Kirgistan und Tadschikistan haben sich nach jahrzehntelangen Konflikten im fruchtbaren Fergana-Tal auf Grenzverläufe geeinigt. Das ist weit über die Region hinaus von Bedeutung – auch für Europa.
Die Kulisse war grandios, als der kirgisische Präsident Sadyr Schaparow zu Wochenbeginn in der tadschikischen Stadt Chudschand von seinem Amtskollegen Emomali Rachmon empfangen wurde. Auf dem Rollfeld des Flughafens wurde gesungen, getanzt und Musik gespielt. Später schmückte ein fast kitschiges, wandfüllendes Foto mit blühenden Kirschbäumen und Berggipfeln den Konferenzsaal, in dem sich den beiden der usbekische Präsident Schawkat Mirsijojew anschloss.
Gemeinsam nahmen sie via Videoübertragung an der Eröffnung einer stählernen Stele teil, die dort, wo die Grenzen Tadschikistans, Kirgistans und Usbekistans im Fergana-Tal aufeinandertreffen, für die «ewige Freundschaft» der drei Nachbarländer steht. Sie unterzeichneten auch ein Dokument mit demselben hehren Motto: die «Chudschander Erklärung über ewige Freundschaft».
Kompromisse auf beiden Seiten
Das erstmalige Dreiertreffen weist über reine Symbolik hinaus. Nach Jahrzehnten mitunter gewaltsamer Streitigkeiten um Grenzen, Ressourcen und Land im dichtbevölkerten Fergana-Tal im Herzen Zentralasiens haben nun auch Tadschikistan und Kirgistan ihren Zwist beigelegt und hoffen auf eine prosperierende Zukunft zu dritt.
Die freundschaftlichen Szenen in Chudschand wären vor kurzem noch undenkbar gewesen. Vor zweieinhalb Jahren, just als sich die Spitzen der zentralasiatischen Staaten im Rahmen der Schanghai-Organisation für Zusammenarbeit in Usbekistan trafen, tobten an der tadschikisch-kirgisischen Grenze die schwersten Kämpfe seit langem. Zehntausende mussten vorübergehend ihre Dörfer verlassen, mehr als hundert Personen wurden getötet. Schaparow und Rachmon würdigten einander am Gipfel kaum eines Blickes. Manche Auguren sahen schon den lange vorhergesehenen Flächenbrand auf die ethnisch zerklüftete Region zukommen.
Umso bemerkenswerter ist es, dass es den Präsidenten und ihren Geheimdienstchefs in zähen Verhandlungen gelang, umstrittene Grenzverläufe zu bereinigen und sich auf eine für beide Seiten akzeptable Grenzlinie zu einigen – und das ohne auswärtige Vermittler. Beide Staaten mussten Konzessionen eingehen. Besonders knifflig war es bei der tadschikischen Exklave Woruch, bei einer für Kirgistan wichtigen, an der Grenze verlaufenden Brücke über einen Fluss und beim Dorf Dostuk. Kirgistan und Tadschikistan tauschten Land ab, den Bewohnern von Woruch wurde ein vereinfachter Zugang aus Tadschikistan über kirgisisches Gebiet gewährt, und Dostuk wurde Tadschikistan zugeschlagen. Seine Einwohner werden umgesiedelt, für sie wird eine neue Siedlung gebaut.
Zentral ist auch, dass es offenbar gelang, zu einem Kompromiss beim Zugang zu der kostbaren Ressource Wasser zu kommen. 2022 hatte der Gewaltausbruch mit dem Streit um den Zugang zu einer Wasserverteilstation begonnen. Diese an der Grenze gelegene Einrichtung wurde jetzt paritätisch auf Tadschikistan und Kirgistan aufgeteilt.
