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Startseite » Die Drusen sind vermutlich die tolerantesten Abkömmlinge des Islam
Feuilleton

Die Drusen sind vermutlich die tolerantesten Abkömmlinge des Islam

MitarbeiterBy MitarbeiterJuli 19, 2025
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Die Drusen sind vermutlich die tolerantesten Abkömmlinge des Islam

Verstreut über mehrere Länder im Nahen Osten, ist das drusische Volk kurz nach dem Jahr 1000 aus dem schiitischen Islam hervorgegangen. Seit seinen Anfängen wird es von der islamischen Orthodoxie verfolgt.

Die Drusen sind ein über mehrere nahöstliche Länder verstreutes Volk, das sich im 11. Jahrhundert durch Abspaltung vom schiitischen Islam herauszubilden begann. Drusen leben heute vor allem in Syrien (etwa 700 000), in Libanon (300 000), in Israel (150 000) und Jordanien (rund 20 000).

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Die religiöse Lehre der Drusen weicht erheblich von anderen muslimischen Richtungen ab, weshalb viele – vor allem fundamentalistische – Muslime die Drusen nicht mehr zu den islamischen Völkern zählen. Von daher besteht die ständige Gefahr aggressiver Übergriffe gegen Drusen vonseiten strikt religiöser Muslime sowohl des sunnitischen wie des schiitischen Lagers.

In der Tat beginnen die Abweichungen bereits an der Basis der koranischen Lehre und erlauben es den Drusen, im Unterschied zu den meisten religiösen Muslimen, andere Religionen zu akzeptieren, etwa Christentum, Buddhismus, Hinduismus und Judentum. Gleichermassen tolerant verhalten sie sich gegenüber philosophischen Richtungen wie dem Platonismus, und es spricht gemäss ihren Auffassungen auch nichts dagegen, mit Andersgläubigen – der Koran kennt diesen Begriff nicht – in Frieden zusammenzuleben.

Ihre Toleranz geht so weit, dass sie – ähnlich dem religiösen Judentum – nicht missionieren, sie machen ihre Lehre noch nicht einmal öffentlich, um Andersgläubige nicht in Konflikte zu stürzen. Auch eine Konversion zum Drusentum ist schon seit längerem nicht mehr möglich. Drusen leben seit Jahrhunderten in abgeschlossenen Gemeinschaften und heiraten in der Regel nur unter sich.

Hinrichtung des Gründers

Hamza ibn Ali ibn Ahmad, der Begründer der drusischen Lehre, ein persischer Koran-Gelehrter, galt gläubigen Muslimen schon zu seinen Lebzeiten als «Ketzer». Er wurde nach 1021, bald nach dem Tod des ihn duldenden Kalifen al-Hakim, in Mekka hingerichtet. Er lehrte seine Schüler, den Koran nicht wortwörtlich, sondern allegorisch zu verstehen – was für viele strikte Muslime auch heute eine Ungeheuerlichkeit ist. Er ging noch weiter, indem er die göttliche Offenbarung dieser Schrift – angeblich durch den Erzengel Gabriel gegenüber Mohammed – generell bezweifelte.

Zum Zeitpunkt seines Todes Mitte oder Ende dreissig hatte er dennoch zahlreiche Schüler, die ihn dazu bewogen, ab 1017 Sendschreiben zu verfassen, die seither das elementare Schrifttum des Drusentums bilden. In seiner Lehre lassen sich Einflüsse griechischer Philosophie oder des rabbinischen Judentums ausmachen, etwa das Konzept der Seelenwanderung oder messianische Tendenzen wie die Inkorporation Gottes in einem Menschen.

Kalif al-Zahir verbot während seiner Herrschaft (1021–1036) die drusische Lehre und liess ihre Anhänger verfolgen. Die Drusen bevorzugen daher hohe Gebirgszüge als Wohnorte, von wo aus sie sich gut verteidigen können. Im Süden Syriens gibt es ein ganzes Gebirge, das nach ihnen benannt ist, Dshebel al-Daruz, das «Drusengebirge». Auch in Libanon oder in Israel bewohnen sie gebirgige Gegenden.

