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Startseite » Warum Homer zwei «Pageturner» schrieb und wie Caesar in Gallien einen Völkermord verübte: Antike Geschichte kann man auch ohne bildungsbürgerliches Pathos erzählen
Feuilleton

Warum Homer zwei «Pageturner» schrieb und wie Caesar in Gallien einen Völkermord verübte: Antike Geschichte kann man auch ohne bildungsbürgerliches Pathos erzählen

MitarbeiterBy MitarbeiterAugust 29, 2025
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Warum Homer zwei «Pageturner» schrieb und wie Caesar in Gallien einen Völkermord verübte: Antike Geschichte kann man auch ohne bildungsbürgerliches Pathos erzählen

Weisheit, Schönheit, Tugend? Ach was! Die griechische und römische Geschichte war voll von Gewalt, Intrigen und Katastrophen. Michael Sommer und Stefan von der Lahr erzählen sie neu.

Zugegeben, manchmal ist es nicht ganz einfach mit der Geschichte des Altertums. Eine fremde Welt, unbekannte Namen, eine Sklavenhaltergesellschaft und Schlachten ohne Ende. Die Antike dem heutigen Publikum zu erschliessen, ist nicht ganz einfach. Schon Friedrich Nietzsche warnte vor dem «allgemein beliebten Popularisieren der Wissenschaft». Und meinte damit «das berüchtigte Zuschneiden des Rocks der Wissenschaft auf den Leib des gemischten Publikums».

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Liest man die ersten Kapitel des von Michael Sommer und Stefan von der Lahr vorgelegten Buchs über «Die verdammt blutige Geschichte der Antike», versteht man Nietzsches Warnung ein bisschen. Wie da über die «Ilias» und die «Odyssee» geschrieben wird, macht den Leser eher ratlos. Einen «Megaerfolg» habe Homer mit der «Ilias» gelandet, heisst es da. «Aber ein Hit bleibt selten allein.» Deshalb habe sich ein anderer Dichter, der später ebenfalls Homer genannt wurde entschlossen, nach der Geschichte vom Untergang Trojas auch noch die Geschichte von Odysseus’ Heimfahrt zu erzählen: «Daraus konnte man doch noch so einen Pageturner wie die ‹Ilias› machen.»

Das Motiv der beiden Autoren ist so klar wie nachvollziehbar: Das klassizistische Pathos, mit dem die Welt der Griechen und Römer bis weit ins 20. Jahrhundert zelebriert wurde, hat die historischen Tatsachen mit einer falschen Tünche überzogen. So edel, still und gross, wie die zum Schulstoff geronnene Geschichte suggeriert, war die Antike nicht. Der weisse Marmor war oftmals blutverschmiert. Da ein bisschen Luft rauszulassen, kann der Sache nur guttun.

Caesars Völkermord

Dass in den ersten beiden Kapiteln etwas viel Luft abgelassen wurde, tut dem keinen Abbruch. Vor allem, weil sich der Ton ab dem dritten Kapitel ändert. Da verlässt man die mythische Vorzeit und befindet sich in der historischen Zeit. Und es gelingt den beiden Autoren, auf ansprechende Weise von den grossen Ereignissen und zum Teil grössenwahnsinnigen Akteuren zu erzählen, die zwischen den mythischen Anfängen Italiens und der attisch-spartanischen Kultur bis zum Sturm der Goten die Geschicke Athens und Roms bestimmten.

Dabei scheuen sie sich nicht vor Urteilen, die vor noch nicht langer Zeit als unhistorisch zurückgewiesen worden wären: Dass Caesar in Gallien einen Völkermord begann, wird man mit dem heutigen Wissen nicht bestreiten können, ebenso wenig wie die Erkenntnis, dass die expandierende römische Republik «wie ein Verbrechersyndikat handelte, das seine Opfer zu Komplizen seiner künftigen Coups machte».