Nur Kirgistan, das trotz demokratiepolitischen Rückschritten der vergangenen Jahre unter Schaparow noch immer das in der Region politisch offenste Land ist, gab bis jetzt Details zu den im Geheimen ausgehandelten Vereinbarungen preis. Kritische Stimmen im Parlament wurden als Aufrührer gebrandmarkt und zum Schweigen gebracht. Noch 2022, als sich Kirgistan und Usbekistan auf einen Grenzverlauf einigten, war es in Kirgistan zu heftigen Protesten gegen den «Ausverkauf der Heimat» gekommen. In Tadschikistan ist solches kaum zu befürchten. Das Land steht unter der Fuchtel Rachmons, der gerade dabei ist, seine Nachfolge auf die nächste Generation der Familie zu übertragen. Abweichende Stimmen, erst recht politische Opposition werden im ärmsten der zentralasiatischen Staaten nicht geduldet.
Erbe der Sowjetunion
Die jetzt unterzeichneten Vereinbarungen wecken grosse Hoffnungen. Die fruchtbare Ebene des Fergana-Tals ist der am dichtesten besiedelte Teil Zentralasiens, aber organisatorisch der komplizierteste. Zu Sowjetzeiten waren die Grenzen zwischen den heute unabhängigen Staaten Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan nicht entlang gewachsener ethnischer Zugehörigkeit oder wirtschaftlicher Verflechtungen gezogen worden. Bewusst wurden den Mehrheitsgesellschaften ethnische Minderheiten aus den benachbarten Gebieten zugeteilt.
Als nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 die Grenzen undurchlässiger wurden und die jungen Republiken nationalstaatliche Ambitionen hegten, kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen über die Grenzen hinweg, aber auch innerhalb der Staaten – 2010 etwa zu Usbeken-Pogromen auf kirgisischer Seite. Nach den kriegerischen Auseinandersetzungen 2022 zwischen Tadschikistan und Kirgistan wurde die Grenze geschlossen. Für die natürlichen Handelswege war das verheerend – und auch für die Prosperität der Bevölkerung, die vom grenzüberschreitenden Handel lebt.
Mit der «ewigen Freundschaft», die sich die drei Staaten am Fergana-Tal auf die Fahnen geschrieben haben, verbinden die Staatschefs, aber auch Beobachter die Erwartung eines Aufschwungs. Geplant sind der Ausbau bestehender und die Eröffnung neuer Grenzübergänge und die Verbesserung der grenzüberschreitenden Verkehrsinfrastruktur.
Solche praktischen Schritte seien wichtig, um die Bevölkerung die positiven Folgen der Annäherung spüren zu lassen, meinte der kirgisische Politologe Medet Tjulegenow in einem Interview mit dem Sender Current Time Asia. Noch seien zahlreiche technische Einzelheiten zu klären, aber im Vergleich mit den grundlegenden Fragen seien das Kleinigkeiten. Vom wirtschaftlich viel stärkeren Usbekistan erhoffen sich die Nachbarn Investitionen. Das spürt Kirgistan bereits seit der Beilegung der Grenzstreitigkeiten mit dem Nachbarn 2022.
Die EU entdeckt Zentralasien
Die Aussicht auf friedliche, gemeinsame Entwicklung im Fergana-Tal weist über die unmittelbar betroffenen Staaten hinaus. Beim Treffen in Chudschand unterzeichneten Schaparow und Rachmon ein Abkommen über eine Stromleitung, die Teil eines grösseren regionalen Projekts ist. Dieses sieht den Export von Elektrizität durch die beiden an Wasserkraft reichen Länder nach Afghanistan und Pakistan vor.
Auch die Europäer haben in den vergangenen Jahren neue Anläufe dazu genommen, sich mit dem wirtschaftlich und geopolitisch bedeutsamen Zentralasien zu befassen. An diesem Donnerstag treffen sich die Staatschefs der fünf zentralasiatischen Staaten mit der Führung der Europäischen Union in Samarkand. Russland, das mit Russisch noch immer die Lingua franca für die Treffen der zentralasiatischen Präsidenten bietet, und China werden mit Argusaugen zuschauen. Am 9. Mai, dem 80. Jahrestag des sowjetischen Sieges über Nazideutschland, werden sie alle sich dann in Moskau versammeln – ohne die Europäer.