Toleranz und Loyalität

Aus ihrem allgemeinen Toleranzbedürfnis heraus bemühen sich Drusen um Loyalität der jeweiligen Landesregierung gegenüber. Sie praktizieren diese Gefolgschaft gleichzeitig in verschiedenen, auch untereinander verfeindeten Staaten, etwa in Libanon und in Israel. Dadurch kommt es immer wieder zu einander widersprechenden politischen Statements drusischer Politiker.

Während der französischen Mandatszeit in Syrien (1922–1946) gab es einen eigenen Drusenstaat im Süden Syriens um die alte Nabatäerstadt Suweida nahe der jordanischen Grenze. Wegen ihrer führenden Beteiligung am arabischen Aufstand gegen die französische Mandatsmacht (1925–27) haben sie das Staatsgebiet jedoch wieder verloren. Sie opferten also für die Solidarität mit den sunnitischen Landsleuten und als Zeichen ihrer Integrationsbereitschaft die staatliche Souveränität.

Die Haltung des Mainstream-Islam zu ihnen bleibt jedoch nach wie vor ablehnend, mitunter bedrohlich. Als Minderheit, zudem im Ruf religiöser Häresie stehend, bleiben die Drusen besonders verletzlich. 2018 wurden aus der Stadt Suweida Massaker durch Verbände des IS gemeldet, bei denen Dutzende Drusen entführt und getötet wurden.

Dieser Tage ist die Drusenregion um Suweida erneut in den internationalen Schlagzeilen, weil es zu gewalttätigen Übergriffen syrischer Beduinenstämme gegen die drusische Minderheit kommt. Die derzeitige Regierung in Damaskus, ohnehin schwach und ungewiss in ihren Intentionen, vermag diese Gewaltausbrüche nicht zu verhindern.

Unter diesen Umständen fühlt sich die israelische Regierung verpflichtet, die Drusen zu schützen. Premier Netanyahu nannte sie jüngst «unsere Brüder» und erklärte, seine Regierung werde nicht dulden, dass Drusen verfolgt würden. Zunächst nützt das seinem guten Ruf bei den etwa 150 000 Drusen auf israelischem Staatsgebiet, die dort seit Jahrzehnten zu den zuverlässigen und loyalen Minderheiten gehören.

Luftangriffe auf Damaskus

Etwa 80 Prozent der drusischen Männer leisten Wehrdienst in der israelischen Armee, etliche bringen es in Offiziersrängen bis zum General. Es gibt drusische Politiker, Parlamentarier und Richter. Doch die Fürsorge der Regierung Netanyahu dehnt sich auf die jenseits der Grenze lebenden Drusen aus, was problematisch ist. Nicht zuletzt aus geopolitischen Gründen liegt Israel etwas daran, in der südsyrischen Drusenregion einen guten Stand zu haben: Sie bildet das Hinterland der Golanhöhen.

Die jetzige Eskalation dürfte nur von kurzer Dauer sein. Sie dient dem Abstecken der Ansprüche, allerdings in recht massiver Form, wie die Bombardements der israelischen Luftwaffe gegen Ziele in Damaskus zeigen. Auf den ersten Blick sieht es aus, als riskiere die israelische Regierung den Drusen zuliebe die sich anbahnende Kooperation mit der neuen syrischen Regierung. Diese hatte immerhin erklärt, den Abraham-Accords, den Staatsverträgen arabischer Staaten mit Israel, beitreten zu wollen.

Doch ein ernsthaftes Zerwürfnis ist kaum wahrscheinlich. Israel genügt es, auf die syrische Regierung Druck auszuüben, um Übergriffe militanter Beduinenstämme in Grenznähe abzuwehren und die Lage unter Kontrolle zu bringen. Ausserdem ist die syrische Regierung nicht konsolidiert genug, um sich auf Konflikte mit Nachbarländern einzulassen.

Die Drusen selbst haben in ihrer langen, wechselvollen Geschichte zu viel Auf und Ab erlebt, als dass sie durch die derzeitigen Zusammenstösse in Panik gerieten. Die Unruhen werden hoffentlich bald beigelegt sein – sie haben jedoch ein Schlaglicht auf eine der interessantesten Minderheiten im Nahen Osten geworfen: auf die Drusen, die vermutlich offensten und tolerantesten Abkömmlinge des Islam.

Chaim Noll, geboren 1954 in Berlin, wanderte 1995 mit seiner Familie nach Israel aus. Er unterrichtete an der Ben-Gurion-Universität in Beer Sheva und verfasste zahlreiche Bücher.

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