Indiens Premierminister Modi und der schwerreiche Unternehmer Adani wollen die Bewohner von Dharavi umsiedeln, um das Gebiet kommerziell zu entwickeln. Die Rapper, die in dem riesigen Slum in Mumbai zu Hause sind, wehren sich auf ihre Weise.
Dharavi ist der grösste Slum von Mumbai, manche sagen gar, der grösste Slum von Asien. Von oben gleicht das Viertel einem Meer aus blauen Wellblechdächern. Taucht man ein, findet man sich in einem Labyrinth aus dunklen Gassen wieder. Sie sind so schmal, dass kaum jemals Sonnenlicht hineinfällt, und gerade breit genug, dass zwei Leute aneinander vorbeipassen. Am Boden verlaufen offene Abwasserkanäle, nackte Kinder spielen, Frauen spülen Geschirr auf den Türschwellen. Es herrschen Armut, Dreck und Enge.
Doch Rahul Khanna will nicht weg. «In Dharavi gibt es alles: Bildung, Arbeit, Freunde, unser Tonstudio», sagt der 20-Jährige und weist auf den Raum, den er sich mit anderen Hip-Hop-Künstlern in Dharavi teilt. Seine Freunde auf dem Sofa nicken zustimmend, während er weiter aufzählt: «Dharavi ist zentral gelegen und durch die Bahn bestens angebunden. Vor allem aber ist es mein Viertel, hier bin ich geboren, hier ist meine Familie. Warum sollte ich wegziehen wollen?»
Doch wie lange Khanna und seine Freunde noch in Dharavi bleiben können, ist ungewiss. Die indische Regierung von Narendra Modi ist entschlossen, den Megaslum im Zentrum von Mumbai zu sanieren. Im November 2022 hat Modi in einem umstrittenen Entscheid den Konzern von Gautam Adani mit der Sanierung von Dharavi beauftragt. Adani hat zwar keine Erfahrung mit Stadterneuerung, aber dafür verfügt er über beste Verbindungen zum Premierminister.
Vor Ort sehen viele das Milliardenprojekt mit Misstrauen. «Unser Viertel sollte saniert werden, keine Frage», sagt Sameer Shaikh, einer der jungen Rapper in dem Tonstudio. «Aber dies muss zum Nutzen der Bewohner geschehen und nicht den Interessen der Regierung und von reichen Unternehmern wie Adani dienen.» Adani versichert zwar, es gehe ihm um die Leute von Dharavi. Doch die Rapper sind überzeugt, der Milliardär wolle nur das Land zu Geld machen.
Das Land des Slums ist Gold wert
Die Immobilienpreise in der Wirtschaftsmetropole Mumbai zählen zu den höchsten der Welt. Die Häuser von Dharavi mögen ärmlich sein, doch der Boden ist ein Vermögen wert. Was im 19. Jahrhundert eine sumpfige Abfallhalde am Nordrand der Stadt war, liegt heute mitten im Herzen der Metropole. Direkt neben Dharavi erhebt sich BKC, ein glitzerndes Geschäftsviertel, in dem viele Grosskonzerne ihre Büros haben. Auch zum Flughafen ist es nicht weit. Und mit der Bahn ist man in 20 Minuten im Finanzdistrikt im Süden der Stadt.
Die Pläne von Adani sehen vor, die Einwohner in neue Wohnblöcke am Stadtrand umzusiedeln. Wer nachweisen kann, dass seine Familie vor dem Jahr 2000 in Dharavi gewohnt hat, erhält kostenlos eine Wohnung. Damit wird das Land in Dharavi frei, so dass Adani dort Büros bauen kann. Für viele Familien ist das Angebot aber nicht attraktiv, weil ihre Häuser in Dharavi grösser sind als die angebotenen Wohnungen. Auch fürchten sie, mit der Umsiedlung ihre Arbeit zu verlieren.
Immobilienentwickler haben schon lange ein Auge auf Dharavi geworfen. Seit den 1940er Jahren hat die Stadtverwaltung von Mumbai immer wieder Pläne ausgearbeitet, wie man den Slum entwickeln könnte. Doch das dichtbesiedelte Quartier zu sanieren, ist schwierig. Der Slum erstreckt sich über eine Fläche von 250 Hektaren – etwas weniger als der Kreis 4 in Zürich. Doch während im Kreis 4 rund 30 000 Menschen leben, sind es in Dharavi eine Million.
Die meisten Häuser in dem Slum sind nur zwei, drei Stockwerke hoch, doch der Raum ist effizient genutzt. Viele Familien teilen sich ein Zimmer, im Erdgeschoss finden sich Werkstätten und Geschäfte. Abseits der beiden grossen Verkehrsachsen, die das Viertel durchschneiden, stehen die Häuser dicht an dicht. Auch der Weg zum Tonstudio der jungen Rapper führt durch ein Gewirr aus schmalen, dunklen Gängen, in denen man sich ohne lokalen Führer rasch verliert.
