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Startseite » Auf einem Dachboden versteckt, schrieb Curt Bloch Spottgedichte gegen die Nazis – in dauernder Angst, entdeckt zu werden
Feuilleton

Auf einem Dachboden versteckt, schrieb Curt Bloch Spottgedichte gegen die Nazis – in dauernder Angst, entdeckt zu werden

MitarbeiterBy MitarbeiterAugust 11, 2025
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Auf einem Dachboden versteckt, schrieb Curt Bloch Spottgedichte gegen die Nazis – in dauernder Angst, entdeckt zu werden

1933 floh er aus Nazideutschland in die Niederlande. Dort gab Curt Bloch während des Zweiten Weltkriegs ein satirisches Magazin heraus. Jetzt ist es als Buch erschienen.

Curt Bloch? Nie gehört. Tatsächlich wäre Bloch wohl bis heute unbekannt geblieben, wenn das Jüdische Museum Berlin im vergangenen Jahr nicht die Ausstellung «Mein Dichten ist wie Dynamit: Curt Blochs Het Onderwater Cabaret» gezeigt hätte. Gleichzeitig wurde die Website curt-bloch.com aufgeschaltet. Achtzig Jahre nach Kriegsende kann man das Werk von Kurt Bloch, der in der Emigration zu Curt wurde, nun auch in einem Band der «Anderen Bibliothek» entdecken.

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Bloch wurde 1908 in Dortmund geboren. Er studierte Rechtswissenschaft, doch als frisch promovierter Jurist hatte er in Deutschland keine berufliche Zukunft. Mit dem Gesetz über die «Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» war Juden ab 1933 die Ausübung von Berufen in der Rechtspflege verboten. Da Bloch nicht nur Jude, sondern auch noch Sozialist war, floh er in die Niederlande.

Dort schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, unter anderem als Teppichhändler, und schrieb für verschiedene Exilzeitungen. 1939 folgten ihm Mutter und Schwester ins Exil. Sie lebten in Enschede. So lange, bis die Deutschen das Land überfielen und auch in den Niederlanden die Judenverfolgung begann. Bloch konnte sich bei einem niederländischen Paar auf dem Dachboden verstecken. Doch die Mutter und die Schwester wurden verraten und im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Das Brummen der Bomber

Bloch überlebte, zusammen mit zwei Freunden. Von August 1943 bis zur Befreiung im April 1945 kämpfte er aus dem Versteck auf seine Weise gegen die Nazis, für die Freiheit: «Und unbewaffnet, wie’s sich trifft, griff mannhaft ich zu meinem Stift, der wurde meine Waffe. Ich ziehe schreibend in den Krieg, und Stich für Stich geht es um Sieg.» So dichtete er im Februar 1945 im satirischen Untergrundmagazin «Das Unterwasser-Cabaret».

Gegründet hatte Bloch das Blatt, das im Postkartenformat gedruckt wurde, im August 1943. Das Schreiben war für ihn eine Form des Widerstands. Und zugleich eine Therapie gegen die Machtlosigkeit, die Öde und die Depression, die ihn befiel, weil er nicht viel gegen das herrschende Unrecht tun konnte. Mit dem Schreiben, mit seinem satirischen Blick auf die heillose Gegenwart, versuchte er wenigstens ein bisschen beizutragen zu Freiheit und Sieg. Im ersten Heft schrieb er in dem auf Niederländisch geschriebenen «Propellerlied»: «Lässt mich das Elend oft verstummen / und schickt mir düst’re Phantasien, / hör ich dann mit Motorenbrummen /die RAF nach Deutschland zieh’n.»

Die Flugzeuge der britischen Luftwaffe, der Royal Air Force (RAF), zu hören, die über das Land flogen, war ein Trost im Leiden und Verzagen, das Bloch im Untergrund befiel. Im Brummen der Motoren schwang die Hoffnung mit, dass die Alliierten das «Dritte Reich» bezwingen würden. Wie Bloch in Enschede hörte auch Anne Frank in ihrem Versteck in Amsterdam die britisch-amerikanischen Bomber. Sie erlebte die Befreiung nicht.

