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Startseite » Wo haben die Amerikaner ihre Goldreserven versteckt? Oder gibt es sie gar nicht?
Feuilleton

Wo haben die Amerikaner ihre Goldreserven versteckt? Oder gibt es sie gar nicht?

MitarbeiterBy MitarbeiterSeptember 15, 2025
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Wo haben die Amerikaner ihre Goldreserven versteckt? Oder gibt es sie gar nicht?

Percival Everett parodiert in seinem neuen Roman «Dr. No» Donald Trump und die amerikanischen Verschwörungstheoretiker. Das garantiert für ein grosses Lesevergnügen.

Was ist in einer leeren Schachtel? Nichts. Aber ist in einer leeren Schachtel nicht immer noch der Raum dieser Schachtel? Einer, der eine solche Frage vielleicht beantworten könnte, ist Wala Kitu, Mathematikprofessor aus Providence. Er ist Experte für nichts. Und er sorgt mit ein paar anderen schrägen Figuren dafür, dass in Percival Everetts neuem Roman «Dr. No» das Wort «nichts» gezählte vierhundertsiebenundzwanzig Mal vorkommt. Das ist auch nicht nichts.

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Everett, Jahrgang 1956, ist der grosse Spieler der amerikanischen Literatur. Virtuos kann er Stile nachahmen und Ideen parodieren. Dass sein «Dr. No» mit Superschurken aus James-Bond-Filmen im Bunde steht, ist Teil einer Maskerade, die wieder einmal das wahre Gesicht Amerikas entblössen will. Bei den forcierten Kalauern von Everetts vor drei Jahren im Original erschienenem Werk kommt man kaum mit, und die Pointen haben eine hohe Aufprallgeschwindigkeit, aber das macht nichts. Es bleibt ein Spass, der seinen tieferen Ernst nicht allzu sehr verbirgt.

Das Handwerk der Schurken

Wala Kitu kennt sich nicht nur bei nichts aus, auch sein Name ist Programm. «Wala» bedeutet auf Tagalog «nichts», und «Kitu» heisst das Gleiche auf Swahili. Weil – Vorsicht: Mathematikerwitz – Minus mal Minus Plus ergibt, ist dieser an der Brown University lehrende schwarze Professor dann doch jemand. Eine Kapazität auf seinem Gebiet.

Das ist auch dem Milliardär John Sill nicht entgangen. Er hat beschlossen, ein Bond-Schurke zu werden, «die Art von Übeltäter, die den Premierminister veranlassen könnte, einen Doppelnull-Spion loszuschicken, um mir das Handwerk zu legen. Sie wissen schon, Böses um des Bösen willen.»

Das Gute für Wala Kitu: Sill steckt ihm in einem unscheinbaren Café in Providence einen Check über drei Millionen Dollar zu. Der Mathematiker soll ihm dabei helfen, das grosse Nichts aus dem Tresor von Fort Knox zu stehlen. Fort Knox? Sind dort nicht die amerikanischen Goldreserven gelagert? An so etwas glaubt John Sill nicht, und ausserdem hält er das Nichts für tausendmal wertvoller. Er braucht es für seinen teuflischen Plan.

In seiner von Nikolaus Stingl in ein wunderbar gaunerhaftes Deutsch gebrachten Komödie lässt Percival Everett eine illustre Truppe von Gestalten auftreten. Wie der Autor selbst ist auch Sill Afroamerikaner und hat mit der weissen Politikerkaste des Landes noch ein Hühnchen zu rupfen. An seiner Seite ist die verführerische Gloria, die den Professor etwas zu oft mit der Frage behelligt, ob er mit ihr Sex haben will. Das will er nicht. Das hatte er noch nie gewollt. Und ein erster aufgezwungener Kuss fühlt sich für ihn an, «als küsste man ein Nudelsieb».