Ein Hip-Hop-Song für den Wahlkampf
Vor den letzten Regionalwahlen im November haben Sameer, Rahul und ihre Freunde einen Song aufgenommen, in dem sie über Dharavi und die Pläne zur Sanierung des Slums rappen. «Keine leeren Worte, keine hohlen Versprechen, wir wissen uns zu behaupten, das ist unsere Stärke», rappt Sameer aka Essay darin auf Hindi. Und Rahul, der unter dem Künstlernamen Dezi auftritt, singt: «Wir fürchten uns nicht, wir sind nicht schwach. Einigkeit ist unsere Stärke, unterschätzt uns nicht. Sucht nach neuen Wegen, um euch zu befreien.»
Aufgenommen haben die jungen Rapper den Song für Jyoti Gaikwad, die lokale Kandidatin der Kongress-Partei. Die linke Politikerin, deren Vater und Schwester bereits Dharavi im Regionalparlament von Maharashtra vertreten haben, setzte den Song im Wahlkampf ein – mit Erfolg. In dem Song nennen die Rapper die Politikerin Tai, grosse Schwester. «Steh uns bei, Jyoti Tai», rappen sie. «Keine Betrügereien, keine falschen Versprechen. Lasst uns unser Viertel weiterbringen.»
Den Rappern hat gefallen, dass Gaikwad vor der Wahl von Tür zu Tür gegangen ist. Illusionen machen sie sich aber nicht: «Vor den Wahlen kommen die Politiker zu uns und machen Versprechen, aber nach den Wahlen sehen wir sie nie wieder», sagt der 23-jährige Saravanan Nadar aka Wunna, während seine Freunde zustimmend nicken. «Heute unterstützt die Kongress-Partei unseren Widerstand, aber wenn Adani ihr genug Geld bietet, wird sie die Seite wechseln.»
Die jungen Rapper nutzen Hip-Hop zur Emanzipation
Für die Jugend von Dharavi ist Hip-Hop eine Möglichkeit, von ihrem Leben zu sprechen und ihrer Wut und ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben. Sie seien die Stimme der Strasse, die Stimme des Volkes, sagen die jungen Rapper. Sie nutzten die Musik, um Missstände im Slum anzuprangern und für ihre Rechte zu kämpfen. Seine Ursprünge habe Hip-Hop in New York im Kampf der Afroamerikaner gegen Diskriminierung, sagen sie. In dieser Tradition stünden sie.
Dharavi ist heute berühmt für Hip-Hop in Indien. Was für die USA früher die Bronx war, ist für Indien heute Dharavi. Wer aus dem Slum stammt, der geniesst in der Szene Glaubwürdigkeit. Denn wer dort aufgewachsen ist, der kennt die harten Seiten des Lebens. Auch Hip-Hop-Künstler aus wohlhabenderen Vierteln rappen daher über das Leben im Slum – sehr zum Missfallen der Jungs in Dharavi, die ihnen vorwerfen, den Namen zu missbrauchen, um Geld zu machen.
Einer der Pioniere der Hip-Hop-Szene in Dharavi ist Akash Dhangar. Der 34-jährige stämmige Mann hat vor 16 Jahren mit anderen Breakdancern, Beatboxern, Rappern und Graffitikünstlern das Hip-Hop-Kollektiv Slumgods gegründet. Der Name nimmt Bezug auf den Film «Slumdog Millionaire», der in Dharavi spielt und 2008 ein Welterfolg war. Mit dem Buchstabendreher im Namen wollte Akash ausdrücken, dass sie keine Hunde sind, auch wenn sie aus dem Slum stammen.
Breakdance-Kurse sollen Kindern neue Perspektiven geben
Akashs Familie lebt bereits in fünfter Generation in Dharavi. Sie gehört zu einer armen, sozial marginalisierten Volksgruppe, die in der Stadt einen schlechten Ruf hat. Als Breakdancer hat er an der Universität jedoch eine neue Identität gefunden, die ihm Respekt verschafft und neue Perspektiven eröffnet hat. Mit seinem Slumgods-Kollektiv hat er früh Erfolg gehabt und gutes Geld gemacht. Heute geht es ihm aber in erster Linie darum, der nächsten Generation etwas mitzugeben und die Hip-Hop-Szene am Leben zu erhalten.
