Die Angehörigen der religiösen Minderheit fürchten sich vor weiteren Kämpfen und Racheakten. In den verarmten libanesischen Nordprovinzen sind sie allerdings nicht nur willkommen.
«Sie wollen uns alle umbringen», ruft Samira. Die 50-jährige Syrerin, die weder ihren Nachnamen nennen noch fotografiert werden will, sitzt in einem überfüllten Raum im Erdgeschoss einer Moschee in Massoudieh – einem Dorf im äussersten Norden Libanons. Um sie herum drängen sich lauter Flüchtlinge aus Syrien. Sie sind mit nichts anderem als ihren Kleidern am Leib über den nahen Grenzfluss al-Kabir ins Nachbarland geflohen.
«Wir haben in Syrien keine Zukunft mehr», sagt Samira, die bis vor kurzem mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in einem Dorf nahe der syrischen Metropole Homs ein einfaches Leben führte. «Die Jihadisten kamen und fingen an, uns zu ermorden. Wir mussten fliehen. Zuerst flohen wir an die Küste und später, als das Morden auch dort losging, hierher.» Mit «Jihadisten» meint die Alawitin die Sicherheitskräfte der neuen syrischen Regierung in Damaskus.
Hunderte Zivilisten wurden getötet
Anfang März war in den syrischen Küstenprovinzen Tartus und Latakia ein Aufstand gegen die Regierung des neuen Präsidenten Ahmed al-Sharaa ausgebrochen, dessen Miliz im Dezember Syriens Diktator Bashar al-Asad gestürzt hatte. Asad-Loyalisten griffen die Sicherheitskräfte der neuen Regierung an, überrannten Checkpoints und Verwaltungsgebäude. Die Regierungstruppen und islamistische Milizen schlugen brutal zurück.
Bei den Kämpfen wurden Hunderte Zivilisten getötet, es kam zu zahlreichen Massakern an Alawiten. Die Angehörigen dieser Minderheit gelten in Syrien vielen als Anhänger des gefallenen Regimes, weil sie in der Armee von Bashar al-Asad – ebenfalls ein Alawit – und dessen Sicherheitskräften überproportional vertreten waren. In den vergangenen Wochen sind Tausende Alawiten ins benachbarte Libanon geflohen, wo sie in Schulen und Privathäusern unterkommen.
Die Flüchtlinge in Massoudieh erzählen schreckliche Dinge. Schon im Dezember hätten vermummte Kämpfer in seinem Dorf alawitische Zivilisten ermordet, sagt Ali, ein 21-jähriger Mann aus dem Umland von Homs. «Sogar ein alawitischer Scheich, der mit der neuen Regierung verhandeln wollte, wurde erschossen.» Noch immer hat sich die Lage in den Küstengebieten nicht wirklich beruhigt.
«Sharaa soll auch hier mit den Alawiten aufräumen»
Über 13 000 Alawiten sollen seit den Massakern aus Syrien in die nordlibanesische Provinz Akkar geströmt sein. «Bei uns leben inzwischen rund 5000 Flüchtlinge», sagt Ali Ahmed al-Ali, der Bürgermeister von Massoudieh. Er bekomme zwar Hilfe von humanitären Organisationen, aber der libanesische Staat halte sich zurück. «Wir brauchen internationalen Schutz», sagt er. «Die Uno, der Westen oder meinetwegen sogar die Israeli sollen die Alawiten beschützen.»
Ali ist selbst Alawit. In Nordlibanon leben rund 150 000 von ihnen. Fast alle verfügen über familiäre Bindungen ins benachbarte Syrien. Nun nehmen sie ihre Glaubensbrüder bei sich auf. Aber die Mittel sind begrenzt. Akkar gilt als vernachlässigte Gegend. Wer von Beirut aus nach Norden fährt, quält sich über Strassen voller Schlaglöcher. In ärmlich aussehenden Dörfern sitzen Männer in Trainingsanzügen vor halbleeren Läden und rauchen Zigaretten der Billigmarke Cedar.
Die Beiruter Regierung hat den abgelegenen Norden schon immer stiefmütterlich behandelt. Libanon hatte zuletzt andere Probleme: Das Land leidet nach wie vor unter einer schweren Wirtschaftskrise und den Folgen des Krieges zwischen dem Hizbullah und Israel, der weite Teile des Südlibanon in Trümmer gelegt hat. Sollte irgendwann wieder Geld ins bankrotte Land fliessen, wird es wohl als Erstes im Süden ankommen – nicht in Akkar.
Die neue Flüchtlingskrise ist für Libanon aber noch aus einem anderen Grund ein Problem. Das Land droht in die Wirren in Syrien mit hineingezogen zu werden. Im libanesischen Norden leben nicht nur Alawiten, sondern auch viele Sunniten, die ebenfalls über enge Verbindungen über die Grenze verfügen. Doch im Gegensatz zu den Alawiten stehen die meisten Sunniten fest an der Seite der Aufständischen, die sich 2011 gegen Asad erhoben hatten.
