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Startseite » Oper Zürich: Das Volk lässt sich immer gern verführen
Feuilleton

Oper Zürich: Das Volk lässt sich immer gern verführen

MitarbeiterBy MitarbeiterJuni 11, 2025
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Oper Zürich: Das Volk lässt sich immer gern verführen

Als letzte Inszenierung seiner Intendanz am Opernhaus Zürich zeigt Andreas Homoki das Oratorium «Elias» von Mendelssohn. Christian Gerhaher macht aus der Titelfigur einen Zweifler, der mit seiner Mission hadert. Vielleicht ist er sogar ein Aufschneider.

Das Problem mit Propheten ist, dass ihre Prophezeiungen nicht immer in der Weise Wirklichkeit werden, wie sie es uns gläubigen Schäflein wortreich verheissen. Alles ganz einfach, versprechen manche, wenn ihr mir nur ohne Widerspruch folgt. Aber wehe, es wagt doch jemand die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität zu benennen: Es könnten die Schäflein ja auf den Gedanken kommen, dass man einem falschen Propheten aufgesessen sei. Sich von dieser Spezies wieder zu befreien, etwa von grossspurigen Machtmenschen, die für alles simple Lösungen anbieten, ist in unserer komplexen Gegenwart leider nicht mehr so leicht wie für Elias, den grossen Propheten des Alten Testaments: Er fegt mit göttlicher Unterstützung die zwielichtige Konkurrenz von der Götzen-Partei des Baal kurzerhand hinweg.

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Felix Mendelssohn Bartholdy hat der eindrucksvollen Gestalt, die im Christentum teilweise als Wegbereiter Jesu gedeutet wird, im Jahr 1846 sein bedeutendstes Oratorium gewidmet. Packend prallt darin die Gottesgewissheit der Titelfigur auf die Verführungsmacht der Baalspropheten, deren falsche Versprechungen Elias drastisch entlarvt. Er wünsche sich auch für die eigene Zeit einen derartigen Propheten, «stark, eifrig, auch wohl bös und zornig und finster», schrieb Mendelssohn selbst während der Arbeit. Andreas Homoki greift den Gedanken nun für seine letzte Inszenierung als Intendant der Oper Zürich auf und konfrontiert die Zuschauer in einer Bühnenadaption mit der Frage, wie man heute echte von falschen Propheten unterscheidet.

Eine Rolle für Christian Gerhaher

Ein Oratorium wie Mendelssohns «Elias» kommt eigentlich ohne Kulissen, Kostüme und szenische Darstellung aus – es ist Musik für die Kirche oder den Konzertsaal. Die Idee, ein solches Werk dennoch szenisch zu zeigen, hat seit längerem Konjunktur in der Opernwelt. In Hamburg wird der Regisseur Tobias Kratzer seine kommende Intendanz sogar mit einer Adaption von Robert Schumanns «Das Paradies und die Peri» eröffnen. Homoki führt für seine Wahl des «Elias» als Abschluss seiner dreizehn Jahre in Zürich zwei Motive an: Er habe den hier besonders geforderten Chor des Hauses ins beste Licht setzen wollen, und er habe nach einer tragenden Rolle für den grossen Bariton Christian Gerhaher gesucht. Mit ihm hat er prägende Erfolge seiner Intendanz wie Alban Bergs «Wozzeck» und Heinz Holligers «Lunea» erarbeitet.

Wie diese Produktionen ist auch Homokis szenische Lesart des «Elias» stark auf Gerhaher zugeschnitten. Mit gutem Grund: Gerhaher ist nicht nur einer der feinsinnigsten Lied- und Oratoriensänger unserer Zeit; der äusserst selbstkritische und reflektierte Künstler gibt in der Regel auch seinen Bühnenrollen ein vielschichtiges Profil. So auch hier: Er zeigt den Propheten nicht als herrischen Gotteskrieger, sondern als Zweifler, der ersichtlich schwer an der Last seiner Aufgabe trägt. Denn Gerhaher macht durch subtile Gesten und Akzentuierungen einzelner Phrasen deutlich, dass dieser Prophet unterschwellig mit den Mitteln hadert, mit denen er die Menschen zum rechten Glauben an den einen und wahren Gott bekehren will.

