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Startseite » Zum Tod von Roger Norrington: Der Maestro war der Chefkoch der Lebensfreude
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Zum Tod von Roger Norrington: Der Maestro war der Chefkoch der Lebensfreude

MitarbeiterBy MitarbeiterJuli 21, 2025
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Zum Tod von Roger Norrington: Der Maestro war der Chefkoch der Lebensfreude

Er hat das Zürcher Kammerorchester geprägt und die Interpretation von klassischer Musik revolutioniert. Nun ist der britische Dirigent Sir Roger Norrington gestorben.

Es gibt Dirigenten, deren Auftritte ähneln Sterbeszenen, Hiobsbotschaften, Verzweiflungstaten – sie erleiden die Musik bis zur bitteren Neige, und das Publikum wird gleichsam Zeuge einer menschlichen Tragödie. Die Konzerte mit Roger Norrington hingegen – sie glichen Geburtstagsfeiern, liebevoll vorbereiteten Festen: Der Maestro war der Gastgeber an einem Abend im Zeichen von Geselligkeit, Inspiration, guter Laune und Lebensfreude.

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Oder er war der Chefkoch – diesen Vergleich liebte Norrington sehr, während ihn die Idee befremdete, der Dirigent könne der Hohepriester eines Kultes sein, zelebriert vor einer in Andacht erstarrten Gemeinde. Nichts lag ihm ferner, ihn störte die feierliche Anonymität des Auditoriums: «Der Anblick einer so überaus seriösen und steifen Menschengruppe ist einigermassen sonderbar.» Weshalb er sie ausdrücklich ermunterte, zwischen den Sätzen zu applaudieren, wie es in früheren Zeiten noch üblich war. Mitunter wandte sich Norrington sogar mitten in der Musik um, suchte den Blickkontakt mit seinen Hörern, ein kurzer, wortloser Austausch unter Freunden: Habt ihr gemerkt, was wir da gerade gespielt haben?

«Mittelklassekakao»

Norrington misstraute der Pseudomystik zerdehnter Tempi und nebulöser Klangschwaden, die er mit der Vortragsbezeichnung «weihevollissimo» karikierte. Das vermeintliche Ideal eines «deutschen Klanges» hielt er ohnehin für einen Mythos, und einen historisch kontaminierten obendrein, der mehr mit Albert Speer als mit Brahms und Bruckner zu tun habe. «Transparenz der Stimmführung, Deutlichkeit der Phrasierung, Subtilität der Farbmischungen, Schärfe der Dissonanzen» – nach diesen ungetrübten Grundsätzen dirigierte er auch Richard Wagner, etwa das «Tristan»-Vorspiel: fliessend, sehnend, spannungsvoll, jugendlich ohne Edelfäule, eine überschwängliche, aber keine übersättigte Musik.

Die Ouvertüre zu Wagners «Meistersingern» hat Norrington geradezu gerettet und musikalisch rehabilitiert, indem er sie von allem Reichsparteitagspomp befreite und in eine so humoristische wie lebenslustige Musik verwandelte: zurück zu den Ursprüngen. Die anfänglichen Vorwürfe, der Wagner sei ihm aber viel zu flott geraten, konnte er mühelos entkräften und mit einem leicht ironischen Hinweis auf die Holzwege der Bayreuther Traditionen bedenken: «Wagners Witwe engagierte all diese langsamen Dirigenten, das hängt uns immer noch nach.»

Sir Roger hinterfragte gern alles und jedes: die Noten, die Tempi, die Sitzordnung der Musiker; er suchte und erforschte die Handschriften und Erstausgaben, die Lehrwerke und Traktate, die historischen Instrumente und vormaligen Orchesterformationen. Und konnte deshalb die handelsüblichen Interpretationen bald nicht mehr ertragen: Was er in den Partituren las, stimmte überhaupt nicht mit den oft verhangenen Höreindrücken überein, die er empfing. «Mozart, Bach, Händel, Beethoven, immer dasselbe. Ich lese schnelle, wilde, gefährliche Musik – und höre warme, strenge, majestätische Musik, wie Mittelklassekakao. Das ist lächerlich.»