Entsprechend euphorisch ist unter ihnen die Stimmung nach dem Sturz des Diktators. «Ahmed al-Sharaa ist ein Held, er hat uns alle befreit», sagt Ahmed Shabin, ein Coiffeur in der libanesischen Hafenstadt Tripolis, während er einem stämmigen Mann mit einer Pinzette die Haare aus den Ohren zupft. Der Kunde geht sogar noch einen Schritt weiter. «Sharaa soll herkommen und auch mit den Alawiten in Tripolis aufräumen», ruft er.
Schon 2015, während der Hochphase des syrischen Bürgerkriegs, waren die beiden Religionsgemeinschaften in Tripolis aneinandergeraten. Shabins Coiffeurgeschäft im Sunnitenviertel Bab al-Tabbaneh lag damals direkt an der Frontlinie. Nur ein paar Meter weiter, jenseits der Hauptrasse, beginnt Jabal Mohsen, die Alawitenhochburg von Tripolis. Bis heute zeugen Einschusslöcher in den Fassaden von den Kämpfen.
In Tripolis steigt die Anspannung
Zwar gelang es der libanesischen Armee, den Konflikt gemeinsam mit Würdenträgern aus beiden Vierteln beizulegen. Doch angesichts der Lage in Syrien steigt die Anspannung erneut. «Viele Leute in Bab al-Tabbaneh haben Angehörige in Syrien verloren», sagt Jalal Hosn, der Vorsteher des Viertels, in seinem winzigen Büro gleich neben einer Metzgerei. «Sie vermuten, dass auch ehemalige Schergen des Asad-Regimes nach Jabal Mohsen geflohen sind. Sie wollen Gerechtigkeit.»
Im Alawitenviertel Jabal Mohsen weist man diese Anschuldigung zurück. «Wir haben den Behörden gesagt: ‹Kommt her und durchsucht unsere Häuser. Wenn ihr jemanden findet, dann übergeben wir ihn an die Sicherheitskräfte›», sagt Bashar Halabi. Der Alawit arbeitet für den Islamischen Alawitischen Rat – eine Mischung aus religiöser Stiftung und Hilfsorganisation. Auch in Jabal Mohsen seien Flüchtlinge aus Syrien untergekommen. Die Stimmung sei angespannt. «Natürlich haben die Leute hier Angst. Aber wir hoffen, dass alles ruhig bleibt.»
Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Viertel kaum, sie sind bettelarm und heruntergekommen. Nur die Wandbilder weisen darauf hin, wo man sich gerade befindet. In Bab al-Tabbaneh hängen die ausgebleichten Porträts gefallener syrischer Rebellenkämpfer. In Jabal Mohsen war es einst Bashar al-Asad, der auf die schmutzigen Strassen herabblickte. Inzwischen ist sein Konterfei aber verschwunden.
Noch sorgt die Armee für Ordnung
Im Zentrum von Tripolis hängen dafür nun riesige Poster von Ahmed al-Sharaa. Der Sieg des syrischen Rebellenführers war in der mehrheitlich sunnitischen Stadt tagelang gefeiert worden. Inzwischen hat sich die Euphorie abgekühlt. Die Leute hätten andere Probleme, sagt Mustafa Alloush, ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter und Arzt am Nini-Spital in Tripolis. Immer öfter müsse er Schussverletzungen behandeln. «Die vielen Schiessereien sind eine Folge der katastrophalen Wirtschaftslage. Wegen jeder Kleinigkeit gehen die Leute aufeinander los.»
Alloush, dessen Vater Sunnit und dessen Mutter Alawitin ist, glaubt nicht, dass Tripolis ein Bürgerkrieg bevorsteht. Die meisten Sunniten in der Stadt seien zwar islamistisch geprägt, aber insgesamt moderat. Dennoch: Seit dem Fall des Asad-Regimes gelangen grosse Mengen an Waffen aus Syrien in die Stadt. Drogen, Kriminalität und Arbeitslosigkeit plagen die als Armenhaus geltende Mittelmeermetropole. «Tripolis braucht unbedingt Hilfe», sagt Alloush, «sonst droht eine Explosion.»
Noch sorgt die libanesische Armee für Ordnung. Die unterfinanzierte Truppe geniesst im Norden Libanons hohes Ansehen. Fast 80 Prozent der Soldaten kämen selbst aus dem Norden, man könne auf sie zählen, sagt Jalal Hosn, der Vorsteher von Bab al-Tabbaneh. Sunniten dienen im Militär genauso wie Alawiten. «Wir vertrauen der Armee und hoffen, dass sie weiterhin für Sicherheit sorgt», sagt auch der Alawit Bashar Halabi in Jabal Mohsen. Zumindest darin sind sich beide einig.