Das beginnt bereits mit dem berühmten Anfang von Mendelssohns Bibelvertonung: Das Regenverbot, das Elias hier über Israel verhängt, ist nach modernen Massstäben ein unlauterer Schachzug, der die Menschen absichtsvoll ins Elend stürzt. Gerhahers Elias erkennt das, und er weiss, dass das Folgende eine – nämlich seine – Inszenierung ist. Fast widerwillig betrachtet er den dadurch angefachten Wettstreit zwischen Gott und dem Götzen, wer denn nun das Brandopfer zu entzünden und den ersehnten Regen zu bringen vermag. Als tatsächlich Feuer vom Himmel fällt, blickt Gerhaher mit einer unnachahmlichen Mischung aus Erstaunen und Genugtuung auf die Flamme – so schaut ein Suchender, der selbst vor Augen geführt bekommt, dass der weite, dunkle Himmel über ihm vielleicht doch nicht leer ist.

Denkaufgaben fürs Publikum

Homoki bricht diesen Schlüsselmoment szenisch auf das Entzünden einer schlichten Kerze herunter. Auch sonst findet seine Inszenierung im wandelbaren, von Franck Evin effektvoll ausgeleuchteten Einheitsraum von Hartmut Meyer betont einfache, unpathetische Bilder. Einzelne Figuren wie der von Elias wiedererweckte Knabe (Sylwia Salamonska), die Witwe (Julia Kleiter) oder der früh bekehrte Obadjah (Mauro Peter) spiegeln Elias die Folgen seines Handelns unmittelbar wider. Andere, wie die Königin (Indyana Schneider), die die Israeliten gegen Elias aufhetzt, oder auch die Engel im bekannten Doppelquartett «Denn er hat seinen Engeln befohlen», treten immer nur kurz aus der Menge und in ihre wechselnden Rollen – die Engel sogar mit sichtbar übergestreiften Flügeln.

Das Volk, hier in trister Alltagskleidung, ist nämlich eine wankelmütige, leicht zu begeisternde, auch furchteinflössende Masse. Aber immer wieder individualisiert die Regie sinnfällig Einzelne oder kleinere Gruppen, um deren wechselnde Gemütslagen zu reflektieren. Für den von Ernst Raffelsberger einstudierten Opernchor, der seinen anspruchsvollen Part auswendig singt, bedeutet dies eine zusätzliche Herausforderung. Anfangs zerfällt der Chorklang gelegentlich in Einzelstimmen. Doch das Ensemble formiert sich bald, und nach etwas fahrigem Beginn entfesselt der Generalmusikdirektor Gianandrea Noseda am Pult der Philharmonia mit durchwegs fliessenden Tempi eine hochdramatische Dynamik.

Der Schluss entlässt das Publikum mit ein paar Denkaufgaben: Als Elias seinem Gott in der Wüste begegnet, segeln simple Papierflugzeuge aus dem Bühnenhimmel – das Opernhaus bewirbt die Produktion mit dem vieldeutigen Motiv. Ist es ein Symbol des Aufbruchs oder des Abschieds? Ist es ein selbstironischer Hinweis des «Herrn» am Regiepult, dass auch dies alles, frei nach Goethe, ein «Schauspiel, aber ach, ein Schauspiel nur» war? Immerhin entschwindet Elias mit einem letzten Knalleffekt, einer spektakulären Feuersäule, von der Bühne: War er doch bloss ein Aufschneider, oder hat er seine Mission erfüllt? Wir müssen die Probleme nun jedenfalls ohne Propheten lösen.

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