Entdecker und Erwecker

Roger Norrington, der 1934 in Oxford geboren wurde – sein Vater war Vizekanzler der Universität und Präsident des Trinity College –, wusste diese musikalischen Missverständnisse aus zwei Richtungen anzugreifen: als ein Gelehrter mit Studium an der University of Cambridge, der über das nötige quellenkritische und editorische Rüstzeug gebot; und als ein Praktiker, der die Violine spielte, der als Tenor in Opern und Oratorien auftrat, bei Adrian Boult am Royal College of Music studierte und lange Jahre an der Kent Opera das kapellmeisterliche Metier von der Pike auf erlernte.

In den Gründerjahren der britischen HIP («historically informed performance») gehörte er neben seinen Landsleuten John Eliot Gardiner, Christopher Hogwood und Trevor Pinnock zu den Pionieren, die unbekannte Werke entdeckten und verkannte erweckten, mit alten Instrumenten und neuen Ensembles. Roger Norrington rief 1962 den Schütz Choir ins Leben («Wer ist Schütz?», fragten die englischen Zeitgenossen) und 1978 die London Classical Players, mit denen er nicht nur die wilde, gefährliche Musik von Bach und Beethoven neu entflammte, sondern auch einen «skandalösen» Wagner auf die Hörer losliess.

«Ich möchte, dass der Komponist gewinnt!», lautete sein selbstbewusstes Bekenntnis. Und der konnte auch Smetana, Elgar oder Martinů heissen. Denn sowenig ihm an dem Expertenruhm eines Alte-Musik-Archäologen lag, so abwegig erschien ihm das Revierdenken der Spezialisten. Und so erlebte er glückliche Jahre als künstlerischer Leiter der Camerata Salzburg und bis 2015 des Zürcher Kammerorchesters, dessen stilistische Sensibilität, musikalische Klugheit und gedankliche Offenheit er gar nicht hoch genug rühmen konnte.

Der «reine Ton»

Als Chefdirigent eines deutschen Radio-Sinfonieorchesters, von 1998 bis 2011 in Stuttgart, hat Norrington das grosse, das moderne Repertoire vollkommen neu begründet, in einer Kontinuität und Konsequenz, die nicht von den Unwägbarkeiten der Gastdirigate bei prominenteren «Klangkörpern» durchkreuzt wurden. «In Stuttgart spielen die Musiker viel stärker miteinander», schwärmte Norrington. «Alle sitzen erhöht im Halbkreis und sehen einander, während ich unten in der Mitte stehe. Nach unserem Konzert mit Mahlers Fünfter kam ein alter Orchestermusiker zu mir und sagte, das sei der grösste Kammermusikabend gewesen, den er je erlebt habe. Das war das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe.»

Mit diesen gleichgesinnten Musikern kreierte Norrington den «Stuttgart Sound», dessen höchstes Gut und gezieltester Affront im «reinen Ton» lag. Mit anderen Worten: Selbst Tschaikowsky und Mahler wurden von den Stuttgarter Streichern ohne jedes Vibrato intoniert. Nichts verachtete Sir Roger mehr als dieses ahistorische und gefühlsduselige Vibrato, das er als Make-up, Dauerwelle, Sauce, stotternden Motor oder Hollywood-Glamour verspottete. «Wie wäre ich entzückt, wenn an dem Tag, an dem ich sterbe, kein Mensch mehr mit Vibrato spielt.»

Dieser Wunsch, den er bis zu seinem offiziell letzten Konzertauftritt am 18. November 2021 verfolgte, blieb freilich unerfüllt: ein Traum wie ein Weckruf. Am 18. Juli ist Sir Roger Norrington im Alter von 91 Jahren gestorben: ein Grandseigneur, streitlustig bis zuletzt, liebenswürdig, unbestechlich, eigenwillig, einzigartig und schlichtweg unersetzlich.

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