Im Streit zwischen Belgrad und Pristina sind vor allem die Kosovo-Serben die Verlierer. Zehntausende stehen vor der Frage, ob sie weggehen sollen. Eine Reportage über eine Minderheit, die nirgendwo dazugehört.
Hoch über der Stadt Mitrovica im Norden Kosovos prangt ein brutalistisches Denkmal aus jugoslawischer Zeit: Zwei massive Säulen tragen einen stilisierten Förderwagen. Es ehrt die Bergleute, Albaner und Serben, die im Zweiten Weltkrieg gemeinsam gegen die Nazis kämpften und starben. Hier, wo einst die Brüderlichkeit und Einheit der Völker Jugoslawiens beschworen wurde, sind die Beziehungen zwischen Serben und Albanern heute an einem Tiefpunkt angelangt.
Die Stadt, die unter dem Denkmal liegt, ist geteilt: In das kleinere, serbische Nordmitrovica und das grössere, albanische Südmitrovica, der Fluss Ibar trennt sie. 1,5 Millionen Albaner und 50 000 bis 100 000 Serben leben in Kosovo. Von diesen siedelt die Hälfte hier im Norden, wo sie in der Mehrheit sind. Die übrigen Serben leben im Süden, verstreut in Kleinstädten und Dörfern. Als Bürger Kosovos fühlen sie sich nicht. Lieber würden sie wieder zu Serbien gehören, wie vor der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung 2008, oder wenigstens über politische Autonomie im Staat verfügen. Doch davon sind sie weit entfernt.
Mitrovica: Die nicht mehr ganz geteilte Stadt
Die Flaniermeile von Nordmitrovica, die von der Ibar-Brücke leicht ansteigend ins Stadtzentrum führt, war mit ihren Cafés, Bars und Buchläden einst der Stolz der serbischen Bewohner. Doch heute ist die Strasse nur noch wenig belebt. Die serbischen Flaggen hängen verbleicht und in Fetzen von den Laternenpfählen. Unten an der Brücke haben die Filialen kosovarischer Süsswaren- und Fast-Food-Ketten die serbischen Läden verdrängt.
Die Serben meiden diese Geschäfte, sprechen von einer schleichenden Inbesitznahme ihrer Stadt durch Kosovo-Albaner. Sie haben sich in den höher gelegenen Teil der Flaniermeile zurückgezogen. Einige der Autos, die dort oben durch einen Kreisel fahren, haben seit 2022 auf Geheiss Pristinas kosovarische Kennzeichen. Viele Autos tragen jedoch nach wie vor die Kürzel serbischer Städte.
In einem Café gleich nebenan sind die Preise in Euro angeschrieben, der offiziellen Währung Kosovos. Trotzdem hat die Kellnerin nur serbischen Dinar im Portemonnaie, obwohl dieser Anfang 2024 verboten wurde. Wer in Euro bezahlen will, wird mit Argwohn gemustert, am Ende geht es doch. Geld ist Geld. Die Kennzeichen aus Serbien, die Weiterverwendung des Dinar: Es sind stille Proteste der Kosovo-Serben gegen die Anordnungen aus Pristina. Gegen Albin Kurti.
Der Linksnationalist ist seit 2021 Ministerpräsident Kosovos. Kurti hat es sich zur Aufgabe gemacht, Belgrads Einfluss zurückzudrängen. Schritt für Schritt setzt er im Norden die kosovarische Souveränität durch. Er verbot die Ausgabe serbischer Autokennzeichen, schloss serbische Poststellen und Versicherungsbüros. Die Serben, aber auch die Botschaften der EU und der USA protestierten. Kurti ignorierte beides – und macht unbeirrt weiter.
Doch auch Belgrad – in Nordkosovo immer noch der grösste Arbeitgeber – übt Druck auf die Kosovo-Serben aus. Es wies sie an, die Lokalwahlen zu boykottieren und ihre Posten in den kosovarischen Institutionen zu verlassen. Längst sind die Kosovo-Serben zum Spielball zwischen Pristina und Belgrad geworden.
Anastasija Djordjevic hat die Veränderungen der letzten vier Jahre hautnah miterlebt. Die 21-Jährige studiert Mathematik in Nordmitrovica an der einzigen Universität Kosovos, die dem serbischen Bildungssystem angegliedert ist und in der auf Serbisch unterrichtet wird.
