Der populistische Präsident will den globalen Handelsstreit so sehr, dass er das amerikanische Volk vergisst.
Im Rosengarten des Weissen Hauses, am 2. April, zeigte Trump der Welt den Meister. Er bekräftigte, wie ernst es ihm ist mit dem Protektionismus der amerikanischen Industrie. «Jahrzehnte lang wurde unser Land geplündert, ausgebeutet, vergewaltigt und beraubt, von Nationen nah und fern, sowohl von Freund als auch Feind», intonierte er am Mittwochabend zu Beginn seiner Rede im Rosengarten des Weissen Hauses. Dann liess er den Zollhammer auf die vermeintlichen Handelsfeinde in Brüssel, Peking und Bern niedersausen.
Wobei er sehr gut gelaunt schien, während er die Welthandelsordnung zumindest für den Moment zertrümmerte – und die Spekulationen, dass Trump es doch nicht so ganz ernst meint mit seinen grossspurigen Drohungen.
Für Trump war es ein Freudentag, ein persönlicher «Tag der Befreiung», denn für ihn ging ein Jugendtraum in Erfüllung. Die paranoide Vorstellung, dass die USA von listigen Handelspartnern abgezockt und ruiniert werde, prägte Trump schon in den achtziger Jahren. Schon damals sah sich der aufstrebende Immobilienunternehmer als prädestiniert an, die amerikanische Volkswirtschaft zu retten.
Trump hat einen grossen Plan
Man darf sich von der absurden Theatralik seines Auftritts nicht täuschen lassen: Trump hat einen Plan für die Neuordnung der Welthandelsordnung, der während Jahrzehnten gereift ist und den die Classe Politique und Economique zunächst verspottete. Das ändert sich mit seiner Wahl zum Präsidenten der USA 2016 – sein Gespür für die gebeutelte amerikanische Arbeiterschaft verhalf ihm zum Erfolg. Es ist Trumps Leistung, dass sich in den USA sowohl die Republikaner wie die Demokraten vom Freihandel grösstenteils verabschiedet haben.
Doch dem Maximalisten Trump genügt das nicht. Er will mehr, er will die Handelsbilanzdefizite ausgleichen und eine Renaissance der amerikanischen Industrie erwirken. Das ist der Kerngedanke von Make America Great Again. Nationalkonservative Ökonomen sind in Washington en vogue, wie etwa Oren Cass, der Trumps Protektionismus theoretisch untermauert. Cass argumentiert, dass der Freihandel zu negativen externen Effekten führt, indem er die industrielle Basis eines Landes vernichtet. Da Konsumenten sich von tiefen Preisen leiten lassen und nicht von der nationalen Sicherheit oder wirtschaftlicher Resilienz, müsse man sie von der Sucht nach billigen Importgütern befreien –mittels hohen Zöllen, so Cass. Der Standpunkt ist nicht esoterisch, allerdings blendet Cass die negativen Effekte eines Handelsstreits aus.
Von der politischen Vernunft verlassen
Das Problem von Trump ist nicht, dass er gänzlich falsch läge, sondern dass seine Obsession, die amerikanische Wirtschaft «befreien» zu müssen, so masslos ist, dass er seinen politischen Instinkt verloren hat. Denn der Backlash seitens der Wähler wird früher oder später kommen, wenn die Inflation wieder anzieht und die Ersparnisse für die Altersvorsorge an der Börse dezimiert werden. Trump und seine Mitstreiter haben im Vorfeld des «Liberation Day» begonnen , die Amerikaner für eine Rezession vorzubereiten. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Wähler wenig Toleranz für Wirtschaftskrisen haben, wie die Abwahl der Präsidenten Jimmy Carter und George Bush zeigen.
Es mag sein, dass in der polarisierten amerikanischen Politik die Wähler treuer geworden sind. Wahrscheinlicher ist, dass Trump sein politisches Kapital schwer überschätzt. Selbst wenn das tollkühne Experiment von Trump aufgehen würde, die USA aus dem Handelskrieg als Sieger hervorgehen würden, und es zu einer Renaissance der amerikanischen Industrie käme: es wäre ein langfristiger Prozess. Die Mühlen der Politik malen schneller als sich die Industrie wieder erwecken lässt, das musste auch Joe Biden jüngst erfahren.
Die meisten Amerikaner haben kein Reservepolster, um auf das Elysium zu warten, das ihnen Trump verspricht. Sie sind hoch verschuldet und leben von Lohnschein zu Lohnschein. Der grosse Volksverführer wird die Kosten für sein megalomanisches Experiment nicht bezahlen – das sind die anderen.