Auch die in der Altphilologie so oft und so enthusiastisch gepriesene attische Demokratie wird entzaubert. Ganz so demokratisch war sie bei genauer Betrachtung nicht, auch wenn sie für antike Verhältnisse eine Partizipation verschiedener Bevölkerungsteile ermöglichte. «Während also in der attischen Demokratie der kollektive Wille der Vielen die Wenigen einhegte, überliess die römische Republik die Elitenkontrolle den Mächtigen selbst», so bilanzieren die beiden Autoren und treffen damit einen zentralen Punkt.

Was den Menschen prägt

Eines verwundert indes: Wie ein Leitmotiv zieht sich der wiederkehrende Satz «Nichts Neues unter der Sonne» durch dieses Buch. «Und was mochte die Welt aus dem Fall der Melier lernen?», heisst es über die Insel Melos, die von den Athenern aus reinem Machtkalkül zerstört wurde: «Studieren Sie einfach die Entscheidungsträger der letzten 2500 Jahre und kommen Sie allein auf die Antwort: Genau nullkommanull.»

Liegt ein solcher Geschichtsfatalismus nicht nahe bei einer Geisteshaltung, die in der antiken Geschichte nichts als «langweiligen Kram» zu erkennen meint? Dass die beiden Autoren dies selbst nicht so sehen, zeigt nicht nur ihre differenzierte Darstellung der grossen attischen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides. Hier verweisen sie nachdrücklich auf einen Vers aus der «Antigone» von Sophokles: «Die Stadt ist nicht das, was einem einzelnen Mann gehört». Es bedarf keiner Aktualisierungen, um aus dieser 2500 Jahre alten Erkenntnis einen Bezug zu den Trumps, Putins und Orbans unserer Tage zu erkennen.

Womöglich ist das die Stärke der antiken Geschichte und derer, die sie schrieben: Im Ablauf der Ereignisse das zu erkennen, was den Menschen seit je beispielhaft prägt. Allerdings gehört dazu auch dessen Lernfähigkeit. Deshalb ist es schade, dass die «guten» römischen Kaiser Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius und Mark Aurel übersprungen werden. Die griechisch-römische Antike bietet ja nicht nur Beispiele für blutrünstige Rachegelüste und kleinliche Wichtigtuerei, sondern auch für Lebensklugheit, Weisheit und: ja, das Lernen aus der eigenen Geschichte.

Die Idee des Fortschritts

Warum sonst hätte sich das intellektuelle und künstlerische Gestalten der Renaissance an ihr messen sollen? Und zeigt nicht die Rezeption der Antike während der Französischen Revolution, dass es eben nicht dasselbe ist, ob man sich am Spartaner Lykurg oder am Athener Solon orientiert? Natürlich war der «Fortschrittsglaube der Moderne» den Menschen der Antike fremd, wie Sommer und von der Lahr betonen. Das trifft zweifellos zu. Aber ohne die Antike gäbe es keine Vorstellung von Fortschritt, wie auch Winckelmanns berühmter Ausspruch zeigt, es gelte, die Griechen nachzuahmen, um unnachahmlich zu werden.

Michael Sommers und Stefan von der Lahrs Geschichte der Antike ist ein Buch, das zum Nachdenken wie zum Widerspruch anregt und überdies ein Lesevergnügen ist. Nietzsches «Rock der Wissenschaft» wird auf das heutige Publikum zugeschnitten. Dabei werden viele Ereignisse entzaubert, gewinnen zugleich aber klarere Konturen – und liegen näher bei der historischen Wahrheit als die um Erhabenheit bemühten Darstellungen traditioneller Schulbücher. Eine Frage an die beiden Autoren bleibt indes: Worin besteht eigentlich «der langweilige Kram» der alten Geschichte, von dem im Titel die Rede ist?

Michael Sommer / Stefan von der Lahr, Die verdammt blutige Geschichte der Antike ohne den ganzen langweiligen Kram, C.-H.-Beck-Verlag, München 2025, 364 S., Fr. 39.90.

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