, wer ist Opfer?

Der Wien-«Tatort» ist ein Spiel mit politischen Möglichkeiten. Aktuelle Fälle von gefährlich Demokratiemüden nimmt er auf und rechnet das grosse Ganze dann wieder auf das Individuelle herunter. Der Drehbuchautor und Regisseur Rupert Henning hat die Figuren fein gezeichnet und nicht nach üblicher Fernsehmachart karikaturhaft übertrieben.

Da ist die junge, grün-linke Kampfmutter. Da sind Eltern, die den Aktivismus ihrer Kinder mimisch glaubwürdig verdammen. Da sind übereifrige Polizisten, für die jeder Demonstrant ein Feind ist. Die Kriminalassistentin Meret Schande (Christina Scherrer) darf diesmal über sich hinauswachsen und gerät nicht nur körperlich in Gefahr, sondern auch in ein Feld neuer Unübersichtlichkeit. Wer ist Täter, wer ist Opfer? Wer ist Feind, und wer ist Spitzel?

Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer agieren mit der ihnen eigenen Besonnenheit. Zwei Menschen am Rande der Pensionsberechtigung, die neuen Zeiten ins Auge sehen müssen. Wegschauen wollen sie nicht, und so gibt es am Ende auch einen richtigen Showdown. Oder ein grosses Remmidemmi, wie Kommissarin Fellner sagt.

«Tatort» aus Wien: «Wir sind nicht zu fassen!» Sonntag, 20.05/20.15 Uhr, SRF 1 / ARD.

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