Radikaler Staatsabbau, kompromisslose Migrationspolitik: Präsident Trump und sein Gehilfe Musk gehen rabiat vor. Sie stützen sich auf eine Theorie aus der Businesswelt: die Disruption. Wie tauglich ist die Idee in der Politik?
Es war ein Riesenspektakel, als der argentinische Präsident Javier Milei dem Tech-Milliardär Elon Musk auf der Bühne eine rote Kettensäge überreichte. «Es lebe die Freiheit, verdammt!» stand auf dem Ungetüm, das Musk zu lauten Rockrhythmen schwang. Dazu brüllte er: «Die ist für die Bürokratie!» Das war im Februar an der Conservative Political Action Conference in National Harbor. Das Publikum war begeistert.
Es war ein Auftakt für die politische Umwälzung, die die USA gerade in atemberaubendem Tempo erleben. «Disruption», also Störung und Unterbrechung, lautet das Schlagwort der rechten Rebellen: Alles wird zerlegt, und dies ausgerechnet im Namen des Konservativismus.
«Bewege dich schnell, und zerbrich Dinge»
Dabei verwies der Begriff Disruption ursprünglich auf technologische Neuerungen, die Märkte umwälzen. Ein Paradebeispiel ist das Smartphone: Es verdrängte Telefon, Fotoapparat und Filmkamera. Einen ähnlichen Effekt haben neue digitale Geschäftsmodelle wie der Fahrdienst Uber oder die Plattform Airbnb, die ganze Branchen obsolet machen können. Der aktuelle Inbegriff einer Marktdisruption ist die künstliche Intelligenz.
Solche Innovationen tauchen rasch und kaum vorhersehbar auf. Sie stellen die Managements etablierter Firmen vor gewaltige Herausforderungen. Sie müssen blitzartig reagieren – oder im Idealfall selbst innovativ-disruptiv vorangehen. Ganz nach dem Motto des Facebook-Gründers Mark Zuckerberg: «Bewege dich schnell, und zerbrich Dinge.»
Inzwischen hat die Lust am Schock auch die Politik erreicht. Neben dem libertären Milei in Argentinien sind Donald Trump und Elon Musk die prominentesten Abbruchunternehmer. Sie lassen in der Verwaltung, aber auch im Welthandel und in der Geopolitik keinen Stein auf dem anderen. Sie zetteln – so paradox es klingt – eine «konservative Revolution» an, um mit dem Bestehenden zu brechen und in eine Zeit zurückzugehen, in der Amerika angeblich noch «gross» war.
Die permanente Revolution
Geht man allerdings zu den Ursprüngen der Disruptionsidee zurück, wird klar, dass das Konzept der radikalen Neuheit nicht so radikal neu ist, wie oft behauptet wird, sondern so alt wie die Moderne. Bereits Marx und Engels schrieben 1848 im «Kommunistischen Manifest», der moderne Kapitalismus sei charakterisiert durch die fortwährende Umwälzung der Produktion, die stete Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, so dass alles Ständische und Stehende verdampfe.
Hundert Jahre später sprach der Wirtschaftswissenschafter Joseph Schumpeter von der «Instabilität des Kapitalismus» und prägte den berühmten Ausdruck der «schöpferischen Zerstörung», mit deutlichen Anleihen bei Marx. 1997 publizierte Clayton Christensen «The Innovator’s Dilemma». In dem Buch hielt er fest, dass etablierte Firmen, die ihre Produkte nur sanft verbesserten (wie IBM mit seinen Grosscomputern), oft von jungen Unternehmen aus dem Rennen geworfen würden, die etwas Bahnbrechendes ausprobierten (wie Microsoft, das Betriebssystem MS-DOS und die Entstehung der PC).