Der geniale Mittdreissiger ist im Spektrum des Autismus. Genauso wie seine linkische Kollegin, die den sprechenden Namen Eigen Vector trägt. Auch sie wird in John Sills Machenschaften hineingezogen. Er betrachtet sie als seine Freundin, was ihn allerdings nicht daran hindert, sie dauerhaft unter Drogen zu setzen. Im gegnerischen Lager ausserdem mit von der Partie: zwei Regierungsbeamte, von denen der eine originellerweise Bill Clinton heisst. Und Walas Hund Trigo, eine einbeinige Bulldogge, deren dreifacher Beinverlust dadurch ausgeglichen wird, dass sie mit ihrem Besitzer philosophische Gespräche führen kann.

Everett jagt den Leser durchs Gestrüpp der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik und natürlich durch die üblichen Reisepläne von Superschurken. Per Privatjet geht es nach Miami und Korsika, ein Helikopter und ein U-Boot stehen bereit. John Sill hat luxuriöse Villen, verschwiegene Waldhütten und auch die echte Mona Lisa. In Paris gäbe man ihr Fehlen niemals zu, und deshalb fühlt sich der Kunstdieb damit sicher.

«Dr. No» ist ein Hybrid aus zwei Welten. Aus Chaos und Ordnung. Zwei hüftsteife Wissenschafter, die bisher ihre Lust auf algebraische De-Rham-Kohomologie-Klassen, Kähler-Mannigfaltigkeiten und die Goldbachsche Vermutung konzentriert haben, treffen auf einen Menschen, der zur «Kulturkrankheit» werden möchte. Die Auslöschung ist ihm kein Ende, sondern ein Anfang. «Er will Amerika wieder zu nichts machen», sagt Wala Kitu.

Das ist natürlich eine parodistische Ansage gegen die «Make America great again»-Euphorie des politischen Washington, aber in Wirklichkeit parodiert sich dieses Washington auch selbst. Vor ein paar Monaten hat Donald Trump angekündigt, in Fort Knox einmal höchstpersönlich nachzuschauen, ob das staatliche Gold noch dort liege. Eine beliebte Verschwörungstheorie behauptet das Gegenteil. Ob im Fort Knox des Romans der amerikanische Schatz noch an Ort und Stelle ist, soll hier nicht verraten werden, sondern nur, dass man eine Schachtel findet, in der vielleicht etwas Wertvolles ist, weil in ihr nichts ist.

Schweisstreibende Arbeit

Das Wort Vernichtung kommt im ganzen Roman nur einmal vor. Es bildet die dystopische Leerstelle, mit der sich die ganze aberwitzige Konstruktion Percival Everetts in den Ernst dreht und sie bis in die amerikanische Wirklichkeit ragt. Das Auslöschen des anderen, des Gegners und die Rache werden in «Dr. No» auch thematisiert. John Sill, verrückt vor quecksilbrigem Zorn, möchte ganze Gebiete von der Landkarte tilgen. Man hat seinen Vater erschossen, als er seinerseits Augenzeuge der Ermordung von Martin Luther King wurde. Sill, hätte er erst einmal das absolute Nichts als Waffe in der Hand, würde zur Tat schreiten. Sein Ziel: Washington (DC). «Wenn DC nichts ist, werden auch die Vereinigten Staaten nichts sein, und es bleibt nichts mehr zu tun.»

Das Tröstliche an Everetts «Dr. No»: Die, die das Land aus den Fliehkräften der Irrationalität befreien, sind nerdige Wissenschafter, wie sie im heutigen Amerika immer mehr angefeindet werden. Der Showdown des Romans ist dann wirklich ein Showdown à la James Bond. Nachdem sie John Sills habhaft geworden sind, reichen sich die Guten schwitzend die Hände. Internationale Geheimagenten, die beiden letzten unbestechlichen Regierungsbeamten und ein Forscher des Nichts. «Schurkerei ist harte Arbeit», war John Sills Motto. Gut sein auch.

Percival Everett: Dr. No. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser-Verlag, München 2025. 320 S., Fr. 35.90.

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