Woche für Woche ein Heft

Bloch hatte Glück und überlebte. Von den 140 000 Juden in den Niederlanden überlebten 38 000. Die Werke, die Bloch während des Kriegs geschrieben hatte, gingen nicht verloren. Sie wurden aber auch nicht entdeckt, wie Anne Franks Tagebuch. Über neunzig Ausgaben seines «Unterwasser-Cabarets» mit knapp fünfhundert Gedichten hatte er publizieren können, in dauernder Angst, entdeckt zu werden.

Die Titelseiten der Hefte waren stets Collagen oder Fotomontagen, zusammengebastelt aus Schnipseln von Zeitungen und Bildern aus Illustrierten, je nach dem Angebot, das Bloch hatte. Bald kam er an Zeitungen heran, bald wieder nicht. Mit Stift, Schere und Leim kämpfte er auf seine Weise gegen die Nazis. Mithilfe von Freunden, anderen Untergetauchten und Fluchthelfern, gelang es ihm, Woche für Woche ein Heft herauszugeben. Auflage: ein Exemplar, sechzehn Seiten mit Fäden gebunden.

Karola Wolf, Blochs ebenfalls untergetauchte Freundin, die jedes Heft als Erste bekam, versteckte die Ausgaben unter dem Linoleumboden ihrer Wohnung. So blieben Blochs ironische Kommentare zum Weltgeschehen erhalten. Als in Deutschland vier Menschen wegen eines Gedichts zum Tode verurteilt wurden, dichtete er: «Vier Leben für nur ein Poem, / Da frag ich mich verwundert, / was würde dann mit mir geschehn, / Ich habe fast vierhundert.»

«Das kommt, weil ich so traurig bin»

Obwohl es nicht einfach war, an Nachrichten zu kommen, war Bloch erstaunlich gut informiert über alles, was im Deutschen Reich geschah. Die Dreimächtekonferenz der Alliierten, 1943, den Attentatsversuch vom 20. Juli 1944, Mussolinis Fall kommentierte er mit spitzer Feder und magischen Collagen. Den Deutschen las er in jeder Ausgabe die Leviten.

In den Gedichten geht es ums Zeitgeschehen, den Kriegsverlauf, selten ums Judentum, manchmal um seine Mutter und die kleine Schwester, von denen er nur wusste, dass sie verschleppt worden waren. In einem «Gruss» an seine Schwester schreibt er: «Ich möcht so gerne mit dir sprechen, / Gedanken fliegen zu dir hin, / und oft will mir das Herz wohl brechen. / Das kommt, weil ich so traurig bin.» Er sollte sie nie wiedersehen.

Als er die Freiheit endlich erlangt hatte, versuchte Bloch in den Niederlanden beruflich Fuss zu fassen, erfolglos. 1948 emigrierten er und seine Frau, auch sie eine Überlebende, nach Amerika. In New York betrieb er einen Handel mit Antiquitäten. Seine Arbeiten waren dennoch nicht verloren. Er hatte sie retten können, sie standen stets im Regal seines Esszimmers in New York. In Leder gebunden, aber nie berührt. Erst nach dem Tod des Vaters machte sich Blochs Tochter, die weder Deutsch noch Niederländisch sprach, mit den Bänden des «Unterwasser-Cabarets» vertraut. Sie übergab die Hefte dem Jüdischen Museum Berlin, wo sie restauriert und zum ersten Mal einem grösseren Kreis gezeigt wurden.

Bloch wäre es recht gewesen. Im Juni 1944 hatte er im «Unterwasser-Cabaret» ein Gedicht «An meine deutschen Leser» geschrieben: «Vielleicht kommen euch die Gedichte, / die ich in eurer Sprache schrieb, / In spätren Zeiten zu Gesichte / Und täten sie’s, wär mir’s recht lieb.»

Curt Bloch: Das Unterwasser-Cabaret 1943–1945. Herausgegeben von Aubrey Pomerance. Die Andere Bibliothek, Aufbau-Verlag, 2025. 369 S., Fr. 67.90.

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