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Feuilleton

Er war ein israelischer Superstar, bevor es Israel überhaupt gab

MitarbeiterBy MitarbeiterAugust 12, 2025
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Er war ein israelischer Superstar, bevor es Israel überhaupt gab

Der in der russischen Provinz geborene Dichter Chaim Nachman Bialik war ein Zionist der ersten Stunde. In Israel ist er bis heute eine Legende. Nun liegen seine Erzählungen erstmals auf Deutsch vor.

Chaim Nachman Bialik war bereits ein israelischer Superstar, bevor es Israel überhaupt gab. Als der Zionist und Dichter 1909 erstmals den Boden Palästinas betrat, wurde er von einer begeisterten Menge empfangen. An jeder Ecke verursachte er Massenaufläufe, wie die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen in ihrem Nachwort zum Erzählband «Wildwuchs» schildert, der die Prosa Bialiks erstmals auf Deutsch vorstellt. Dass dem Vielgerühmten der Trubel angenehm war, darf bezweifelt werden: Er klagte über mangelnden Schlaf. Heute gibt es in Israel jedenfalls keine Stadt, in der nicht ein Platz oder eine Strasse nach dem Begründer der modernen hebräischen Literatursprache benannt ist.

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Der Beginn von Bialiks Leben stand unter keinem guten Stern. Geboren 1873 im Dorf Radi im Zarenreich, in «einem vergessenen Winkel Wolhyniens», litt der junge Chaim, das achte Kind seiner Eltern, unter Vernachlässigung, wie es in der autobiografischen Skizze «Wildwuchs» heisst: «Im Haus achtete keiner auf mich. Mein Vater war streng, schwach und beschäftigt – womit, weiss ich nicht. Meine Mutter erinnerte sich gelegentlich an mich, aber immer im Nachhinein.» Der Vater, ein Holzhändler, ohrfeigte ihn ständig. Im Cheder, der religiösen Grundschule, wurde der phantasievolle Knabe durchgeprügelt, weil er in den hebräischen Buchstaben Tiere erkennen wollte – oder einfach, weil sein Lehrer betrunken war.

Frühe überregionale Bekanntheit

Andererseits hielt Bialik «jene erste, archaische Welt, die ich aus dem Dorf mitnahm und noch immer in einem Geheimfach meines Herzens verwahre» für seinen grössten Schatz. Er schwärmte von den «Lehmhäusern mit Strohdach» im Dorf seiner Kindheit, von «verschwiegenem Schilf und Sumpfland und ewigen Wäldern». Als sein Vater starb, gab die mittellose Mutter den Siebenjährigen zu den streng orthodoxen Grosseltern. Mit 17 Jahren durfte er auf eigenen Wunsch die renommierte Talmudschule in Waloschyn besuchen. Schon in dieser Jeschiwa war er Mitglied im ältesten zionistischen Geheimbund «Chowewe Zion», «Zionsliebe». Das Gedicht «An einen Vogel», Ausdruck der Sehnsucht nach Zion, brachte ihm durch Übersetzungen ins Jiddische, Russische und Polnische früh überregionale Bekanntheit.

1893 heiratete Bialik – es war eine arrangierte Ehe, die ihn nicht glücklich machte, an der er jedoch festhielt. Nachdem er eine Zeitlang erfolglos in der Holzhandlung seiner Schwiegereltern gearbeitet hatte, ging er 1900 mit seiner Frau nach Odessa, einem Zentrum der neuhebräischen Literatur, wo er als Lehrer an einer zionistischen Schule, Verleger und Autor arbeitete. 1901 machte ihn sein erster hebräischer Gedichtband endgültig zur Berühmtheit.

1903 schickten die Juden von Odessa Bialik nach Kischinjow, heute Chisinau, um das Pogrom zu untersuchen, das weltweit für Entsetzen sorgte. Die «New York Times» sprach von 120 Toten und 500 Verletzten. Ergebnis von Bialiks Recherchen war das Zornpoem «In der Stadt des Tötens», das mit seiner aufgeladenen Metaphorik und der grausamen Detailtreue weder die Leser noch die Opfer schonte. Bialik warf den jüdischen Männern vor, sich «in ekligen Mäuseverstecken» verborgen zu haben, während ihre Frauen vergewaltigt worden seien. Das Stück gipfelt in der Aufforderung «Geh jetzt!». Tatsächlich verliessen im Rahmen der zweiten Alija Zehntausende das Zarenreich in Richtung Erez Israel.