In einer Schule organisiert er daher jeden Abend Breakdance-Kurse für die Kinder des Viertels. Er will sie damit von der Strasse wegholen und verhindern, dass sie auf die falsche Bahn geraten. Er ist ständig auf der Suche nach neuen Geldquellen, doch ist es ihm wichtig, etwas für seine Gemeinde zu tun. «Wenn alle fortgehen, die es sich leisten können, wird sich nichts ändern in Dharavi», sagt er. Daher lebt er auch mit seiner Frau und seinen drei Kindern weiter im einstöckigen Haus seiner Eltern.
Immer sonntags treffen sich die jungen Breakdancer, Beatboxer und Rapper für eine improvisierte Hip-Hop-Performance an der Schule. In einem Klassenraum räumen sie dafür die Schulbänke beiseite, um eine Tanzfläche zu schaffen. Dann tritt ein Breakdancer nach dem anderen in die Mitte des Kreises und zeigt sein Können vor. Bei den Anfängern wirkt das Footwork noch etwas unbeholfen, andere wirbeln in atemberaubendem Tempo herum und bieten beeindruckende Moves. Doch alle erhalten den gleichen Respekt.
Dharavi ist auch ein dynamisches Industriequartier
Auch dank Hip-Hop hat sich das Image von Dharavi gewandelt. Früher stand der Slum in erster Linie für Armut, Gewalt und Kriminalität. Er galt als Auffangbecken für Arbeitsmigranten vom Land, als Hochburg der Alkohol-Mafia und als No-go-Area, in die sich selbst die Polizei kaum hineinwagte. «Früher mieden die Taxifahrer Dharavi, weil sie dachten, dass ihnen hier Spiegel und Reifen geklaut würden», sagt Sameer. Heute hingegen steht der Slum auch für Kunst, Kreativität und den Unternehmergeist seiner Bewohner.
Es wird zudem immer mehr anerkannt, dass Dharavi ein dynamisches Industriequartier ist, das wichtige Dienstleistungen für Mumbai erbringt. In dem Slum wird ein Grossteil des Plastikabfalls der Stadt rezykliert, es werden Tierhäute verarbeitet und Tontöpfe gebrannt. In den Gassen gibt es unzählige Backstuben, Lederwerkstätten und Nähereien, die auch für den Export produzieren. Gemäss Schätzungen erwirtschaftet Dharavi eine Milliarde Dollar Umsatz im Jahr.
«Verschwände der Megaslum, dann verlöre Mumbai so viele seiner Fahrer, Haushaltshilfen, Näherinnen, Müllsammler und Büroangestellten, dass Indiens Wirtschaftszentrum schlicht nicht mehr funktionieren würde», schrieb die Soziologin Liza Weinstein schon vor Jahren über die Pläne zur Umsiedlung der Einwohner von Dharavi. Entgegen seinem Image als Elendsquartier, in dem die Ausgestossenen vor sich hin vegetierten, sei das Viertel ein integraler, höchst produktiver Bestandteil der Wirtschaft der Stadt.
Das grösste Problem ist die Hygiene in Dharavi
Dennoch finden auch die jungen Rapper, dass es Veränderung brauche in Dharavi. Das dringlichste Problem sei die Hygiene. «Wir müssen die Abfallhaufen beseitigen, die offenen Abwasserkanäle schliessen», sagt Sidhesh Danganoor, ein drahtiger 21-Jähriger, der unter dem Namen MC Siddu auftritt. Das Problem sei, dass sich viele Leute nicht verantwortlich fühlten und ihren Abfall einfach auf die Strassen und in die Kanäle würfen. Ohne einen Wandel der Mentalität würden sie auch im Apartmenthaus noch so leben wie im Slum.
Die jungen Männer sind sich einig, dass der Wandel von innen kommen müsse. Dafür brauche es mehr Bildung. Vor allem müsse ein Weg gefunden werden, das Viertel zu sanieren, ohne die Leute umzusiedeln. Wirklich Hoffnung, Adani aufhalten zu können, haben sie allerdings nicht. Niemand höre darauf, was die Leute in Dharavi wollten, kritisieren sie. Sie erhielten nicht einmal detaillierte Informationen, was genau geplant sei. Früher oder später, so sind die Jungs überzeugt, werden sie Dharavi und damit auch ihr Tonstudio verlassen müssen.
Ein Blick aus dem Fenster des Studios zeigt aber, dass in Dharavi Veränderung eher später als früher kommt. Aus dem Meer aus blauen Wellblechdächern ragen vereinzelt Wohnblöcke heraus, die bei früheren Anläufen zur Sanierung des Viertels gebaut worden sind. Schon viele Projekte sind ambitioniert gestartet, dann aber aus Mangel an Geld und wegen des Widerstands der Slumbewohner auf halber Strecke versandet. «Die Sanierung von Dharavi ist unaufhaltsam, doch sie wird nicht über Nacht kommen», glaubt Akash, der Pionier des Hip-Hops in Dharavi. Einige Jahre werden die Slumgods wohl noch bleiben können.