Die heutigen Anhänger der Disruptionstheorie aus dem Silicon Valley beziehen sich gerne auf die «schöpferische Zerstörung», lassen jedoch aus, dass Schumpeter vor gravierenden Folgen warnte: Die permanenten Veränderungen würden die Menschen überfordern und die freie Marktwirtschaft bedrohen. Auch zeitgenössische Soziologen wie Richard Sennett («Der flexible Mensch») betonen das soziale und psychologische Malaise in einer globalisierten Welt.
Es ist eben zweierlei, sachlich zu konstatieren, dass sich der technologische Fortschritt und die wirtschaftlich-sozialen Veränderungen beschleunigen, oder aber wie die Anhänger der Disruption diese Entwicklung als Durchbruch zu bejubeln. Auch tun die Verteidiger der Abrissbirne-Methoden oft so, als lebten wir immer noch in einer starren Welt, die es endlich zu zertrümmern gelte, während die «permanente Revolution» doch mindestens so alt ist wie die Neuzeit, auch wenn sie immer schneller fortschreitet.
Ein gefeierter Vordenker der Disruption ist der Management-Guru Terence Mauri, Autor des Buches «The Upside of Disruption». Kein Risiko einzugehen, sei das grösste Risiko, lautet einer seiner bekannten Slogans. Im Gespräch verströmt er eine mitreissende Begeisterung für alles Neue, Unkonventionelle und Kreative. «Man kann die Zukunft nicht mit Konzepten der Vergangenheit verstehen», sagt er. «Denkerisch hinken wir der Gegenwart dauernd hinterher.» Das ist zweifellos richtig. Aber ist die Erkenntnis so revolutionär neu? Meinte Heraklit nicht dasselbe, als er vor rund 2500 Jahren feststellte, dass alles fliesse und man nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen könne?
Experten-Verteufelung
Mauri und seinesgleichen lassen in ihrem Innovationsfuror auch ausser acht, dass es trotz allen Umwälzungen bewährtes Wissen gibt. Die Frage ist, wo man es noch anwenden kann und wo nicht. Niemand würde den Bau einer Autobahnbrücke einem Laien anvertrauen, aber vielleicht hat ein junger Ingenieur dabei kühnere Ideen als ein durch Erfahrung und Routine Verknöcherter. Nebst dem Fortschritt braucht es auch Tradition, sonst herrscht Chaos. Wie die Historikerin Jill Lepore zur Disruption bemerkte: «Durch ihre Fixierung auf den Wandel ist sie blind für Kontinuität.»
Diese Einseitigkeit kann zur Verachtung für Experten führen, die sich in den USA gegenwärtig in der Massenentlassung von Beamten und Wissenschaftern äussert. Manchmal drückt sie auch einfach die Arroganz einer millionenschweren Tech-Elite aus. Mit der Behauptung einer noch nie da gewesenen Zäsur serviert sie die bisherige Bildungselite ab.
Auch Mauris Konzept des «Unlearning» ist nicht so revolutionär, wie es klingt. «Gute Leader lernen, sehr gute verlernen», sagt er. Oder auch: «Zu viel Information kann zu einem Mangel an Aufmerksamkeit führen.» Er meint damit, dass Intelligenz nicht nur bedeute, Wissen anzusammeln, sondern auch, alte Informationen loszulassen, um Platz für Neues zu schaffen. Dieser Gedanke ist allerdings ebenfalls älteren Datums. Schon die Zen-Buddhisten lehrten, dass man seinen Geist leeren und wieder zum «Anfänger» werden müsse, um für das Hier und Jetzt offen zu sein. Friedrich Nietzsche sprach vom «Nachteil der Historie»: Ein zu gebannter Blick auf die Vergangenheit kann lähmen. Zum mutigen Handeln gehört Vergessen oder zumindest Vereinfachung. Das gilt heute, angesichts der Informationsflut, mehr denn je.