«Eigentlich ist es uns Serben egal, wer ein Geschäft führt», sagt Djordjevic. «Wir gehen auch über den Fluss nach Süden, um bei Albanern einzukaufen oder zu essen.» Mit alteingesessenen Albanern, Roma oder Bosniaken diesseits des Flusses lebe man problemlos zusammen. Aber: «Die Brücke ist für uns eine Grenze. Wenn jemand auf unsere Seite kommt und hier ein Geschäft eröffnet, ist es, als nehme er uns etwas weg.»
In Kosovo verstehen viele das Zusammenleben als ein Nullsummenspiel: Was die eine Seite gewinnt, das verliert die andere.
Die kosovarische Polizei patrouilliert jetzt häufiger in der Stadt, um Zwischenfälle zu verhindern. Das gelingt nicht immer: Am 17. Februar, dem Tag der Unabhängigkeit Kosovos, fuhren zwölf Kosovo-Albaner in ihren Autos, albanische Fahnen schwenkend, durch die Strassen. Sie filmten sich dabei und drohten in dem Video den Serben: «Für jeden Tschetnik haben wir eine Patrone.»
Solche Provokationen verunsichern die Serben in Kosovo. Denn sie geben ihnen zu verstehen, dass sie unerwünscht sind. Dann werden Erinnerungen wach an den Krieg oder an die Ausschreitungen im März 2004. Damals vertrieb ein albanischer Mob Tausende Serben und Roma aus ihren Dörfern.
Wer nicht kooperiert, fliegt raus
Der Mann, der hier für Recht und Ordnung sorgen soll, heisst Veton Elshani. Der Kosovo-Albaner ist ein kräftiger, gedrungener Mann Ende 40 mit Bürstenschnitt. Offiziell ist Oberstleutnant Elshani stellvertretender Polizeikommandant der Region Nord. Inoffiziell ist er der Chef. Denn der serbische Kommandant hatte Ende 2022 seinen Posten aus Protest gegen die kosovarischen Autokennzeichen geräumt, zusammen mit allen anderen serbischen Polizisten.
Pristina ersetzte die serbischen Beamten kurzerhand mit kosovo-albanischen. Mittlerweile bestehe das Polizeikorps aber wieder zu einem Drittel aus Kosovo-Serben, sagt Elshani. In seinem Büro in Nordmitrovica steht eine golden gesäumte Kosovo-Fahne, am Fernseher läuft kosovo-albanisches Reality-TV. Auf dem Bürotisch liegen zwei Sturmgewehre. Eines gehöre ihm, sagt der Polizist. Das andere – eine modifizierte Kalaschnikow – stamme vom Banjska-Überfall.
Im September 2023 hatten 30 schwerbewaffnete Serben bei Banjska einen Hinterhalt gelegt und einen kosovarischen Polizisten erschossen. Erst als die Spezialpolizei Kosovos eingriff, flohen die Angreifer, drei wurden getötet. Den Vorfall betrachten viele als Zäsur.
Elshani sagt, seither sei alles besser geworden. Er sei froh um die militarisierte Spezialpolizei, die seit dem Überfall im Norden stationiert ist. Für die Studentin Djordjevic hingegen ist seit Banjska alles schlechter geworden. Vor allem die kosovo-albanischen Spezialpolizisten mit ihren Sturmgewehren machten den Serben Angst, sagt sie.
Auch der bürokratische Druck ist in jüngerer Zeit gestiegen. Im Gegensatz zu den Kosovo-Serben im Süden, die alle Urkunden und Dokumente doppelt besitzen – einmal aus Kosovo, einmal aus Serbien –, verfügten jene im Norden bislang nur über serbische Papiere. «Jetzt haben sie drei Monate Zeit, um kosovarische Papiere zu erwerben», sagt Elshani. «Ist die Frist abgelaufen, behandle ich sie als Ausländer. Entweder sie beantragen eine Aufenthaltsbewilligung – oder sie fliegen raus.»