Die in «Wildwuchs» versammelten Texte besitzen bei aller Lebensnähe einen lehrhaften Subtext. Während das Poem über Kischinjow ein flammender Appell ist, sich dem Antisemitismus entgegenzustellen und die alte Heimat zurückzuerobern, ruft die Erzählung «Hinter dem Zaun» dazu auf, der Versuchung der kulturellen Assimilation zu widerstehen. In einer Art Romeo-und-Julia-Konstellation verlieben sich der jüdische Holzhändlersohn Noah und die junge Christin Marinka, während ihre Familien sich bekriegen. Am Schluss steht Marinka mit einem Kind allein «hinter dem Zaun», während Noah ein jüdisches Mädchen heiratet.

Der Text dreht das Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und Minderheit überraschend um. Der Hof der Schweinezüchterin Schakoripinschchika, Marinkas brutaler Ziehmutter, ist das einzige christliche Haus in dem jüdischen Viertel und erscheint wie ein Aussenseiter. «Die Häuser rechts und links strahlten Schabbatstimmung aus. Jedes Fenster glühte im Kerzenschein. Das Haus der Goja stand allein wie ausgegrenzt: ohne Fenster und ohne Kerzen. Es schien, als würden die übrigen Häuser mit ihren hellen Fenstern hochmütig darauf herabblicken.»

Individuelle psychologische Erfahrung

Auf andere Art isoliert ist die jüdische Holzhändlerfamilie in «Die beschämte Trompete». Sie lebt fernab der Gemeinschaft im Wald und ist kaum in der Lage, genug jüdische Männer zu finden, um am Schabbat Gottesdienst zu halten. Damit nicht genug, wird der Sohn Schmuel gegen seinen Willen zum Militärdienst eingezogen, wo er als Trompeter dient.

Als er Jahre später bei einem Heimaturlaub heiraten will, findet er das Haus der Familie leer vor. Jene, die eben noch leidenschaftlich putzten, kochten und buken, wurden von den russischen Beamten, die sich jahrelang bestechen liessen, vor die Tür gesetzt. Dennoch erscheint die symbolträchtige Heimkehr der Familie ins Schtetl dem Erzähler, wie wenn «ein kleines Tor der Barmherzigkeit aufging und ein guter Engel den Kopf herausstreckte». Die Trompete des Zaren hingegen steht für Tyrannei und Entrechtung – und schweigt «beschämt».

Bialiks durch und durch säkulare Erzählungen sind weniger bekannt als seine Gedichte. Ihnen wird nachgesagt, dass sie erstmals in der jüdischen Literatur nicht mehr ein kollektives Schicksal, sondern eine individuelle psychologische Erfahrung abbilden. Sie schildern die Natur mit überbordender Sinnlichkeit, kippen jedoch gelegentlich vielleicht ein wenig zu sehr ins Sentimentale. Der klare, klassische Stil, der merklich an der Sprache der Bibel geschult ist, liess den russisch-amerikanischen Kulturzionisten Menachem Ribalow schwärmen: «Man muss bis zu den Propheten zurückgehen, um eine Parallele zu Bialik in der Verwendung der hebräischen Sprache zu finden.»

1921 verliess Bialik gemeinsam mit anderen hebräischen Schriftstellern Odessa. Die Ausreisegenehmigung verschaffte ihnen wahrscheinlich Maxim Gorki. Wie viele Gegner der Oktoberrevolution reiste er zunächst nach Berlin, wo 1923 aus Anlass seines 50. Geburtstags eine Werkausgabe herauskam. Den dazugehörigen Feierlichkeiten soll er ferngeblieben sein. 1924 ging Bialik mit seiner Frau endgültig nach Palästina. Die ansehnliche modernistische Villa, die er in Tel Aviv bauen liess, dient heute als Museum und Archiv. Als der israelische Nationaldichter 1934 nach einer Operation in Wien an Herzversagen starb, sollten immerhin noch vierzehn Jahre bis zur Gründung des Staates Israel vergehen.

Chaim Nachman Bialik: Wildwuchs. Erzählungen aus Wolhynien. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Verlag C. H. Beck, München 2025. 299 S., Fr. 38.90.

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