Nicht alles, was neu ist, ist besser
Mauri selbst räumt ein, dass Disruption keine Erfindung des Silicon Valley, sondern bereits in der Natur angelegt sei. Als Beispiel nennt er die Bienen. «Mittels des Schwänzeltanzes zeigen sich Bienen, wo sich Futterquellen befinden», sagt er. «Aber ein Fünftel der Bienen ignoriert die Anweisung und fliegt in andere Richtungen. Das ist eine langfristige Überlebensstrategie des Bienenvolks. Es braucht die Mehrheit, die auf Nummer sicher geht, aber es braucht auch Aussenseiter, die neue Quellen für die Zukunft ausfindig machen.» In der Evolution insgesamt zeigt sich ein ähnliches Prinzip. Sie schreitet durch Mutationen, also Fehler und Abweichung vom Bisherigen voran. Aber ebenso braucht es die Weitergabe derjenigen Gene, die sich im Überlebenskampf bewährt haben.
Deshalb darf Disruption nicht Selbstzweck sein, sonst kippt sie leicht ins Pubertäre. «Nicht alles, was neu ist, ist zwingend besser», sagt Mauri. Schliesslich waren Tech-Pioniere wie Musk, Jobs oder Bezos nicht wegen ihrer Zerstörungen erfolgreich, sondern dank ihren Produkten, die so begehrt waren, dass sie ganze Märkte umpflügten. Laut Mauri geht es darum, unabhängig zu denken – und nicht einfach nur anders.
Sogenannte Contrarians wie der Tech-Investor Peter Thiel machen sich zu konträren Sklaven des Mainstreams, indem sie zwanghaft das Gegenteil behaupten. Nicht Reflexhaftigkeit charakterisiert den Innovator, sondern Agilität und Kreativität.
Zu den heutigen «Zertrümmerern» Trump und Musk sagt Mauri diplomatisch: «Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von steilen Lernkurven, schwierigen Entscheidungen und Perioden der Erhebung. Gegenwärtig befinden wird uns in der Winterphase der Disruption, in der alte Systeme auseinanderbrechen und den Weg frei machen für neues Wachstum und Erneuerung im folgenden Frühling.»
Disruption sei zyklisch wie die Natur. «Arbeits- und Lebensweisen kommen an ein Ende, um in neuer Gestalt aufzuerstehen. Es beginnt mit einer Unterbrechung des Herkömmlichen und der Trägheit, aber nachher braucht es für eine langfristige Vitalität Vorstellungskraft und Neuinterpretation.» Er sagt es nicht direkt, aber beim philosophischen Kommentar zur politischen Gegenwart kann man herauslesen, dass er Trump bei der «schöpferischen Zerstörung» die Zerstörung zutraut, aber für den schöpferischen Part andere als geeigneter erachtet.
Die Disruption in der Politik
Revolutionäre Rezepte aus der Tech-Branche lassen sich nicht ohne weiteres auf die Politik übertragen. In der Privatwirtschaft können Fehlentscheidungen des Managements – weil sie zu wenig oder allzu disruptiv sind – eine Firma ruinieren. In der Politik hingegen entscheiden manche Schritte – Beispiel Covid-Pandemie – über Leben und Tod von unzähligen Menschen.
Zudem können in einer Demokratie radikale Veränderungen nicht ohne Konsens und Akzeptanz durchgesetzt werden. Politische Strukturen mit ihren Institutionen, ihrer Verfassung und Gesetzen, parlamentarischen Abläufen, der Gewaltenteilung und internationaler Einbettung sind stabiler als wirtschaftliche Verhältnisse und Märkte. Disruption ist in der Politik oft verbunden mit Krisen, Revolutionen oder Kriegen, und dagegen schützt sie sich mit «checks and balances» – Mechanismen der Verlangsamung und der Absicherung gegen Umbrüche.
Kurz: Disruption ist ein faszinierendes Konzept, aber es ist in theoretischer Hinsicht nicht so bahnbrechend, wie es sich gibt. In praktischer Hinsicht bergen Kettensägenmassaker nebst Chancen auch massive Risiken – vor allem wenn sie als politisches Allheilmittel propagiert werden.