Für die Serben Nordkosovos ist das ein Schock. 22 Jahre lebten sie in einer Art Zwischenwelt, hofften, eines Tages wieder zu Serbien zu gehören. Jetzt wird ihnen die kosovarische Staatsbürgerschaft aufgezwungen, und Kosovo-Albaner breiten sich in ihrer Stadt aus. Mit den Schliessungen serbischer Ämter haben viele nicht nur ihre Arbeit, sondern auch die Hoffnung verloren. Serbien beschuldigt Kurti, die Serben aus dem Land drängen zu wollen, es spricht von ethnischer Säuberung mit politischen Mitteln.
Anastasija Djordjevic, die Mathematikstudentin, sieht auch Fehler auf serbischer Seite. Der geschlossene Rücktritt der serbischen Polizisten 2022, der Boykott der Lokalwahlen 2023, in deren Folge Kosovo-Albaner das Präsidium der Gemeinden im Norden übernahmen: «Damals erschienen diese Ideen gut», sagt sie. «Doch sie bescherten uns ein katastrophales Leben.» Die Serben müssten so rasch wie möglich wieder in kosovarische Institutionen zurückkehren, damit ihre Stimme gehört werde. Sonst gebe es für sie kein Überleben in Kosovo.
Gorazdevac: wo Serben mit Albanern leben
Nicht überall in Kosovo leben Serben und Albaner so getrennt wie in Mitrovica. Im Dorf Gorazdevac, 75 Kilometer südwestlich, wohnen 700 Serben in der kosovo-albanisch dominierten Gemeinde Peja, weitab vom Einfluss Serbiens. Auch sie blicken pessimistisch in die Zukunft, jedoch aus anderen Gründen.
Die Fahrt zu dem Dorf führt durch die Region Drenica, die während des Kosovokriegs Ende der 1990er Jahre eine Hochburg der UCK war, der sogenannten Befreiungsarmee Kosovos. Immer wieder säumen Denkmäler und Kriegergräber die Strasse. Die Flagge der UCK flattert neben jener Albaniens, die kosovarische Staatsflagge ist hier nirgends zu sehen.
UCK-Denkmäler und Albaniens schwarzer Adler prägen auch das Stadtbild von Peja, dem Hauptort der Gemeinde. Er wurde im Krieg schwer versehrt und war Schauplatz einer ethnischen Säuberung durch serbische Einheiten. 80 Prozent der Häuser wurden beschädigt oder zerstört. Nach dem Krieg vertrieben die Kosovo-Albaner die Serben aus Peja und den umliegenden Dörfern – nicht aber aus Gorazdevac. Angeblich sollen einrückende Nato-Soldaten das Dorf geschützt haben.
Auch hier ist die Kriegsvergangenheit spürbar. Am Dorfeingang steht ein Denkmal mit den Porträts eines Knaben und eines jungen Mannes. 2003 badeten sie mit andern Jugendlichen im Fluss nahe dem Dorf, als Unbekannte – mutmasslich Kosovo-Albaner – auf sie schossen. Die Angreifer töteten die beiden, 13 und 19 Jahre alt, und verletzten vier weitere.
Trotz diesem Trauma funktioniert in der Gemeinde Peja das Zusammenleben zwischen Albanern und Serben einigermassen gut. Das hat auch mit Gazmend Muhaxheri zu tun.
Ein Politiker kümmert sich um seine Minderheit
Muhaxheri ist Mitglied der Oppositionspartei Demokratische Liga Kosovos (LDK) und seit 2013 Gemeindepräsident von Peja. Vor zwei Jahren hatte er für einen Aufschrei gesorgt, als er Kurtis Politik im Norden mit jener Serbiens in den 1990er Jahren verglich. Damals hatte Belgrad die Autonomierechte Kosovos aufgehoben und die Provinz unter serbische Kontrolle gestellt.
Für diesen Vergleich wird Muhaxheri seither schwer angegriffen. Er stelle Kurti mit dem verurteilten Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic auf die gleiche Stufe, heisst es. «Nein», wehrt er sich: «Ich habe die Massnahmen bloss verglichen. Sie sind nicht gleich schlimm, aber beide unmenschlich.»
Ein Jahr ist es her, dass kosovarische Polizisten auf Anordnung aus Pristina das serbische Gemeindebüro und die serbische Post in Gorazdevac schlossen. Das hatte schwerwiegende Konsequenzen: Weil Serbien nicht mit der Post oder den Banken Kosovos zusammenarbeitet, müssen die Rentner aus Gorazdevac 150 Kilometer in die nächste Stadt in Serbien reisen, um ihre Renten abzuholen.
