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Startseite » Konzerte im engen, schummrig-schaurigen Dracula Club: Das Festival da Jazz St. Moritz lebt von der Nähe der Stars zum Publikum
Feuilleton

Konzerte im engen, schummrig-schaurigen Dracula Club: Das Festival da Jazz St. Moritz lebt von der Nähe der Stars zum Publikum

MitarbeiterBy MitarbeiterJuli 15, 2025
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Konzerte im engen, schummrig-schaurigen Dracula Club: Das Festival da Jazz St. Moritz lebt von der Nähe der Stars zum Publikum

Ist ein Konzert ein spirituelles Ereignis? Nduduzo Makhathini findet Ja. Der Auftritt des südafrikanischen Pianisten war nicht die einzige Überraschung am Festival da Jazz in St. Moritz.

An Musik muss es heutzutage niemandem mangeln. Sie ist fast gratis zu streamen, und jeder bekommt den massgeschneiderten Soundtrack für seinen Alltag auf die Ohren. Dank automatischer Produktion ist für nie versiegenden Nachschub gesorgt, ohne dass dafür ein Mensch zum Instrument zu greifen braucht. Es ist wohl kein Zufall, dass zur gleichen Zeit eine grosse Empfänglichkeit herrscht für Live-Ereignisse. Für Konzerte und für Musiker, die nicht nur aufeinander hören, sondern auch auf ihre Zuhörer.

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Dem Jazz, der in grossen Teilen aus dem Moment und der Interaktion heraus entsteht, ist die gegenseitige Beachtung von Künstler und Hörer wesenhaft eingeschrieben. Und im engen, schummrig-schaurigen Dracula Club, dem Stammlokal des St. Moritzer Festival da Jazz, wird der Ereignischarakter der Musik durch die Nähe der Gäste zu den Stars aufs Eindrücklichste erfahrbar.

Fordernde Blicke

Am Samstagabend stand die Sängerin und Pianistin Eliane Elias, vielfache Grammy-Gewinnerin und gefeierte Interpretin des brasilianischen Jazz, auf dem Programm. Erwarten mochte man in diesem exklusiven Klub einen Abend der gepflegten Vorhersehbarkeit. Eine Show mit gefälligen Interpretationen der Bossa-Nova-Evergreens.

Dies könnte Elias bieten, doch es wäre ihr zu wenig. Auch ihre Band widerspricht dem Klischee einer blossen Begleitkulisse für die Sängerin. Die 65-jährige Musikerin hat sich ein Quartett zusammengestellt, mit dem sie auf Augenhöhe aus dem Moment heraus Musik macht. Nicht zufällig sind ihr Schlagzeuger (Mauricio Zottarelli) und ihr Gitarrist (Leandro Pellegrino), wie sie selbst, Brasilianer, die in den USA ausgebildet wurden. Den Kontrabass spielt ihr Ehemann Marc Johnson.

Die Band ist bestens eingespielt, die Arrangements sind raffiniert. Wie hoch die Ansprüche sind, zeigt sich, wenn für die Leaderin etwas nicht stimmt. Sie kann dann ihren Ärger nicht verbergen und wirft ihren Mitmusikern hektische Gesten und fordernde Blicke zu. Doch zum Glück gelingt fast alles, und Elias kann die meiste Zeit lächelnd und strahlend musizieren.

Elias belässt es nicht dabei, polierte Interpretationen von Bossa-Nova-Klassikern wie «Desafinado» oder «The Girl from Ipanema» herunterzuspielen. Sie ist eine Improvisatorin, die das Interplay liebt und das Risiko nicht scheut. Insbesondere im Zwiegespräch mit dem virtuosen Schlagzeuger verdichtet und steigert sich ihr rhythmusbetontes Spiel. Dass Elias eine in der Wolle gefärbte Jazzerin ist, mag manchen Hörer ihrer für die breite Hörerschaft konfektionierten Alben etwas überrascht haben.

Rituale

Am Sonntagmorgen bespielte das Festival da Jazz einen Aussenposten im Bergell, die Kirche San Pietro in Stampa. Die Präsentation von Stefan Rusconis Piano-Solo-Rezital im Chor war passend, denn der 46-jährige Schweizer Pianist bezeichnet seine Konzerte als Rituale. Die Songs seines Albums «Solace» seien die Zeugnisse seiner Aufarbeitung einer Lebenskrise, die ihn acht Jahre kostete, und zugleich seien sie die Feier seiner wiedergewonnenen Lebensfreude. Beide Aspekte seien präsent, wenn er seine intimen Werke mit einem Publikum teile, erklärte er.

Früher hatte sich Stefan Rusconi als Kopf des Trios Rusconi durch musikalisches Experimentieren über alle Genregrenzen hinweg einen Namen gemacht. Die Rückkehr zur Musik erfolgte nun in vorsichtigen Schritten. Titel wie «Leaving Earth» oder «Falling» lassen erahnen, dass Rusconis neue Kompositionen das künstlerische Destillat einer Trauerarbeit und einer Erkundung eines verletzten Selbst sind.

Die Stücke sind meist kurz und eher einfach aufgebaut, etwa als Abfolge von modalen Sequenzen. Es sind tastende Erkundungsgänge, Rusconi lässt den Klängen in der Kirche viel Zeit zum Nachhallen – und damit seinen Hörern Raum zur Selbstbefragung.

Das Konzert hört das Publikum

Das Augenzwinkern, mit dem Stefan Rusconi sein Konzert als Messe bezeichnete, war in Nduduzo Makhathinis Gesicht am selben Abend im Dracula Club nicht zu entdecken. Der 42-jährige südafrikanische Pianist inszeniert und kommentiert seine Konzerte als spirituelle Ereignisse. In der Rolle, die der promovierte Musikwissenschafter für sich geschaffen hat, verschmilzt der musikalische Performer mit einem schamanistischen Heiler.

Makhathinis neues Album ist einer Zulu-Gottheit gewidmet, und die Stücke behandeln etwa «Trankopfer», «Wassergeister» oder «innere Verwirklichung». Ungeachtet des spirituellen Überbaus und der predigtartigen Ansprachen lieferte das südafrikanische Pianotrio indessen ein packendes, überraschungsreiches Konzert. Passagen mit repetitiven Sprechgesängen in Makhathinis samtener Stimme und manche esoterisch anmutende Samples erinnern immer wieder an den religiösen Gehalt, den er selbst seiner Musik zuschreibt.

Doch Makhathinis Kompositionen sind voller Ideen. Oft lässt er seinen Bassisten ein kerniges, unverrückbares Ostinato durchhalten, das er mit changierenden Harmonisierungen ausfüllt und umspielt. Schlichte Riffs entwickeln sich allmählich zu ekstatischen, tranceartigen Grooves, über die das Trio stets Kontrolle behält. Neben Stücken, die an den modalen und spirituellen Jazz der sechziger Jahre erinnern, hat Makhathini Songs im Repertoire, die aus der Gospel-Tradition schöpfen.

Manch einer schaute skeptisch, als Makhathini im Dracula Club philosophierte, die Hörer hätten sich mit dem Universum in Übereinstimmung zu bringen – und in Wahrheit sei es das Konzert, das dem Publikum gut zuhöre. Doch genau so geschah es an diesem bewegenden Abend. Die Hörer wurden gehört, und sie waren zu ihrer eigenen Überraschung begeistert.

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