Ein alter Mann aus dem Dorf erzählt, dass er das nicht mehr lange könne. Er sei bald zu gebrechlich für die Reise, und sie koste ihn jedes Mal einen guten Teil seiner Rente.
Muhaxheri bezeichnet die Schliessungen als Propagandamassnahme der Regierung. Er selbst geht auf die Serben in seiner Gemeinde zu. Er informiert sie über das Gemeindebudget und berät mit ihnen geplante Investitionen vor Ort. Die Serben rechnen ihm das hoch an und loben ihn dafür. Sie sind froh über neu asphaltierte Strassen oder Beleuchtungen. Inzwischen wählen manche von ihnen sogar die LDK und nicht mehr kosovo-serbische Parteien, wie sie hinter vorgehaltener Hand zugeben.
Auf die Frage, wie er als Gemeindepräsident Albaner und Serben einander näherbringe, hat Muhaxheri dennoch keine klare Antwort: Die Beziehungen seien gut. Nicht perfekt, aber gut.
Es sind allerdings nicht nur die Behörden und die Politiker, die für ein Miteinander sorgen können – sondern auch die gewöhnlichen Menschen. Zu ihnen zählt Miroslavka Simonovic.
«Die Menschen sind gut, die Politik entzweit sie»
Die Kosovo-Serbin ist 60 Jahre alt und wohnt seit 42 Jahren mit ihrem Mann in Gorazdevac. Wie viele Serben im ländlichen Kosovo lebt sie von ihrem Gemüsegarten und den paar Hühnern und Schweinen, die sie hält. Ihr Mann war bis zum Krieg Kellner in einem Hotel in Peja. Doch seine Rente aus Serbien reicht hinten und vorne nicht. Simonovic produziert und verkauft deshalb traditionelle Produkte: Ajvar, eine schmackhafte Gemüsepaste, Sauerkraut und Rakija, den selbstgebrannten Obstschnaps.
Die Zutaten kaufe sie bei kosovo-albanischen Bauern. Auch alle ihre Kunden seien Albanerinnen und Albaner. Sie kämen bei ihr zu Hause vorbei, um einzukaufen. «Ich bin mittlerweile mit vielen gut befreundet», sagt sie. «Als der Dinar verboten wurde, haben mich meine Freundinnen angerufen und gefragt, wie sie mir helfen könnten. Ich war so gerührt, dass ich weinen musste.»
Eigentlich seien die Menschen in Kosovo gut, Albaner wie Serben, sagt Simonovic. Was sie entzweie, seien die Politiker. Auf diese ist sie schlecht zu sprechen: «Erwähne mir gegenüber bloss keinen Politiker!», sagt sie. Dann zeigt sie auf ihr Haus.
Das Ziegeldach hängt durch, als ob es beim nächsten Regen einbrechen würde. Mehrmals habe sie bei der Serbischen Liste, der stärksten serbischen Partei Kosovos, angerufen und um Unterstützung gebeten. «Doch die Politiker schauen nur für sich und ihre Familien. Der Rest geht leer aus.»
Die wirtschaftlichen Perspektiven in Kosovo sind schlecht, für Serben und für Albaner. Grosse Privatunternehmen existieren wenige. Klientelismus und Vetternwirtschaft bei staatlichen Stellen verschlimmern die Situation. Viele wandern aus. Auch Simonovics Kinder sind gegangen, nach Serbien und nach Montenegro.
Gorazdevac zeigt: Albaner und Serben können zusammenleben. Doch wollen das auch die Politiker? Seit 2013 liegt eigentlich ein von der EU ausgehandeltes Abkommen zwischen Belgrad und Pristina vor. Demnach soll Serbien Pristinas Autorität über die ehemalige Provinz zwar nicht juristisch, aber faktisch anerkennen. Im Gegenzug erhielten die Kosovo-Serben über einen Zusammenschluss ihrer Gemeinden ein Selbstbestimmungsrecht.
Doch Albin Kurti und Serbiens Präsident Aleksandar Vucic scheren sich nicht darum. Kurti lässt weiterhin serbische Institutionen im Norden schliessen. Und Vucic beharrt darauf, dass Kosovo für immer ein Teil Serbiens sein werde. Ein Kompromiss ist nicht in Sicht.